Umweltverträglichkeit von Motorrädern (Archivversion) Ablasshandel

Das Feilschen um zukünftige Schadstoffgrenzwerte für Motorräder ist voll im Gange. Was der EU-Umweltministerrat kürzlich für 2003 beschloss, geht der Bundesregierung nicht weit genug. Auch Spritverbrauch und Verdunstungsemissionen sind ein Thema.

Fest steht derzeit eigentlich gar nichts. Außer dass die Bundesregierung wild entschlossen ist, die Schadstoffgrenzwerte für Motorräder je eher desto besser denen von heutigen Pkw anzupassen (siehe auch Interview auf Seite 254). Darüber entscheidet allerdings das Europäische Parlament und nicht Berlin. Die EU-Umweltministerkonferenz einigte sich vor einem Monat, dem EU-Parlament Grenzwerte ab dem 1. Januar 2003 vorzuschlagen, die in etwa einer Halbierung der jetzigen Werte entsprechen. Auf strengere Werte für den 1.1.2006 legten sich die EU-Politiker jedoch nicht fest. Worüber man im Bundesumweltministerium sauer war. Staatssekretär Rainer Baake ließ sogleich verlauten, dass »..die Anforderungen für uns zu schwach (sind). Das Abgasverhalten neuer Motorräder liegt (...) auf dem Niveau zehn Jahre alter Pkw. Mit dem heutigen Beschluss vergrößert sich der Abstand sogar auf 15 Jahre.« Die EU-Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen. Noch vor der diesjährigen Sommerpause wird erwartet, dass sich Parlament und Ministerrat zu den vorgeschlagenen Grenzwerten für 2003 durchringen, eventuell sogar zu welchen für 2006. Was höchste Zeit wird, denn den Herstellern von Motorrädern missfällt zu Recht, bisher nur Anhaltspunkte darüber zu haben, welche Werte neue Motorräder ab 1. 1. 2003 einhalten sollen. 5,5 g/km Kohlenstoff (CO), 1,2 g/km Kohlenwasserstoff (HC), 0,3 g/km Stickoxyde NOx hätten die Europäische Kommision und der Fachausschuß des EU-Parlaments für Umweltfragen, Volksgesundheit und Vebraucherschutz gern. 1,0 g/km für HC die Umweltminister für Maschinen über 150 cm3. Diese so genannten Euro-2-Werte, die auf dem Prüfstand in einem Fahrzyklus bis 50 km/h nach vorheriger Warmlaufphase gemessen werden, bereiten einer Reihe moderner Motorräder schon heute kein Problem. Solange sie jedoch nicht europaweit festgeschrieben sind, werden sich nicht alle Hersteller für alle Modelle der Produktpalette die Mühe machen, diese zu unterschreiten. Allerdings tun sich kleine und mittlere Motorräder ohne Abgasreinigung wie etwa Sekundärluftsysteme schwer, die anvisierten 2003er Abgaswerte zu schaffen, wie MOTORRAD-Messungen und Untersuchungen des Umweltbundesamts ergeben haben. Zwar hat sich der europäische Motorradherstellerverband ACEM prinzipiell bereit erklärt, strengere Werte ab 2006 zu akzeptieren (siehe Interview), weist aber darauf hin, dass sie die Entwickler in enorme Zeitnot bringen würden. Besonders wenn die EU den so genannten Neuen europäischen Fahrzyklus (NEFZ) zugrunde legte. Ohne Warmlaufphase und bis zu Geschwindigkeiten von 120 km/h, so wie derzeit für Pkw vorgeschrieben (siehe Zeichnung auf Seite 264 oben). Die bundesdeutschen Vertreter im EU-Parlament, allen voran der SPDler Gerd Lange, möchten, wie MOTORRAD bereits berichtete, folgende Grenzwerte als Euro-3-Norm festgelegt wissen: 2,3 g/km CO, 0,2 g/km HC und 0,15 g/km NOx. Um den Status quo festzustellen, hat die TÜV Nord Straßenverkehr GmbH im Auftrag des Umweltbundesamts den Schadstoffausstoß fünfzig marktgängiger motorisierter Zweiräder vom 50er-Scooter bis hin zur Harley-Davidson Low Rider analysiert. Und dabei auch Messungen nach dem NEFZ-Pkw-Zyklus gefahren. Viele schwarze Schafe fanden sich darunter. Weil sie die aktuellen Grenzwerte, nach denen sie homologiert waren nicht einhalten. Offensichtlich wurde von einigen Herstellern kräftig geschummelt. So überschritt etwa eine 1999er Suzuki GSF 1200 N bei den Nachmessungen nach der bislang gültigen Norm ECE 40 die Werte für CO um das Dreifache, und das mit nur wenigen tausend Kilometern auf der Uhr. Ein paar Motorräder mit erstaunlich weißer Weste finden sich unter den 50 getesteten ebenfalls. Nicht verwunderlich, dass besonders Honda-Modelle positiv auffallen. Die Musterschüler heißen CBR 1100 XX und CBR 900 RR, beide mit geregeltem Kat, die schon CO- und NOx-Werte der vorgeschlagenen Euro-3 Norm unterschreiten. Hondas Umweltinitiative, freiwillig immer mehr Motorräder mit niedrigeren Schadstoffwerten als vorgeschrieben anzubieten, wirkt sich bereits aus. Indessen zeigt Kawasakis ZX 9R mit ungeregeltem Kat, dass Emissionen weit unter Euro-2 ohne großen Aufwand möglich sind.Der Zug ist ins Rollen gekommen. Ginge es nach dem Umweltbundesamt, könnten in Zukunft sogar Grenzwerte für die Benzinverdunstung vorgeschrieben werden, wie es in Kalifornien bereits üblich. Maßstab auch hier: die Vorschriften für Pkw. Technisch ist es kein Problem. Die Tankentlüftung führt dann nicht ins Freie, sondern in einen Aktivkohlefilter. Damit nicht genug. Die beamteten Umweltschützer schlagen eine regelmäßige Abgasuntersuchung vor und regen an, den Spritverbrauch in Zukunft deutlich zu senken.

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