Vergleich: Abgasreinigungssysteme (Archivversion) Kats und Graus

Die einen lassen endlich die Kats aus dem Sack. Die anderen haben immer noch nicht verstanden und produzieren nach wie vor grausige Schadstoffmengen.

BMW hatte es vorexerziert: Bereits 1991 bewiesen die Bayern, daß es problemlos möglich ist, einen geregelten Katalysator auch im Zweirad zu installieren und widerlegten damit die Bedenken der restlichen Motorradindustrie. Seit 1996 sind sämtliche Modelle der Weißblauen serienmäßig mit ungeregeltem oder geregeltem Kat ausgerüstet, während die Ansätze fernöstlicher Hersteller wie etwa der geregelte Katalysator der Yamaha GTS 1000 Eintagsfliegen waren. Auch heute noch versteifen sich führende Vertreter einiger japanischer Marken auf die alles andere als zielführende Aussage: »In Sachen Katalysator besteht kein Handlungsbedarf, unsere Modelle erfüllen die aktuellen Abgasbestimmungen auch so. Außerdem verursacht das Motorrad nur einen kleinen Anteil am gesamten Schadstoffausstoß.«Eine äußerst kurzsichtige Denkweise. Denn spätestens mit der Einführung der Euro I-Norm im Juli 1999 müssen sich die Hersteller bei der Neuzulassung etlicher Modelle etwas einfallen lassen. Außerdem tragen 2,7 Millionen zugelassene motorisierte Zweiräder trotz geringerer Fahrleistungen wegen des vielfach höheren Schadstoffausstoßes gegenüber 41,3 Millionen registrierter Pkw überproportional zur Schadstoffbilanz bei. Und so ist die politische Diskussion über ein Gleichziehen mit den Pkw-Werten und -prüfungen auf EU-Ebene längst im Gange.Daß es die Europäer in Sachen Abgasreinigung ernst meinen, scheinen inzwischen auch einige japanische Hersteller bemerkt zu haben. So bot Honda bereits letztes Jahr die CBR 1100 XX und die VTR 1000 mit ungeregeltem Katalysator an. Nachdem sich Honda Japan neuerdings eine Offensive in Sachen Schadstoff auf ihre Fahnen geschrieben hat (siehe MOTORRAD 6/1998, Themen und Trends), machten die Techniker bei der neuen VFR Nägel mit Köpfen und präsentierten sie mit geregeltem Kat. Auch Kawasaki zieht sich bei seinen neuen Supersportlern eine saubere Weste an. In den letzten Jahren schon bei vielen Modellen mit einem Sekundärluftsystem (SLS) vertreten, werden die ZX-6R und ZX-9R wahlweise zusätzlich mit einem ungeregelten Katalysator ausgerüstet. Und die Kombination dieser beiden Abgasreinigungssysteme reicht nach MOTORRAD-Untersuchungen in ihrer Effizienz fast an einen geregelten Kat heran. Zugleich widerlegen die Supersportler von Kawasaki eindrucksvoll das vielgehegte Vorurteil, ein Katalysator sei automatisch mit drastischen Leistungseinbußen gleichzusetzen: Die ZX-6R mit SLS und Kat drückte 112 PS auf die Prüfstandsrolle, die höchste von MOTORRAD jemals gemessene Leistung einer Serien-600er. Obwohl der Slogan »Wind of change« die Marke Suzuki schmückt, gibt’s in Sachen Abgasreinigung weiterhin nur dicke Luft. Das 1998er Modell der GSX-R 750 bietet mit einer Einspritzung zwar die optimale Voraussetzung für einen geregelten Kat, doch Vertriebsleiter Bert Poensgen sieht keinen Handlungsbedarf. Auch Yamaha, mit der R1 in aller Munde, hat scheinbar vergessen, daß zu High-Tech auch Gemischaufbereitung und Abgasreinigung gehören. Tatsachen, die bei kleineren europäischen Herstellern wie Triumph oder KTM bekannt sind. Die Österreicher bieten einen Teil ihrer Palette mit Sekundärluftsystem und ungeregeltem Kat an, letzteren offeriert auch Triumph bei einigen Modellen.Doch allein das Vorhandensein sagt wenig über die Wirksamkeit der einzelnen Systeme aus. Also ging MOTORRAD der Wahrheit mit einem Test auf dem Abgasprüfstand auf den Grund. Neben den Schadstoffkomponenten Kohlenwasserstoff (HC) und Kohlenmonoxid (CO), die für den aktuellen ECE 40.01-Zyklus relevant sind, erfaßten die TÜV-Experten bei den Abgasmessungen auch die Stickoxide (NOx), die von der künftigen Euro I-Norm zusätzlich berücksichtigt werden. Um zu zeigen, was ein aktuelles Motorrad ohne Schadstoffreinigung emittiert, mußte zuerst die Suzuki GSX-R 750 auf die Rolle. Ihre Einspritzanlage bietet zumindest die Möglichkeit, bereits bei der Gemischaufbereitung die Schadstoffe im Abgas gering zu halten. Um so größer das Erstaunen, daß die Suzuki zwar die lasche aktuelle ECE 40.01-Norm schafft, aber mit ihrem extrem hohen CO-Ausstoß nur ganz knapp unter dem derzeit gültigen Grenzwert liegt. Im Euro I-Test verfehlt sie die Norm bei weitem, dort schafft sie auch die HC-Hürde nicht. Ein denkbar schwaches Ergebnis gemessen am technischen Standard. Der ist bei der Triumph Thunderbird Sport mit konventioneller Vergaseranlage eher schlechter. Doch immerhin soll ein ungeregelter Katalysator den Schadstoffausstoß reduzieren. Und das gelingt tatsächlich recht ordentlich. Die Triumph erfüllt die künftige Euro I-Norm locker: Sie unterschreitet die Grenzwerte um rund 50 Prozent. Ebenfalls mit konventionellen Vergasern und ungeregeltem Katalysator tritt die Kawasaki ZX-9R an. Zusätzlich sorgt ein Sekundärluftsystem für eine Nachverbrennung der Abgase, was den HC- und CO-Ausstoß zusätzlich verringert. Mit verblüffend niedrigen Werten liegt die Kawasaki sehr weit unter den Euro I-Grenzwerten. Mit dem modernsten Arrangement wartet die neue Honda VFR auf. Eine Einspritzanlage dosiert das Gemisch und erhält von der Lambdasonde Signale über die Abgaszusammensetzung. So werden dem geregelten Katalysator bereits von vornherein hohe Schadstoffkonzentrationen erspart. Die VFR unterbietet die günstigen Werte der Kawasaki nochmals und demonstriert den aktuellen Stand der Technik. Sie emittiert gegenüber der Suzuki gerade ein Elftel HC, ein Fünfzigstel CO und ein Drittel NOx. Eindrücklicher können die Möglichkeiten eines modernen Abgasreinigungssystems nicht unter Beweis gestellt werden.Aber auch mit weniger Aufwand und vor allem deutlich geringeren Kosten lassen sich durchaus effektive Systeme für Motorräder im unteren Preissegment realisieren, wie Kawasaki beweist. Unverständlich ist daher die Ignoranz, mit der Hersteller wie Suzuki und Yamaha den Zukunftsanforderungen begegnen. Wer über kurz oder lang marktpolitisch nicht an den eigenen Schadstoffen ersticken will, der sollte aktiv werden. Eine aggressive Preispolitik ist nur ein Marketing-Baustein. Umweltgesichtspunkte werden so oder so an Bedeutung gewinnen.

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