Unfallverhütung (Archivversion) Oswald Kelle

Günther Battermann und Jörg Nester widmen sich dem Verkehr. Als Polizisten. Mit detektivischem Scharfsinn und mit pädagogischem Eifer kümmern sie sich um Aufklärung und Verhütung, der von Unfällen nämlich.

Eigentlich eine klare Sache. »Da verliert einer die Kontrolle über sein Fahrzeug, kommt bei 180 km/h von der Straße ab, Kollision bei verbleibenden 30 km/h mit der Leitplanke, zertrümmerter Helm, Genickbruch.« Die Standarderklärung ist so einfach wie unzureichend und abgedroschen: überhöhte Geschwindigkeit. »Aber warum ist der Junge gestürzt?« fragt Oberkommissar und Verkehrserzieher Battermann, »dieses Straßenstück lässt locker eine solche Geschwindigkeit zu.« Ob er’s aus eigener Erfahrung weiß? Schließlich fährt Battermann auch privat Motorrad. BMW.Er lässt sich die Protokolle kommen, konsultiert einen Sachverständigen und kommt schließlich zu dem Schluss: »Der Biker hat nach der Kurve das Gas zu früh wieder aufgezogen.« Ein Fahrfehler also. Diesmal beim Beschleunigen. Die in oft akribischer Kleinarbeit gewonnenen Erkenntnisse behalten Battermann und sein Kollege Jörg Nester, Leiter Verkehrserziehung im Rems-Murr-Kreis, nicht für sich. Weil die Analyse vieler Einzelfälle ein Gesamtbild ergeben kann, von dem weiter führende Erkenntnisse zu erwarten sind. So ermöglichte beispielsweise die genaue Auswertung der Zahlen den Schluss, dass die Unfallhäufigkeit in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Aufmerksamkeitsschwäche steht, die in anderem Zusammenhang als Betriebsblindheit bezeichnet wird. Unverhältnismäßig oft sind nämlich ortsansässige Biker in Unfälle verwickelt, also nicht, wie man spontan annehmen könnte, ortsfremde Fahrer, die eine unbekannte Situation falsch eingeschätzt haben. »Die Jungs verunglücken auf ihrer Hausstrecke«, hat Jörg Nester ermittelt. Einerseits, weil sie die zu kennen glauben und unachtsam werden, andererseits, weil sie wohl immer wieder testen, wie weit sie in dieser oder jener Kurve noch gehen können.Kurvige Straßen, gemütliche Kneipen, reizvolle Landschaften – den Motorradfahrer zieht’s deshalb in die deutschen Mittelgebirge. Doch in diesen Genusszonen lässt es sich nicht nur trefflich flanieren, da ist, der vielen krummen Straßen wegen, auch der Heizer in seinem bevorzugten Revier. Eines davon: das Umland von Waiblingen, unweit von Stuttgart gelegen. Entgegen dem allgemeinen Trend sinkender Unfallzahlen werden die Polizisten dort immer öfter zu Unfällen gerufen, und immer öfter sind dabei auch Tote zu beklagen. Sieben waren es 2002 gegenüber fünf und zwei in den Vorjahren.Der Trend muss gestoppt, wenn möglich sogar umgekehrt werden, lautet nun der polizeiliche Auftrag. Zwei der Protagonisten, Jörg Nester und Günther Battermann, machen sich zunächst an die Ursachenforschung. Denn, wie das oben angeführte Beispiel zeigt, es ist keinem gedient mit dem pauschalen Verweis auf die »unangepasste Geschwindigkeit« als vermeintliche Hauptursache allen Übels. Schon der Blick in die Unfallstatistiken zeigt ein ganzes Bündel von Ursachen, die nicht zwangsläufig nur mit dem Motorradfahrer zu tun haben, sondern beim Unfallbeteiligten und dann in den meisten Fällen schuldigen Pkw-Treiber oder beim unachtsamen Straßenbauer liegen. »Um den Ursachen auf die Spur zu kommen, müssen wir, jedenfalls bei tödlichen Unfällen, sehr genau hinsehen«, erklärt Günther Battermann, »genauer, als das der Polizist bei der Unfallaufnahme normalerweise tun kann. Deshalb wird im Regelfall bei tödlichen Unfällen ein unabhängiger Sachverständiger hinzugezogen, um die Ursachen möglichst präzise zu ermitteln.« Und die Polizisten der Abteilung Verkehrserziehung müssen außer Maßband und Kreide vor allem eins zum Einsatz bringen: ihren Sachverstand und Spürsinn als routinierte Motorradfahrer. Die Statistiken weisen saisonale Unfallschwerpunkte in den Monaten Mai und Oktober auf, also zu Beginn und zum Ende der Saison. Der Verkehrspädagoge Nester wagt einen Schluss: Nach der Winterpause ist es die mangelnde Übung, und zum Ende der Saison werden einige übermütig. Warum sich aber in Nordbayern in den Monaten Juni und August die Unfälle häufen, wäre im Vergleich zu untersuchen. Was angesichts der strikten föderalen Polizeistrukturen allerdings nicht geschieht. Erfahrungsaustausch über Bundesländergrenzen hinweg findet nicht statt. »Vielleicht«, regt Nester an, »könnte eine solche Untersuchung als wissenschaftliche Arbeit an unserer Fachhochschule in Auftrag gegeben werden.«Es fehlt überall an Zeit und Geld. Fortbildungen für die Ausbilder zum Beispiel? Fehlanzeige. »Wir müssen unser Wissen schon selbst auf dem aktuellen Stand halten.« Was nicht immer einfach ist, weil die Motorradfahrer immer dann ganz besonders auf Draht sind, wenn es darum geht, aus ihrer Maschine besonders viel Leistung herauszuholen, ohne dass es die Polizei merkt. »Da gehen wir regelmäßig zu Herstellern, Händlern oder Tunern und erkundigen uns nach den neuesten Gimmicks.« Zum Beispiel die Blackbox, die mit ein, zwei Zügen am Bremshebel aktiviert oder deaktiviert wird. Auch Kenntnisse über neue Entwicklungen in der Motorradtechnik, im Helmbau oder bei der Schutzkleidung müssen sich die Polizisten eigenständig erarbeiten, wenn sie auf dem laufenden bleiben wollen. Anders könnten sie nicht präventiv arbeiten, sondern würden der Entwicklung hinterherhinken. Sie müssen ihre Erkenntnisse so schnell wie möglich weiterleiten. An Kollegen, an Biker, an zuständige Behörden, damit die auf Missstände oder Defizite reagieren können. Bei den Motorradlern ist das manchmal am schwierigsten. Zwar sind die von der Waiblinger Polizei veranstalteten Sicherheitsausfahrten mit der Besichtigung von typischen Unfallschwerpunkten und Hinweisen auf regelmäßig beobachtetes Fehlverhalten immer ausgebucht, ebenso wie die Schrauberkurse oder die Saisonabschlussveranstaltung. Aber da kommen nur die hin, die ohnehin ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken besitzen. »Die bösen Buben und Mädels müssen wir schon persönlich aufsuchen.« Also gehen die beiden Kommissare regelmäßig mit den Kollegen von der Streife auf Tour, um die Draufgänger in deren eigenen Revieren zur Rede zu stellen. »Wenn wir denen pauschal predigen, ihr fahrt alle zu schnell, dann können wir gleich wieder abziehen. Wir müssen schon genau erläutern, warum es hier und da zu einem schweren Crash gekommen ist.«So hat Günther Battermann, als er noch einmal alle tödlichen Unfälle der vergangenen fünf Jahre im Rems-Murr-Kreis untersucht hat, ermittelt, dass in einem Drittel der Fälle ein überbremstes Vorderrad zum Abflug geführt hat. Das kann er jetzt in seine Argumentation einbauen und sowohl auf die Notwendigkeit verbesserter Bremssysteme wie ABS als auch auf den Sinn von Perfektionstrainings hinweisen. Die Mühe lohnt sich. Da gab es im Rems-Murr-Kreis eine Strecke mit 44 tödlichen Motorradunfällen in zehn Jahren. Worauf die Polizisten die Notbremse gezogen haben. Postwurfsendungen, persönliche Gespräche mit Anwohnern, Presseaufrufe – alles mit dem Ziel, die Unfallursachen zu erforschen und öffentlich ins Bewusstsein zu rufen. Diese Maßnahmen haben schließlich dazu geführt, dass sich dort keiner mehr zu Tode stürzte. Vier Jahre ging das gut. Dann hatte es wieder einen Motorradfahrer erwischt. Traurig, aber nicht entmutigend. Fangen Günther Battermann und Jörg Nester eben wieder von vorne an.

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