Unfälle wegen Seitenständer (Archivversion) Vorsicht Falle!

Wer glaubt, er vergesse nie, seinen Seitenständer einzuklappen, irrt vielleicht nur noch dieses eine Mal. Wo liegen die Gefahren, und wie werden tragische Unfälle vermieden?

Am 22. August 1999 gegen 14 Uhr tankt Jürgen W. seine Suzuki GT 750 auf und biegt auf die L 512 ein. Der erfahrene Biker rollt durch zwei Rechtskurven, bevor er in eine langgezogene Linkskurve am Ortsausgang Rothemühle fährt: Funken sprühen. Der 40-Jährige stürzt und prallt gegen einen Telefonmast. Eine Stunde später stirbt er im Krankenwagen. Der ausgeklappte Seitenständer setzte in der Kurve auf und hebelte das Motorrad aus. Ein tragischer Fall. Denn das liebevoll restaurierte Motorrad, Baujahr 1973, entsprach den damals gültigen Zulassungsvorschriften und erhielt im Mai 1999 eine neue Plakette. Erst seit 1976 gilt eine Verordnung: »Der Fahrbetrieb mit Motorkraft darf nur bei vollständig eingeklapptem Seitenständer möglich sein.« Bei neueren Motorrädern sind die Gefahren gebannt (siehe Kasten). Aber derzeit düsen noch rund 158 000 Kräder auf Deutschlands Straßen, die vor Baujahr 1976 zugelassen worden sind. »Ich appelliere an alle Besitzer älterer Motorräder, das umzurüsten«, sagt Bernd Schüttler, Referatsleiter Zweirad beim TÜV Rheinland. (siehe Kasten). »Auch wir empfehlen einen Umbausatz«, so der GT 750-Referent des Wasserbüffelclubs Martin Krause. Oder noch einfacher: Das Teil abbauen. Was einzelne Ingenieure bei der Hauptuntersuchung ohnehin verlangen. Sigurd Rudolph, Sachverständiger der DEKRA in Dresden: »Das ist Ermessenssache. Es gibt keine 100prozentig gleiche Handhabung.« Die Gestrengen berufen sich auf Paragraph 30 der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung, der sich um Gefährdung und Betriebssicherheit dreht. »Das ist Unsinn«, sagt kategorisch Manfred Woll, Dienststellenleiter des TÜV in Landau. »Der Paragraph ist viel zu schwammig.« Ein mängelfreies Motorrad mit baujahrsgemäßer Betriebserlaubnis erhält den Aufkleber, wenn keine anderen Gesetze greifen und der Hersteller keine Nachrüstaktion verlangte. So sieht es Woll: »Man muss sich darüber bewusst sein, dass das Risiko bei alten Fahrzeugen größer ist. Mit einem Cabrio aus den 50ern dürfen sie heute noch ohne Sicherheitsgurte fahren. Mit den entsprechenden Folgen bei einem Unfall.« Noch verworrener wird die Lage, seit eine EU-Richtlinie von 1993 greift. Die besagt unter anderem, dass der Ständer einklappen sollte, »sobald das Fahrzeug vom Fahrer absichtlich nach vorn geschoben wird«. Was sehr unterschiedlich interpretiert werden kann. Im schlimmsten Fall Schieben in Schräglage bei ausgeklapptem Seitenständer. Nicht praktikabel. Aber so verstanden, schafft das fast jede seitliche Stütze. Bislang hat das jedoch kein Hersteller so ausgelegt. DEKRA-Fachmann Rudolph: »Vielleicht muss erst wieder etwas passieren, damit dieser missverständliche Paragraph geändert wird.« Wer glaubt, er vergesse nie einen Seitenständer, irrt sich gewaltig. MOTORRAD-Tester Mini Koch hat schon Hunderttausende Kilometer zurückgelegt. Vor zwei Jahren fiel er wegen eines ausgeklappten Seitenständers von einer in Japan zugelassenen Honda NSR 250. »Da kannst du überhaupt nichts mehr machen. Ich hatte Glück, dass nicht mehr passiert ist.«

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