Unfallentwicklung (Archivversion) Minus-Rekord

Stufenführerschein, bessere Fahrschulausbildung, mehr Sicherheitsbewußtsein zeigen positive Folgen: Die Unfallzahlen der Motorradfahrer sinken seit Jahren, obwohl der Bestand an Bikes wächst.

Reißerische Meldungen über üble Motorradunfälle, aus denen das Blut nur so trieft, finden sich immer wieder in Boulevardblättern und in den Lokalteilen von Zeitungen - besonders im Frühjahr, wenn die Motorradsaison beginnt. Oft wird dann außen vor gelassen, wer die Schuld an dem Unfall trug. Genau 71 Prozent aller Kollisionen zwischen Auto und Motorrad, bei dem es zu Personenschaden kam, waren nämlich von Pkw-Fahrern verursacht. So sagen es die Zahlen des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden von 1996 für die alten Bundesländer. Daß Motorradfahrer einen geringen Schuldanteil tragen, ist zwar kein Trost, rückt aber manche Schauergeschichte in ein ganz anderes Licht. Nach wie vor bleibt Motorradfahren ein gefährlicheres Unterfangen, als blechverhüllt am Steuer einer braven Limousine zu drehen. Aber: Die Unterschiede, ausgedrückt in Verunglückten je 100 000 Fahrzeuge, werden immer geringer. Heute liegt das Risiko, mit einem Bike zu crashen oder zu stürzen und sich dabei zu verletzen bei 1365 Verunglückten je 100 000 Fahrzeuge, während es beim Auto bei 745 pro 100 000 Pkw liegt. Ungünstiger fällt der Vergleich bei den tödlich Verletzten aus: Hier waren es 31 Tote pro 100 000 Bikes, beim Pkw 11 pro 100 000 Fahrzeuge. Vor zehn Jahren bot sich jedoch ein viel schlimmeres Bild: 3630 Biker pro 100 000 Motorräder verunglückten damals, und in den Jahren zuvor fielen die Zahlen noch dramatischer aus. Warum heute wesentlich weniger Motorradfahrer verunglücken als noch vor zehn Jahren, hängt nicht zuletzt vom gestiegenen Durchschnittsalter der Biker ab. Es ist von 32,1 (1994) auf 33,9 (1997) Jahre gestiegen. Die alten fahren einfach vorsichtiger und routinierter. Wenn man den Motorradbestand nach dem Alter seiner Fahrer differenziert, ergibt sich folgendes Bild: Der Anteil der 30- bis 35jährigen hat von 1990 auf 1996 um 128 Prozent zugenommen, jener der über 35jährigen sogar um geschlagene 201 Prozentpunkte, so eine Statistik des Instituts für Zweiradsicherheit e.V. Ein Grund für die positive Entwicklung ist zudem in der Jahresfahrleistung zu finden. Die ist nach einer Repräsentativbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach von 7150 Kilometern pro Jahr (1994) auf 6560 Kilometer (1997) gesunken, was einem Rückgang von 8,2 Prozent entspricht. Mit Sicherheit dürfte sich der Stufenführerschein, der 1986 eingeführt wurde, positiv ausgewirkt haben. Thomas Rieth, Geschäftsführer der Verkehrspädagogischen Akademie Kircheim/Teck, kennt weitere Gründe: »Erst seit Mitte der achtziger Jahre werden die Fahrlehrer in einem eigenen Motorrad-Lehrgang auf die Fahrausbildung vorbereitet. Das macht sich ebenso positiv bemerkbar wie die wachsende Bereitschaft der Fahrlehrer zur Weiterbildung. Und nächstes Jahr kommt die gesetzlich vorgeschriebene Weiterbildungspflicht. Das dürfte sich mittelfristig ebenfalls auf die Qualität der Fahrschulausbildung auswirken.« Eine positve Kettenreaktion also, die sich bei den Bikern fortsetzt. Denn auch sie haben heute ein höheres Sicherheitsbewußtsein und wissen eher um ihre eigene fahrerische Unzulänglichkeit. Sie nehmen immer öfter an Sicherheits- und Fahrtrainings teil. So konnte der ADAC ein starkes Plus vermelden. Hubert Ruhdorfer, dort Fachreferent für Motorradsicherheitstrainings: »Das Sicherheitsbewußtsein der Motorradfahrer steigt. 1991 machten erst 3826 Motorradfahrer bei unseren Trainings mit, letztes Jahr waren es schon 10 662, und dieses Jahr dürften es 11 000 bis 12 000 werden.« Und Burghard Gerkens vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat pflichtet bei: »Auch die nach DVR-Richtlinien durchgeführten Kurse finden immer mehr Zuspruch. Die ADAC-Kurse rausgerechnet, machten 1993 erst 1500 Motorradfahrer mit, während es 1996 schon knapp 6000 waren.« Und nicht zuletzt fanden die von MOTORRAD angebotenen Lehrgänge immer regeren Zulauf. Die Teilnehmerzahl an Eintagestrainings wuchs vom letzten Jahr zu heute von 284 auf 613 Teilnehmer. Die Anzahl derjenigen, die beim Nürburgring-Perfektionstraining ihre Fahrkünste verbesserten, stieg allein im vergangenen Jahr von 915 auf 1032 in diesem Jahr. Bleibt abzuwarten, wie sich das Unfallgeschehen bei den Fahrern der 125er Leichtkrafträder entwickelt. Zahlen für dieses Jahr sind noch nicht verfügbar, hoffentlich gibt es auch dort gute Nachrichten.

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