Unfallstatistiken (Archivversion) Immer den Überblick bewahren

»Motorradfahrer sind hirnlose Raser«. Dieses Vorurteil festigen derzeit wieder Fernsehberichte und Zeitungsmeldungen. Doch wie sieht die Unfallstatistik tatsächlich aus?

Machen wir uns nichts vor: Unter Motorradfahrern gibt es auch solche, die sich selbst gnadenlos überschätzen. Oder gar rasen. An Ostern 2007 starben zwölf Motorradfahrer auf den Straßen Baden-Württembergs. Bei zehn der tödlich verlaufenden Unfälle waren laut Polizei die Motorradpiloten schuld – risikoreiche Überholmanöver, Fahrfehler und »nicht angepasste Geschwindigkeit«.
Solche Nachrichten schockieren. Sie dienen aber auch Sensationsberichterstattern als Vorlage, die alle Motorradfahrer über einen Kamm scheren. Lassen sich diese Fälle verallgemeinern? Und wie sieht der Trend bundesweit aus? Für 2007 liegen noch keine deutschlandweiten Motorradunfallzahlen vor, aber für 2006 existieren vorläufige Statistiken, und das Jahr 2005 ist detailliert erforscht.

Fünf Fakten zum Unfallgeschehen

Fakt 1: Die Zahl der Motorradunfälle sinkt
Die Menge der Motorradunfälle ging im Jahr 2006 um 4,5 Prozent auf 33 273 zurück. Das ist Teil einer Entwicklung, die seit 1987 anhält: Das Risiko beim Motorradfahren wird geringer, während der Bestand wächst (siehe nebenstehende Statistiken).

Fakt 2: »Nicht angepasste Geschwindigkeit« sagt nichts aus
Polizisten kreuzten auch 2005 in den Unfallaufnahmebögen die »nicht angepasste Geschwindigkeit« bei Motorradfahrern mit 28,8 Prozent am häufigsten an, wenn es um das Fehlverhalten bei Crashs mit Verletzten ging. Wenn Polizisten andere Unfallursachen nicht bemerken, die eher zutreffen, etwa bei Bitumenflickerei, passt die »nicht angepasste Geschwindigkeit« immer - denn sonst wäre es nicht zu einem Unfall gekommen, ob mit 40 oder 100 km/h (vergleiche auch MOTORRAD 12/2004).

Fakt 3: Pkw-Fahrer sind bei Kollisionen die Unfallverursacher
Hauptunfallgegner von Motorradfahrern bei Zusammenstößen waren auch 2005 Autos. Bei den 18 664 Kollisionen dieser Art verunglückten 1957 Pkw-Insassen - und 19 723 Motorradfahrer oder -mitfahrer. Das heißt, 91 Prozent der Unfallopfer waren Zweirad-Piloten – aber 72 Prozent dieser Unfälle verursachten Pkw-Lenker. Also nahezu zwei Drittel. »Dieser Anteil ist seit den 90er Jahren etwa gleichbleibend«, sagt Matthias Haasper, Forschungsleiter beim Institut für Zweiradsicherheit. Offensichtlich mangelt es den Autolenkern an Aufklärung über die schmale Silhouette von Motorradfahrern und an Aufmerksamkeit im Straßenverkehr.

Fakt 4: Kein Zusammenhang zwischen Leistung und Unfällen
Die deutschen Unfallstatistiken belegen keinen Zusammenhang zwischen PS-Leistung und Motorradunfällen, so Haasper. Auch die umfangreichste Studie über Unfälle motorisierter Zweiräder in Europa, MAIDS, kommt zu diesem Ergebnis. Motorradfahrer gehören zu den »schwachen Verkehrsteilnehmern« ohne Knautschzone. Im Jahr 2005 sind auch 575 Fahrradfahrer und 686 Fußgänger im Straßenverkehr getötet worden.

Fakt 5: Landstraßen sind am gefährlichsten
Innerorts geschahen 2005 mehr als zwei Drittel aller Motorradunfälle (21772 Verunglückte), auf Landstraßen rund 30 Prozent (12 815) und nur zwei Prozent auf Autobahnen (1116) – allerdings passieren die schweren Unfälle auf Landstraßen. Dort starben 597 Motorradfahrer (68 Prozent). Ein motorradfreundlicher Straßenbau mit weniger Bitumenflickerei und Unterfahrschutz an Leitplanken steht deshalb auf der politischen Agenda der Motorrad-Lobby ganz oben.

Allerdings ist auch das Fakt: Immerhin knapp 25 Prozent der verunglückten Motorradfahrer kamen 2005 bei Alleinunfällen zu Schaden – ohne Beteiligung anderer. Insgesamt verschuldeten Biker 2005 immerhin 47,1 Prozent der Unfälle, in die sie verwickelt waren. Die Mehrheit der Motorradfahrer aber waren Opfer.
Solange Leitplanken vor allem der Sicherheit der Autofahrer dienen und Pkw-Lenker weiterhin Fehler machen, gilt ein ätzend langweiliger Satz: Motorradfahrer müssen mit der Dummheit der anderen rechnen. Vorausschauend fahren. Und den Überblick bewahren.

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