Versicherungswechsel (Archivversion)

Willkommen im Dschungel

Versicherung zu teuer? Ein Wechsel kann sich lohnen. Aber Vorsicht: Seit der Liberalisierung strotzt der Versicherungsmarkt von Fallstricken.

»Die Versicherungen picken sich die Rosinen aus dem Kuchen, indem sie versuchen, sich durch differenzierte, kundenverwirrende Beitragsstaffelungen von Risikogruppen zu befreien«, sagt Thorsten Rudnik von der Verbraucherschutzorganisation »Bund der Versicherten« (BdV). Seit der Liberalisierung des Versicherungsmarktes 1994 wird der Tarifdschungel mit seinen Neuordnungen, Klassifizierungen und Rabatten tatsächlich immer undurchdringlicher.Alle Jahre wieder fragen sich viele Motorradfahrer, ob sie ihre Versicherung wechseln. Die Abwanderungswilligen mit Vertragsbeginn 1. Januar müssen bis zum Stichtag 30. November gekündigt haben. In den letzten Jahren hielt sich die Wechselwut jedoch in Grenzen. Thorsten Rudnik hofft aber, dass sich das ändert. »Nur durch Angebot und Nachfrage kann auf die Politik der Versicherungen Einfluss genommen und damit eine größere Prämiengerechtigkeit erreicht werden.« Immerhin sollen die Prämien 2003 stabil bleiben. Sabine Lafrenz, Konzernkommunikation der Axa, »erwartet auf dem heutigen Prämienniveau eine stärkere Spreizung der Beiträge«. Will heißen: Keine allgemeine Erhöhung, aber einige zahlen deftig drauf. Von eher sinkenden Beiträgen geht die WGV aus, »da die Schadenentwicklung im Kradbereich positiv ist.«Lohnt sich der Gedanke an einen Wechsel also überhaupt? Wer mit den Kosten unzufrieden ist, sollte als erstes der eigenen Versicherung auf den Zahn fühlen. Oft gibt es bessere Tarife, die eigentlich der Neukundenwerbung dienen und nicht an Bestandskunden weitergegeben werden. Feilschen lohnt sich. Vorsicht bei der Vertragsumstellung: Zu höheren Prämien kann es kommen, wenn beim Neuabschluss die Empfehlung des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) bereits greift. Die sieht nämlich eine Neuordnung der Pärmienberechnung vor: Regionalklassen wie im Autobereich und eine Erweiterung der Schadenfreiheitsstufen (siehe auch Kasten S. 104). Außerdem ändern die Assekuranzen schon mal ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Bei einem neuen Vertrag gelten dann die geänderten, vielleicht nachteiligen Konditionen. Bedenkenswert auch, ob es nicht billiger ist, das Fahrzeug an- und abzumelden statt ein teureres Saisonkennzeichen zu führen.Sind diese Möglichkeiten abgeklopft beziehungsweise der Entschluss für den Versicherungswechsel gefasst, muss ein sinnvoller Vergleich her. Günstiger ist natürlich nicht unbedingt besser. Dieter Holzapfel zum Beispiel fiel bei seinem Wechsel übel rein. Im Juni hatte er seine neue BMW R 1150 GS bei der HUK Coburg versichert. Kurz vor seinem Frankreich-Urlaub im August ereilte ihn ein Schreiben der HUK mit der Aufforderung, eine weitreichende Einschränkung seines Versicherungsschutzes zu bestätigen. Da es sich bei der mit Funksprechanlage und GPS ausgestatteten BMW um »ein höherwertiges Fahrzeug« handele, müsse die Teilkasko leider auf die EU-Länder inklusive Schweiz und Liechtenstein beschränkt werden. Und die eigentlich eingeschlossene Leistung Schutz gegen Diebstahl sollte nach dem Willen der HUK nur noch in Deutschland, Österreich und der Schweiz gelten. Das Urlaubsziel Frankreich sowie Italien als weiteres beliebtes Kurvenräuberland fielen demnach raus. Reumütig kehrte Dieter Holzapfel zu seiner alten Versicherung zurück. Holger Brendel, Pressesprecher der HUK, vermutet, dass bei Vertragsabschluss die übliche Prüfung der Risiken nicht oder nur lückenhaft vorgelegen habe. »In diesem Fall müssen wir beim Kunden nachhaken, und eine umfassende Risikoprüfung wird erst nach zeitlicher Verzögerung möglich.«Ein Fehler wäre also, nur die Prämien in Betracht zu ziehen; besser immer auch abfragen, welche Leistungen enthalten sind. Wenn der Service stimmt, zahlt es sich jedoch oft aus, höhere Haftpflicht- und dafür niedrigere Kaskobeiträge in Kauf zu nehmen (siehe auch Tabelle günstigste Versicherungspakete Seite 103). Aber vor allem spezielle Rabatte helfen sparen. So bietet zum Beispiel die LVM für Fahrer ab 30 eine »Seniorenklausel« an. Die Axa rechnet mit einer ganzen Reihe von prämienbeeinflussenden Faktoren: Alter und Geschlecht des Versicherungsnehmers, Dauer des Führerscheinbesitzes, Bauart und Hersteller des Kraftrads und vorhandenes Antiblockiersystem. Nicht nur Nachlässe für Garagenfahrzeuge, sondern auch für Mopeds mit wenig Jahreskilometern hat die WGV in ihrem Programm. Und wenn das Motorrad nur als Zweitfahrzeug mit Freizeitwert genutzt wird, räumt zum Beispiel der Gerling Konzern eine Vergünstigung ein. Hat der Halter weitere Policen beim Versicherer, kann er unter anderen bei Allianz und Gothaer auf eine bessere Prämie hoffen. Einige Assekuranzen, wie die R+V Versicherung, bieten einen Partnernachlass an. Dort gibt´s auch einen Treuenachlass, wenn ein Kfz-Haftpflichtvertrag ununterbrochen drei Jahre besteht.Die Kehrseite der Rabatt-Medaille: Gehört der Versicherte nicht der begünstigten Gruppe an, beispielsweise als Mann in einer Versicherung mit Frauentarifen, kann er von einem höheren Beitrag als bei der Konkurrenz ausgehen.Youngtimerversicherungen – eine feine Sache für Motorräder aus den 70ern. Leider ist dieser Tarif an Bedingungen wie weitgehend originaler Zustand, Nutzung nicht als Alltagsfahrzeug, Garagenplatz und oft auch eine Jahreslaufleistung unter 5000 Kilometern geknüpft und außerdem nicht weit verbreitet. Oldtimerversicherungen werden nicht generell, aber häufiger angeboten, zum Beispiel von Allianz, Generali Lloyd, Gothaer und SV Baden Württemberg.Vor allem die Fahranfänger sollten beim Versicherungsvergleich genau abwägen. Die Schadenfreiheitsstufe (SF) 0, die reguläre Einsteigerstufe, allein schwankt schon erheblich: 100 Prozent bis 210 Prozent (Axa), die Malusstufe noch mehr: 100 Prozent (SV Baden-Württemberg) bis 290 Prozent (Allianz, Axa) (vergleiche auch GDV-Empfehlungen Seite 104). Wenn im nächsten Jahr alle die GDV-Empfehlungen umsetzen sollten, wird´s für Anfänger teurer. Viele Assekuranzen bieten an, über Eltern oder Partner direkt in SF ½ einzusteigen. Bei der Zürich Versicherung kann der Neukradler sogar bei 40 Prozent anfangen, wenn bereits der Pkw dort versichert ist.Vorsicht bei Reisen ins Ausland. Die Grüne Karte gewährt Versicherungsschutz in allen europäischen Ländern, außer Albanien und den ehemaligen UdSSR-Staaten. Auch einige nordafrikanische Mittelmeerstaaten sowie einzelne Staaten im Nahen Osten gehören zum Geltungsbereich. Anbieter wie Tourinsure (Internet: www.tourinsure.de) haben sich darauf spezialisiert, Fahrzeuge schon von zu Hause aus für ferne Ziele zu versichern. Besser ist es aber, sich zuvor bei der eigenen Versicherung zu erkundigen. Die WGV erweitert zum Beispiel ihre Versicherung auf den asiatischen Teil der Türkei, Tunesien und Marokko gegen einen Aufschlag von 30 Euro, der auch Voll- und Teilkasko umfasst. Einige andere schließen Anrainerstaaten der regulären Grünen Karte mit ein; meist sind jedoch spezielle Grenzversicherungen nötig.Fühlt der Tarifdschungeltarzan angesichts der Flut von Wenns und Abers, Prozenten hier und Rabatten da leichte Verzweiflung in sich aufsteigen, kann er sich Schützenhilfe holen. Etliche Agenturen bieten einen Check zur günstigsten Versicherung an. Allerdings gibt´s nur recht wenige, die ihre Dienste kostenfrei, online und sofort zur Verfügung stellen. Außerdem ist nicht sicher, dass der Hilfesuchende tatsächlich das günstigste Angebot erhält. Denn natürlich sind nicht sämtliche Versicherungen, die sich auf dem Markt tummeln, in einem Online-Vergleich erfasst, sondern je nach Agentur zwischen 50 und 200. Rabatte können teilweise nicht berücksichtigt werden. Ein zusätzliches Problem bei dieser Art Check ist das (noch) uneinheitliche System der SF-Rabatte. Eine Orientierungshilfe bieten die Checks aber allemal. Unter www.mr-money.de und www.fss-online.de ist ein direkter, kostenloser Online-Vergleich möglich.Wenn alle Stricke reißen und der Kampf mit der Versicherung sich auf juristisches Gebiet verlagert, dann hilft der Ombudsmann als Schlichter: www.versicherungsombudsmann.de, Telefon 01804/224424 (24 Cent pro Anruf). Voraussetzung für die Anfrage ist, dass der Versicherte seinen Anspruch zuvor erfolglos bei der Versicherung geltend gemacht hat. Das Ombudsverfahren beginnt mit Aufnahme der Beschwerde. Besonders reizvoll: diese Unterstützung kostet nichts, und die Assekuranz ist gezwungen, sich an seinen Schiedsspruch zu halten.
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Versicherungswechsel: Info und Tarife im Vergleich (Archivversion) - Die GDV-Empfehlungen

Seit Anfang dieses Jahres empfiehlt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) weitreichende Änderungen bei der Prämienberechnung. Wie sehen die aus?
Einige Assekuranzen setzen die Empfehlungen des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) um, ein paar lehnen sie ab, manche glauben, dass sie im nächsten Jahr von allen verwendet werden, und andere hoffen, dass der Markt das verhindern möge. Verbindlich für alle Versicherungen sind die Empfehlungen des GDV also nicht.Analog dem Autobereich legte der GDV fünf Regionalklassen für Motorräder fest. In ihnen sind Zulassungsbezirke, also amtliche Kennzeichen, mit ähnlichem Schadenverlauf zusammengefasst. Der jährliche Check anhand aktueller Statistiken soll die Rangliste korrigieren, die Berlin momentan mit dem höchsten Schadenbedarfsindex anführt. In der Praxis werden diese Klassen bisher weitläufig ignoriert.Der Hauptaspekt zur Prämienermittlung sind nach wie vor die Schadenfreiheitsklassen. Statt der bisher fünf Stufen (0, ½, 1, 2 und 3) werden dreizehn empfohlen (0, ½, 1-10 und die Malusstufe M), die kaum ein Versicherer bisher voll ausreizt.Fahranfänger gehören auf alle Fälle zu den Verlierern, wenn sich die Empfehlung des GDV bei allen Versicherungen durchsetzt. Sie steigen jetzt schon im Schnitt bei 120 bis 140 Prozent ein, nach der neuen Regelung bei 210 Prozent. Ein Schelm, der Böses dabei denkt; verursachen sie tendenziell doch mehr Schäden als die alten Hasen unter den Kradlern.Etliche Assekuranzen verwenden bereits seit Jahren eine erweiterte Staffel, die über SF 3 hinausgeht, zum Teil – wie bei der OVAG – bis SF 8. Die niedrigste Prämienstufe wird dann nach neun schadenfreien Jahre erreicht. Die neue Malusstufe M greift vor allem, wenn der in Stufe 0 eingruppierte Fahranfänger Schäden verursacht. Hier klaffen alte und neue Regelung besonders weit auseinander: Über 200 Prozent der normalen Prämie darf er dann momentan bei den einen Versicherungen berappen, bei den anderen noch 120 bis 125 Prozent. Die Empfehlung, teils schon umgesetzt, geht in Richtung 285 Prozent, wird aber von manchen Assekuranzen noch überboten. So sind 290 Prozent in der Malusstufe bei einigen Usus, zum Beispiel bei Allianz und Axa. Einige Versicherungen denken bisher nur über die Einführung der Malusstufe nach, haben sie aber noch nicht in ihr Vertragswerk aufgenommen.Langjährig Unfallfreie fahren mit dem neuen System gut, so sie sich zur höchsten SF-Stufe heruntergedient haben. Bis zum niedrigsten Beitrag dauert es jetzt allerdings länger. Positiv schlägt zu Buche, dass der Spielraum der höchsten SF-Stufe nach der neuen Regelung einen Prozentsatz von 25 Prozent ermöglicht.Ebenso uneinheitlich wie die Prozente für die einzelnen SF-Stufen zeigt sich die Rückstufungspraxis bei verschuldeten Unfällen. Die SV Baden-Württemberg hat zum Beispiel zwar eine Malusstufe, der so Klassifizierte muss aber nicht mehr zahlen als in SF 0. Er braucht nur entsprechend länger, um erneut in SF ½ zu klettern. Bei der WGV rutschen alle aus SF 0, ½ und 1 in die Malusstufe. Aus SF 2 bis 4 geht´s nur noch bis SF ½ zurück. Die Generali Lloyd dagegen greift besonders hart durch. Deren Kunden fallen sogar von der höchsten Stufe (SF 10) in SF ½.Während die meisten Versicherungen betonen, dass durch die neuen SF-Klassen eine gerechtere Prämienverteilung möglich ist, gibt es auch Gegenstimmen, die harte Zeiten für alle Biker prognostizieren, wenn sich das Regelwerk in empfohlener Weise durchsetzt. Aber keine Panik: Alte Verträge dürfen nicht einfach pauschal gewandelt werden, sondern laufen parallel zu den Neuabschlüssen weiter, die geänderten Bedingungen unterliegen.

Versicherungswechsel: Info und Tarife im Vergleich (Archivversion) - Die WHW hilft finden

Die WHW Wirtschaftsanalysen GmbH ist seit vielen Jahren Partner von MOTORRAD. Sie ermittelt aus den Daten von über hundert Versicherungen individuell den besten Anbieter für den Motorrad-, Moped- und auch Autofahrer. Unter www.whw.de kann der Interessierte online seine Daten eingeben. Auf Anfrage gibt´s bei WHW Wirtschaftsanalysen GmbH, Bertha-von-Suttner-Allee 4, 21614 Buxtehude oder unter Telefon 04161-600710 ein Formblatt. Die darauf basierende Analyse kostet zehn Euro und wird dem Anfragenden zugeschickt. Mindestanforderungen sind Daten aus dem Fahrzeugschein: Kubikzahl, Höchstgeschwindigkeit, Motorleistung, Erstzulassung und Zulassungsbezirk. Relevant ist ebenfalls, ob unbegrenzte oder gesetzliche Deckungssumme, ob pure Haftpflicht, Voll- oder Teilkasko; außerdem persönliche Daten wie Geburtsdatum, Führerscheindauer, Geschlecht und Familienstand. Fahrer außer dem Versicherungsnehmer und Garagenstellplatz sind weitere Faktoren für die Berechnung.

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