Versicherungstarife für Leichtkrafträder (Archivversion)

Immer auf die Kleinen

915 Mark Differenz zwischen der billigsten und der teuersten Haftpflichtprämie für dieselbe Maschine - das ist nicht zuletzt eine Folge der schizophrenen Führerscheinregelung 1b.

Befürchtungen, mit extrem hohen Versicherungstarifen könnte die neue 125er Einsteigerklasse gleich wieder kaputtgemacht werden, wie seinerzeit bei den 80ern, haben sich zum Glück bisher nicht bewahrheitet. Obwohl zumindest 16- und 17jährige, die vom Gesetzgeber dazu verdonnert wurden, mit auf 80 km/h gedrosselten 125ern zu fahren, heftige Einstandspreise löhnen müssen. Manche Gesellschaften verlangen über 1000 Mark Jahresprämie für die Haftpflicht, für das Geld fahren ältere Biker eine ausgewachsene Tausender spazieren. Lediglich gedrosselte 125er Roller sind mit 350 bis 450 Mark Jahresprämie erschwinglicher. Aber auch das ist eine Menge Geld, verglichen mit den Motorrad-Tarifen bis zehn und bis 17 PS. Da muß sich niemand wundern, wenn viele Jugendliche ihr Taschengeld lieber für andere Freizeitbeschäftigungen ausgeben. Wer dagegen älter als 18 ist, kommt viel preiswerter in den Genuß, ein Leichtkraftrad zu lenken. Vielleicht traut der Gesetzgeber diesen gereiften Youngstern mehr Vernunft und Umsicht zu, denn für unlimitierte 125er mit maximal 15 PS - seien es Scooter oder Motorräder - kostet die Haftpflicht nur einen Bruchteil: zwischen 150 und 200 Mark, wie der Tabelle zu entnehmen ist. In Wirklichkeit spekulierten die Versicherer darauf, daß möglichst viele Autofahrer die Chance erkennen würden und sich etwa einen 125er Roller als ideales sowie bezahlbares Zweitgefährt zulegen würden. Damit lagen sie auch völlig richtig. Vor allem bei den reiferen Damen und Herren, die vor dem 1. April 1980 ihren Klasse-Drei-Führerschein erwarben und sich jetzt bekanntlich völlig legal auf einen 125er Roller oder aufs 125er Motorrad schwingen dürfen, wenn das Gefährt nicht mehr als 15 PS leistet. Das taten bislang über 90 000 Käufer - Roller und Motorräder zusammengenommen. Und die werden mit dem ungewohnten Zweirad sicher viel vorsichtiger umgehen, also den Versicherern viel weniger Schäden bescheren als die heißblütigen Jugendlichen. Allerdings tappen die Assekuranzen beim Schadensaufkommen noch ein wenig im dunkeln. Denn echte Zahlen gibt`s noch nicht. Deswegen haben sich etwa die sonst eher zweiradfreundliche Neckura ebenso wie die Auto Direkt entschlossen, die Tarife für gedrosselte und ungedrosselte Leichtkrafträder auf gleichem, nämlich sehr hohem Niveau zu belassen. Immerhin ermäßigt sich der Satz ab dem 25. Lebensjahr auf das sonst übliche Prämienniveau zwischen 100 und 200 Mark. Was aber nur dann gilt, wenn ein weiteres Fahrzeug in der Schadenfreiheitsklasse drei versichert ist. So etwas nennt sich dann Zweitwagenregelung, ein Service, den manch andere Gesellschaft trotz günstiger Prämien ebenso anbietet. Das zusätzliche Fahrzeug beginnt dann gleich in Schadensfreiheitsklasse ½, in der noch 70 Prozent der Prämie fällig sind. Geradezu als Fördermaßnahme für die 125er Klasse versteht die Gothaer ihren Sondertarif für Leute über 25. Ein Leichtkraftroller kostet dann nur noch 84,60 Mark, ein Leichtkraftrad 131,60 Mark. Beide liegen damit deutlich unter den jeweiligen Prämien in der zehn beziehungsweise 17-PS-Klasse bei den Motorrädern. Recht häufig angeboten wird inzwischen die sogenannte Alleinfahrerklausel, bei der nur der Halter und der Ehepartner das Teil bewegen dürfen. Also den Versicherungsagenten nach solchen Sonderregelungen fragen, bevor man den Aufwand betreibt, die Versicherung zu wechseln. Sollten sich die aufs Leichtkraftrad umgesattelten Autofahrer doch öfter abgelegt haben, als es die Assekuranzen angenommen haben, wird es nächstes Jahr höherere Prämien geben. Die Versicherungsmathematiker tippen schon fleißig Zahlen in ihre Rechenprogramme.
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