Unfallforschung des GDV (Archivversion) Bremsblockade

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) fordert Antiblockierbremssysteme für alle Motorräder. Seine Unfallforscher wollen herausgefunden haben, dass ABS die Zahl der getöteten und verletzten Motorradfahrer um zehn Prozent reduzieren könnte.

Allzu großer Beliebtheit erfreuen sich Antiblockierbremssysteme bislang weder bei der Industrie noch bei den meisten Motorradfahrern. Routinierte Piloten glauben, auch ohne ABS zackiges Bremsen zu beherrschen, während die Hersteller sich wiederum auf die geringe Akzeptanz der Käufern berufen und vermuten, die meisten Biker würden ABS schlicht für überflüssig halten oder die Mehrkosten scheuen. Nicht ganz zu unrecht, denn die meisten japanischen ABS-Motorräder wie die Suzuki Bandit 1200 A, die Yamaha FJ 1200 A und GTS 1000 sowie die Kawasaki GTR 1000 A sind inzwischen vom Markt verschwunden. Zu geringe Verkaufszahlen. »Unsere Kunden sind sehr preisempfindlich. Deswegen haben sie von der Bandit mit ABS, die 1200 Mark mehr kostet, wenig Gebrauch gemacht. Die Neue bieten wir deswegen mit ABS nicht mehr an«, erklärt Suzuki-Vertriebsleiter Bert Poensgen die Lage an der Verkaufsfront. Da sollte er mal seine Kollegen von BMW fragen. Die haben`s geschafft, seit 1988, als die erste BMW mit ABS auf den Markt kam, ihren Anteil an ABS-Maschinen ständig zu erhöhen. 1999 waren es weltweit immerhin 78 Prozent von 58946 Fahrzeugen. Ganz im Sinne von Dr. Alexander Sporner, der im Institut für Fahrzeugsicherheit im Auftrag des GDV Unfallforschung betreibt. Er will bei der Analyse von 610 Pkw-Motorrad-Kollisionen sowie 300 Alleinunfällen herausgefunden haben, dass ABS zehn Prozent der Unfälle mit Verletzungen und tödlichen Folgen vermieden hätte. »Bremsen als Todesursache« nennt er seine Untersuchung, deren Titel Ursache und Wirkung verwechselt. Zumindest wenn es sich um Kollisionen von Motorrad und Pkw drehte. Nicht das Bremsen verursachte den Tod der Motorradfahrer, sondern in den meisten Fällen die Vorfahrtnahme des Unfallgegners im Automobil. »In 93 Prozent der Fälle wäre ein Sturz vermeidbar gewesen, wenn das Motorrad ein ABS gehabt hätte«, folgert der Unfallforscher aus seiner statistischen Betrachtung. Die Fähigkeit, in einer Notsituation ein perfekte Bremsung hinzulegen, traut Sporner jedenfalls selbst routinierten Motorradfahrern kaum zu. Jedenfalls nicht bei einer herkömmlichen Bremsanlage ohne ABS, bei dem Vorderrad- und Hinterradbremse bekanntlich getrennt betätigt und dosiert werden müssen.Lediglich drei näher untersuchte tödliche Unfälle, die sich allesamt im Raum Franken zugetragen hatten, dienten dem Forscher als Anlaß seiner weitgehenden Schlüsse. Zwei dieser Unfälle gehörten zur ebenso klassischen wie tragischen Sorte: der Pkw biegt in die Vorfahrtstraße ein und nimmt dem Biker die Vorfahrt. Einer der Unfälle hätte bei einer perfekten Bremsung vermieden werden können, beim zweiten hätte der Bremsweg etliche Meter hinter dem Pkw geendet. Beim dritten Unfall überbremste der Biker eingangs einer Kurve bei nasser Fahrbahn und rutschte in einen entgegenkommenden Wagen. »Es ist statistisch erwiesen, dass Kollisionsunfälle und Alleinunfälle mit vorherigem Sturz schwerere Verletzungen bis hin zum Tode nach sich ziehen als solche, bei dem der Motorradfahrer auf dem Motorrad sitzend gegen den Pkw prallt oder die Fahrbahn verläßt«, weiß Dr. Sporner (siehe Graphik). Und mit ABS wären Stürze immer vermeidbar gewesen. Der Unfallforscher postuliert daher, zunächst Touren- und Sportmaschinen später alle Motorräder sereinmäßig mit ABS anzubieten. »Wenn wir bei 900 Toten und über 35000 Verletzten im letzten Jahr dank ABS zehn Prozent weniger gehabt hätten, wäre viel geholfen.«Schade nur, dass Sporner nicht analysieren konnte, in wie vielen Fällen ein Zusammenprall mit dem Pkw überhaupt hätte vermieden werden können, wenn das Motorrad eine ABS-Bremse besessen hätte. Immerhin hat er eine Schätzung parat: »In einem Viertel der Fälle wären die Unfallpiloten nicht kollidiert.«

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