Vandalismus gegen Motorräder (Archivversion)

Schwere Fallsucht

Es gibt Leute, denen mag nicht in den Kopf, daß Motorräder keine anstößigen Geräte und also zum Kippen viel zu schade sind. Was steckt hinter dieser seltsamen Form der Gewalt gegen Sachen?

Für den Polizisten auf dem Wiesbadener Revier war der Fall kloßbrühenklar: »Meiner Erfahrung nach muß das ein Anwohner gewesen sein, der sich von dem Motorrad irgendwie gestört fühlte.« Worauf der Gestörte sich einen Seitenschneider schnappte und des Nächtens die Bremsleitung der VFR kappte, die Thomas C. vorschriftsgemäß auf einem Parkplatz plaziert hatte. »Beim Rückwärtsrausrangieren wollte ich die Fuhre beim Rollen leicht mit der Vorderradbremse stoppen - und griff ins Leere«, schrieb der Biker im Forum von Motorradonline Worauf viele MOTORRAD-Internetler sofort reagierten und von ähnlichen Erfahrungen berichteten. Die Palette reicht von straßenzugweise gekippten Mopeds über Zucker im Tank der MZ bis hin zum phantasievoll zerstörten Motor einer CB 500. Mag sein, daß diese Fallbeispiele, deren 25 insgesamt, nicht repräsentativ sind. Aber Genaueres weiß eh kein Mensch, weil es über mutwillige Beschädigungen von Motorrädern schlichtweg keine Zahlen gibt. Weder Polizei noch die Versicherungen, die blechen müssen, unterscheiden hier zwischen Autos und Motorrädern. »Was nicht in den Computer eingegeben wurde, kann man da auch nicht wieder herausholen«, philosophieren Stuttgarts Blaue. Für Allianz und Deutscher Ring lohnt sich der statistische Aufwand nicht, und der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, so Pressesprecher Uwe Schmidt-Kasparek, steckt Attacken auf Kraftfahrzeuge aller Art sogar mit selbst provozierten Unfällen - »beispielsweise wenn jemand gegen einen Baum fährt« - in eine große Schublade. Soll wohl heißen: Wer sich keine Garage leisten kann, ist an den Folgen selber schuld. Diese Ignoranz von Polizei und Assekuranzen überrascht, zumal die Klagen über den zunehmenden Vandalismus in der Gesellschaft immer lauter werden und Soziologen und Psychologen schon längst Ursachenforschung betreiben. Auch für diese Wissenschaftler lohnte es sich, Aggressionen gegen Bikes einmal gesondert unter die Lupe zu nehmen. Denn die MOTORRAD bekannten Fall-Studien weichen zum Teil erheblich von den gängigen Theorien über Gewalt gegen Sachen ab. Weil’s nicht immer Baseballschläger schwingende Jugendbanden sein müssen, die da Amok laufen. Das kriegt auch der, nur auf den ersten Blick, völlig normale Büger hin. »Vielen Anwohnern scheinen die Mopeds ein echter Dorn im Auge zu sein«, schreibt Nils, der XTman aus dem dichtbesiedelten, gutbürgerlichen Stuttgarter Westen, wo Bikes in unschöner Regelmäßigkeit an Fallsucht leiden und die Jäger des verlorenen Platzes bei ihrer Lückensuche allabendlich Hektoliter Sprit durch die Vergaser jagen. Die stört«s ungemein, wenn ein Krad den Platz für ihre Karosse blockiert, doch treibt sie’s genauso um, mitanschauen zu müssen, wie ein Biker seine Maschine mir nichts, dir nichts auf dem Trottoir aufbockt. Und tippte nicht auch die Wiesbadener Polizei beim brutalen Bremsschlauchattentat auf die VFR sofort auf einen Anwohner? Für Polizei und Wissenschaft stellt sich der klassische Vandale so dar: jung, männlich, stark nur in der Gruppe, ohne berufliche Perspektive, aus sozial schwachen Verhältnissen stammend und voll des Neids auf alle, die es in dieser Gesellschaft zu etwas gebracht haben. Und sei’s auch nur eine protzige Limousine oder eben ein chromblitzendes Bike. Solch vandalierende Horden dürften in Mannheim zugeschlagen haben, als zehn Motorräder, so teilt der davon betroffene Internetler Jens B. mit, »die Fallsucht bekamen und am Morgen auf der Seite lagen«. Von einer ganzen Serie dubioser Umfaller schreibt Martin P. aus Köln. Davon jedesmal betroffen: die XV 750 seiner Freundin. Weil das Geld für eine Garage nicht reicht, müssen wohl noch öfter neue Blinker ran. Frustrierte Nachbarn, um die Häuser ziehende Jugendgangs - das war’s noch lange nicht: Da schlagen, vermutlich, Ex-Freundinnen zu, die der Konkurrentin eins auswischen wollen; unheimliche Pisser mutieren vorm Moped zu echten Strahlemännern, und dann scheinen sogar Motorradfahrer diesem unsäglichen »Verstehen-Sie-Spaß?«-Syndrom zu verfallen. »Leider gibt es auch unter Bikern Neidhammel, die anderen die etwas neuere oder teurere Maschine nicht gönnen«, merkt Roland M. aus Hechingen an. »Das führt zu solch witzigen Einfällen wie Verstellen sämtlicher Armaturen und Schalter. Die Scherzbolde waren drei Biker, die sich vorher noch scheinheilig nach meiner TL 1000 erkundigt hatten.« Kein typischer Vandalismus, zugegeben, weil hier nicht viel mehr futsch geht als die gute Laune und der Glaube an die Solidarität unter den Motorradfahrern - aber eine Vandalisierung der Sitten und Umgangsformen auf jeden Fall. Daß »eine geistige Verrohung oft dem Vandalismus erst die Bahn ebnet«, darauf verweist Konfliktforscher Dr. Kund Eike Buchmann, Professor an der Hochschule der Polizei in Villingen-Schwenningen; und Versicherungsmann Schmidt-Kasparek beklagt die Teilnahmslosigkeit der Öffentlichkeit. »Da wurden in Hamburg 100 Autos zerkratzt, viele Anwohner haben aus den Fenstern geschaut, aber kein einziger die Polizei angerufen.« Weil alle Angst hatten, daß die Gang die Adresse des Informanten erfahren könnte. Mehr Polizei bringt’s nicht, meint Buchmann. Weil Vandalismus ein gesellschaftliches Problem ist - und nur dort angegangen werden kann - »im Bereich der Werte- und Einstellungs-Erziehung«, in der Stadtplanung, mit mehr und besseren Jobs. Für Buchmann heißt das in letzter Konsequenz: »Es ist zu überlegen, daß Vandalismus als ein Produkt schwieriger, ungerechter und zum Teil auch durchaus zerstörerischer Gesellschaftsprozesse akzeptiert werden muß.« Vernichtung von Wertgegenständen als Indikator sozialer Defizite also. Weil die sonst niemand ernst nimmt? Keiner was tut? Ein traurige, aber fürchterlich realistische Einschätzung. Grob über den Daumen gepeilt kriegt heuer jeder hundertste Motorradfahrer mit, daß sein Bike auch ein veritabler Sünden-Bock sein kann.
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Vandalismus gegen Motorräder (Archivversion)

Die Amis haben damit angefangen, aber auch hierzulande soll’s mittlerweile Harley-Fahrer geben, die auf Biker-Parties ein paar Mark dafür löhnen, um mit einem Hammer auf ein japanisches Motorrad einzuschlagen und es alsdann am erstbesten Baum aufzuknüpfen. Bei diesem ritualisierten Vandalismus werden die eigenen Maschinen dermaßen mit einer obskuren Ideologie befrachtet, daß alle Motorräder, die irgendwie anders sind, als Bedrohung des Ichs erscheinen und also vernichtet werden müssen. Da muiert das Bike zum Fetisch und der Gläubige zum fanatischen Fundamentalisten.

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