Unfall mit Airbag (Archivversion)

Ein Überholmanöver auf der Landstraße hätte für Willi Hansel um ein Haar mit dem Tod geendet. Doch der Airbag an seiner Honda Gold Wing löste aus und rettete ihm das Leben.

Die Stelle war eigentlich ideal zum Überholen. Eine lange, gerade Landstraße, gut einzusehen und weit und breit kein Gegenverkehr. Reine Routine für einen erfahrenen Motorradpiloten wie Willi Hansel. Also setzte er den Blinker an seiner Gold Wing links, scherte aus und fuhr etwa mit Tempo 90 an den Autos vor ihm vorbei. Doch die junge Frau am Steuer eines VW-Bus T5 hatte die gleiche Idee. Plötzlich zieht sie raus. Genau in dem Moment, als Willi Hansel auf ihrer Höhe ist. Die Fahrzeuge touchieren sich. Die Gold Wing gerät ins Schlingern und schießt in spitzem Winkel in Richtung linker Fahrbahnaußenrand. »Da habe ich gewusst, gleich kracht es«, erinnert sich Willi Hansel an die Bruchteile einer Sekunde kurz vor dem Einschlag.
»Ich habe noch gemerkt, wie ich auf den Airbag aufgeschlagen bin«, schildert der 57-jährige Diplom-Ingenieur seine Erlebnisse. Die Honda prallt auf einen der Bäume, die hinter einem kleinen Graben die Straße säumen. Die Wucht des Aufpralls und die Detonation des Airbags zerstören die Frontverkleidung. Der linke Holm der Gabel reißt von der Radachse und zerschlägt den Motor. Wie ein Sachverständiger in seinem Gutachten festhält, ist auch der Rahmen angebrochen und das Topcase aus der Verankerung gerissen.
Willi Hansel kommt rechts von seiner Maschine zu liegen. Er ist bei vollem Bewusstsein, hat sich den rechten Unterarm und den linken Unterschenkel gebrochen. Mit einem der ersten Blicke sucht er das Motorrad. Seine Augen finden die zerstörte Gold Wing und den schlaffen Luftsack. Und da wird ihm schlagartig bewusst: Ohne das Ding wäre es jetzt wohl aus. Zu seinen Verletzungen erklärt er: »Seit den ersten Crashtests weiß man, dass die Belastung für die Unterschenkel sehr hoch ist. Bei mir war es nicht anders.«
Erst ein halbes Jahr zuvor hatte er sich den Luxustourer zugelegt. Preis: etwa 33000 Euro. Bewusst war damals die Entscheidung für das Modell mit Airbag ge­fallen. Bis zum Tag des Unfalls zählte der Tachometer noch keine 3000 Kilometer. Laut Honda Deutschland hat hier zu Lande jeder zweite Kunde seine Gold Wing mitsamt Airbag geordert, Aufpreis 3000 Euro. Trotz überzeugender Testergebnisse (MOTORRAD 19/2006) sind vorerst keine weiteren Airbag-Kräder in Sicht – weder von Honda noch von einem anderen Hersteller.
Darüber kann Willi Hansel nur den Kopf schütteln, schließlich hat ihm der Airbag das Leben gerettet. Allerdings sieht er auch Potenzial für eine Weiterentwicklung des Systems. »Da gibt es sicher noch Spielraum für Verbesserungen.« Gerne hätte er sich mit Honda über seine Sturzer­fahrungen ausgetauscht: »Jetzt gibt es ja nicht mehr nur einen Dummy, sondern jemanden, der erzählen kann.« Auf einen Anruf wartet er bislang vergebens.
Dem Ingenieur geht es nun darum, seine Verletzungen auszukurieren. Noch lässt sich nicht abschätzen, ob Schäden zurückbleiben, doch den Helm will er so schnell nicht an den Nagel hängen. »Wenn ich Glück habe, kann ich nächste Saison wieder aufs Motorrad steigen.« Für ihn kommt dann wieder nur eine Gold Wing in Frage. Mit Airbag, versteht sich.

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