Unfallursache »Nicht angepasste Geschwindigkeit«: Report (Archivversion) Zu schnell für diese Welt?

Bei mehr als der Hälfte aller Alleinunfälle von Motorradfahrern soll sie Unfallursache sein – unan-
gepasste Geschwindigkeit. Unangepasst ist sie, wenn’s gekracht hat, so ihre juristisch abgesegnete
Definition. Die also verunglückte Motorradler en passant zu notorischen Rasern macht.

Kirmes. Es wird getrunken, es wird gebechert, das große Wort geführt.* Im Rausch sagt manch einer, was er später bedauert. Weil er aufgeschnitten oder schlicht gelogen hat. Einer, und dafür gibt es Zeugen, glaubt seinen Kumpels imponieren zu können, indem er ihnen erzählt, er habe unlängst eine Hayabusa abgeschossen, von der Straße gedrängt mit seiner äußerlich unscheinbaren Limousine, die es jedoch richtig dicke unter der
Motorhaube habe. Dieser eine, nennen wir ihn X., ist in der Gegend als Autofetischist bekannt, als einer, der sein Selbstbewusstsein aus ein paar PS mehr zieht. Aber auch als einer, der dafür das
Leben anderer aufs Spiel setzt? Die Polizei glaubt das nicht.
Obwohl X. wirklich eine Begegnung mit einer Hayabusa hatte und als Zeuge eines tödlichen Unfalls vernommen wurde. »Etwa in Kurvenmitte brach das Heck des Zweirades aus. Der Motorradfahrer versuchte, das Motorrad abzufangen, was ihm jedoch nicht gelang. Das Krad fuhr frontal gegen einen Baum.«
So steht es im Vernehmungsprotokoll. Andere Zeugen vermuten, dass X. den Motorradfahrer berührt haben könnte. Aber eben nur könnte. Genau gesehen haben sie es nicht.
In der »Verkehrsunfallanzeige« der Polizei ist als Unfallursache »hohe, nicht angepasste Geschwindigkeit« genannt, und das »laut Zeugenaussagen«, wenngleich X., der Hauptzeuge, zu Protokoll gab: »Wie schnell dieser (der verunglückte Motorradfahrer)
gefahren ist, kann ich nicht sagen.« Doch eine Hayabusa ist
anscheinend immer viel zu schnell.
Ein Polizist erzählt. Ein Polizist, der nicht genannt werden möchte. Weil Kollegenschelte unangenehme Konsequenzen
haben könnte. Obwohl die Kollegen eigentlich gar nichts dafür können. Dafür, dass sie zeitlich unter immer größerem Druck stehen; dafür, dass sie sich mit veralteter Technik rumschlagen müssen, auf dem Revier und unterwegs; dafür, dass es überall
an Geld fehlt. Und dafür, dass sie oft nicht selbst Motorrad
fahren, von der Fahrphysik, der Fahrdynamik eines motorisierten
Zweirads nicht die geringste Ahnung haben. Und dann passiert,
was passieren muss, sagt der Polizist: Die »unangepasste
Geschwindigkeit« hat sich so langsam als Standardunfallursache etabliert.
Vor allem bei Alleinunfällen von Motorradfahrern, wie eine Statistik (siehe rechte Seite) auf der Basis von Polizeiprotokollen zu beweisen scheint. Gerade weil bei solchen Alleinunfällen meist weniger oder weniger engagierte Zeugen zur Verfügung stehen, erweitert sich der Interpretationsspielraum der Beamten vor Ort. Unangepasste Geschwindigkeit, meint der Polizist, sei überdies ein Gummibegriff. Einer, der nicht genau definiert ist zu seiner
Definition nur einen Unfall brauche, wie das Oberlandesgericht Düsseldorf beschied: »Zu den Voraussetzungen für die Annahme einer nicht angepassten Geschwindigkeit (...) reichen im Einzelfall die Tatsache eines Unfalls, dessen Ablauf und festgestellte erhebliche Unfallschäden als objektiver Anhaltspunkt aus, um eine offensichtlich zu hohe Geschwindigkeit anzunehmen.«
Heißt: Nicht angepasste Geschwindigkeit bedeutet sowohl mit 200 km/h aus der Kurve zu fliegen als auch mit 40 km/h auf einem Ölfleck abzuschmieren. Mit Überschreitung der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit hat das, juristisch gesehen, zunächst einmal überhaupt nichts zu tun. Eben weil er alles und
zugleich nichts bedeuten kann, wird dieser Begriff von Polizisten, sagt der Polizist, liebend gern gebraucht. Weil er die Bequemlichkeit fördert, »Polizisten sind auch nur Menschen«, das Verfahren beschleunigt, die Unfallaufnahme ungemein erleichtert.
Wie im Fall des verunglückten Hayabusa-Fahrers. Zu klar schienen – zumindest auf den ersten Blick – die Indizien für
den Unfallhergang, um etwas anderes als nicht angepasste Geschwindigkeit als Ursache anzunehmen: Hayabusa, 300 km/h schnell, keine Bremsspur, Schleudern nach Überholvorgang, Wegrutschen des Hinterrads. Könnte tatsächlich so passiert sein. Aber: Was sich ein Jahr vor dem tödlichen Unfall just an dieser Unglücksstelle ereignet haben soll, passt nicht ganz zu dieser
Annahme. Da hatte X., als er von eben dieser Hayabusa überholt wurde, versucht gegenzuhalten und voll beschleunigt. Ging
damals noch gut aus für den Motorradfahrer. Den X. übrigens
genau kannte. Er war mit dessen Schwester befreundet. Das
Motorrad sollte er also bestens gekannt haben. Zu Protokoll hatte er allerdings gegeben: »Ich habe den Kradfahrer zunächst nicht erkannt, erst später, als man seinen Namen genannt hat, wusste ich, dass er aus dem Nachbarort kam.« Unangepasste Geschwindigkeit hätte speziell in diesem Fall auch eine Geschwindigkeit sein können, die dem Überholten nicht passte. Die ihm deshalb nicht passte, weil er es einfach nicht verknusen konnte, mit
seinem Auto gegen das Motorrad den Kürzeren zu ziehen. Der deshalb so lange gegengehalten hat, wie es nur ging. Und der
damit ein Duell heraufbeschworen hat, das am Ende das Leben des Motorradfahrers forderte. Das freilich lässt sich nicht mehr beweisen. Unter anderem deshalb, weil die Beamten auf eine Spurensicherung verzichtet hatten.
Natürlich fördern einige Motorradfahrer durch ihren Fahrstil
die Stigmatisierung zum ewigen Raser. Und gewiss gebe es viele Motorradfahrer, sagt der Polizist, der nicht genannt werden möchte, die stürzen, weil sie zu schnell waren, sich überschätzt, falsch reagiert haben. Derart viele indes, wie es die Statistik ausweise, seien es nun wirklich nicht. Dass Motorradfahrer in
aller Regel besser sind als ihr Ruf, steht außer
Frage, lässt sich, und zwar tatsächlich, statistisch belegen. Beispielsweise mit dem Verweis auf die Tatsache, dass fast drei
Viertel aller Unfälle, in die Fahrer mit schweren Maschinen verwickelt waren, auf Fehler von Autofahrern zurückzuführen sind.
Allerdings, und das ist nicht mehr als eine Binsenweisheit, prägen sich ins Gedächtnis nicht die Begebenheiten ein, die sich nahtlos in die Normalität, unproblematisch ins Unauffällige einfügen lassen. Bleibenden Eindruck hinterlässt die Sensation, das Außergewöhnliche, Überschriften etwa, nach Art des Slogans, den ZDF-Redakteure einem Beitrag über Motorradfahrer um
den Nürburgring voranstellten: »Leichtsinnige Raser – Rennfeeling auch auf der Bundesstraße«. So etwas prägt Vorurteile, weil nur allzu gerne dem Hang zur Generalisierung nachgegeben wird.
Wie das endet, verdeutlicht der Beitrag, den ein Herr Johannes Michalowsky gepostet hat, sinnigerweise unter der Internetadresse www.seniorentreff.de: »Welchem Zweck dienen denn
Motorräder als Verkehrsmittel überhaupt, den nicht auch ein
sichereres Auto erfüllen könnte? Drogeneinnahme ist verboten, Alkohol und Nikotin wird bekämpft, lebensgefährdende Raserei auf zwei Rädern, die zusätzlich für andere Verkehrsteilnehmer
geradezu eine Bedrohung darstellt oder diese zumindest verunsichert, sind hingegen noch nicht beanstandet worden.«
Es erübrigt sich jeder weitere Kommentar. Zumal, so berichtet der Polizist weiter, unangepasste immer mit zu hoher Geschwindigkeit assoziiert werde. War der Motorradfahrer, der mit 70 km/h auf einem Bitumenfleck ausrutscht, tatsächlich zu schnell? Gemäß der zuvor angeführten, abstrusen Logik der nicht angepassten Geschwindigkeit war er das. Gemäß dieses Begründungszusammenhangs – gestürzt, also zu schnell – hätte sich dann aber auch der Fahrer, der sich im Schritttempo auf Split, Bitumen oder Öl langgemacht hat, den Vorwurf der nicht angepassten Geschwindigkeit gefallen zu lassen. Andererseits: Drehte man diese Logik um,
folgte, dass wer nicht verunglückt, zwangsläufig mit angepasster Geschwindigkeit, also nicht zu schnell unterwegs gewesen ist.
Wie der Fahrer selbst seine Geschwindigkeit einschätzt und empfindet, hängt jedoch mit ganz anderen Faktoren zusammen: Erfahrung, Streckenkenntnis, Motivation zur Fahrt, körperliche und geistige Verfassung, des Weiteren Straßenver-lauf, Oberflächenbeschaffenheit, Lichtverhältnisse, Verkehrsdichte sowie beim Motorrad Verkleidung, Sitzposition, Motorcharakteristik und Klang.
Weshalb sich ein Blick auf die Motorräder lohnt, die sich über die letzten zehn Jahre am besten verkauften. Gerade die
Maschinen, die gemäß der Untersuchungen der Bundesanstalt
für Straßenwesen (BASt) überdurchschnittlich häufig in Unfälle
mit Personenschaden verwickelt sind, leistungsstarke Sportler und Supersportler nämlich, tauchen unter den Top Ten der letzten Dekade nur sehr vereinzelt auf. 2003 zum Beispiel schaffte es die Suzuki GSX-R 1000 als einziges Motorrad dieser Kategorie gerade mal auf Platz sieben. In keinem der letzten zehn Jahre waren mehr als drei Sportler unter den zehn ersten Kandidaten der Verkaufshitliste zu finden. Den Löwenanteil unter den Publikumslieblingen stellen hingegen Maschinen der mittleren Leistungsklassen und der Klasse bis 100 PS. Noch dazu handelt es sich dabei meist um Allrounder wie Yamahas FZS 600 Fazer, Reiseenduros wie
die BMW R 1150 GS oder – in früheren Jahren noch sehr beliebt – Chopper à la Suzuki LS 650 oder Yamaha XV 535.
Eine solche Zusammensetzung der Verkaufsrenner will nicht so recht ins Bild vom Motorradfahrer als notorischem Raser passen. Vertreter einer »rasenden Rasse« hätten ein anderes Kaufverhalten gezeigt.
Wie frei der Begriff der nicht angepassten Geschwindigkeit gerne ausgelegt wird, zeigt, dass außerorts bei Alleinunfällen von Leichtkrafträdern, die auf Tempo 80 gedrosselt sind, immerhin
in der Hälfte der Fälle nicht angepasste Geschwindigkeit als
Ursache angegeben wird. Es zeigt sich darüber hinaus, dass
zwischen Motorleistung und der Gefahr, aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit zu verunglücken, zwar ein Zusammenhang existiert, aber keine so unmittelbare kausale Relation, wie man
sie gern unterstellt. Es wäre folglich angebracht, sich einmal zu überlegen, ob nicht diese Haltung sich ihre Gründe selbst schafft. Mit genau der Logik, nach der die »nicht angepasste Geschwindigkeit« sich selbst begründet. Motorradfahrer sind Raser,
deshalb verunglücken sie. Sind sie verunglückt, müssen sie zu schnell gewesen sein.

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