VdS-Untersuchung über Pkw/Motorradunfälle (Archivversion) Einer ist immer der Dummy

Zwei Drittel aller Unfälle zwischen Pkw und Motorrad mit Verletzungsfolge beim Biker werden von den Autofahrern verschuldet. Dr. Alexander Sporner hat für den Verband der Schadensversicherer solche Unfälle analysiert.

Im Frühjahr und Sommer füllen sich wieder die Lokalseiten mit Unfallberichten über Motorradfahrer. Dramatische Überschriften schieben den Bikern gern die Schuld in die Schuhe und suggerieren häufig, daß Motorradfahrer ihr Leben leichtfertig aufs Spiel setzen würden. Dabei sehen die Fakten ganz anders aus: Zwei Drittel aller Unfälle mit Auto- und Motorradbeteiligung, bei denen der Biker Verletzungen davontrug, sind von Autofahrern verschuldet. Das waren 1994 immerhin etwa 16 000 Unfälle. Auf diese Unfälle hat Dr. Alexander Sporner sein Augenmerk gerichtet und in seiner Studie »Pkw/Motorradkollisionen« 506 Fälle genauer analysiert. »Wir sind der Auffassung, daß 30 Prozent dieser Crashs bei richtiger Verhaltensweise der Motorradfahrer vermieden werden können«, lautet die positive Bilanz der Studie.»Die Unfallzahlen bei Motorrädern sehen alles andere als entmutigend aus. In den letzten zehn Jahren zeigte sich ein signifikanter Rückgang der absoluten Zahlen der Unfälle, der verletzten und auch der getöteten Motorradfahrer«, kann Dr. Sporner die günstige Ausgangslage für seine Verhaltenstyps darstellen (siehe Tabelle auf Seite 65). Dennoch gibt es noch viel zu lernen, sowohl für den Pkw- als auch den Motorradlenker. Dr. Sporner hat daher versucht, sieben typische Unfallsituationen zusammenzustellen und in den Polizeiberichten zu ergründen, welches die wirklichen Gefahrenmomente sind, wie sie erkannt und durch vorausschauendes Fahren vermindert werden können. Und welche konkreten Verhaltensmaßregeln daraus für den Fahrschulunterrricht abzuleiten sind.MOTORRAD wird ab diesem Heft (das erste Fallbeispiel steht auf Seite 66) diese wesentlichen Unfallsituationen darstellen und die Verhaltensempfehlungen des Dr. Sporner vermitteln. Fall 1 schildert eine häufige Unfallsituation auf einer Kreuzung. Das Motorrad hat Vorfahrt und kommt von links auf einer Vorfahrtstraße, ein Pkw überquert sie oder biegt in sie ein (siehe Seite 66). Häufig wird der Biker noch zusätzlich von einem voraussfahrenden Fahrzeug verdeckt (31 Prozent der untersuchten Situationen). Fall 2 beschreibt eine ähnliche Situation, bei der der Motorradfahrer die Vorfahrtstraße auf der gegenüberliegenden Seite befährt, in der Draufsicht also von rechts kommt (elf Prozent der Fälle).Fall 3 zeigt eine weitere höchst gefährliche Kollisionsmöglichkeit, in der ein Pkw links abbiegt, während der Biker entgegenkommt (26 Prozent der Unfälle). Fall 4 beschreibt ein Wendemanöver eines Pkw, der Biker fährt dahinter in der anfänglichen Fahrtrichtung des Autos (neun Prozent).Fall 5 sieht den Motorradfahrer im Längsverkehr auf der Überholspur, der zunächst rechts fahrende Wagen wechselt die Fahrspur oder biegt in eine Seitenstraße nach links ab (11 Prozent).Fall 6 handelt von Unfällen im Längsverkehr. Ein Auto überholt ein anderes, der Biker kommt entgegen (lediglich zwei Prozent der Unfälle ereignen sich so).Fall 7 und letzter Fall beschreibt den Unfall im Gegenverkehr, etwa wenn Auto und Biker oder einer von beiden eine Kurve schneiden (fünf Prozent der Fälle).Dr. Sporner fand Auffälligkeiten für viele Unfallsituationen heraus, die als Alarmsignal für eine bedrohliche Situation anzusehen sind. Beim Unfallgegener, dem Autofahrer, weist zunächst eine zögerliche Fahrweise auf die Gefahr hin etwa- nicht konsequentes Überqueren einer Kreuzung- Anfahren und Wiederanhalten beim Einfahren in eine Vorfahrtstraße- Versuch eines Spurwechsels, wobei die Fahrspur nicht vollständig gewechselt wird. Ebenso gefahrenträchtig ist das reaktionslose Verhalten des Pkw-Fahrers wie- Annähern an eine Kreuzung ohne Reduzierung der Geschwindigkeit- Beginn eines Abbiegevorgangs, obwohl sich ein Motorradfahrer erkennbar nähert- jede kontinuierliche Geschwindigkeit, die im Widerspruch zur Verkehrssituation steht. Eine reaktionslose Fahrweise des Autofahrers weist immer auf Unaufmerksamkeit oder Ablenkung hin. Auf Seiten des Bikers sind zwei grundfalsche und gefährliche Verhaltensweisen zu erkennen, die im Falle eines Falles zum Crash führen. Erstens: grenzenloses Vertrauen in die eigene Vorfahrt. Zweitens: Sorglosigkeit oder Unaufmerksamkeit. Das ist zwar banal, aber wahr.

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