Vier-Stunden-Rennen in Spa Rennen im Rahmen der Biker's Classics

Im Rahmen der Bikers' Classics, dem faszinierenden Motorrad-Festival für Klassiker, steigt jeden Sommer auch ein Vier-Stunden-Rennen. Und zwar mit einzigartiger Nachtatmosphäre.

Foto: Archiv

Samstag, 2. Juli 2011, kurz vor 20 Uhr. Ein strahlender Sommer-abend. In einer langen Reihe stehen 69 Männer in voller Rennmontur am Rand der legendären Rennstrecke von Spa-Francorchamps. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite, halten Helfer ihre im 45-Grad-Winkel an der Boxenmauer aufgestellten klassischen Rennmaschinen. Über allem thronen einige Tausend Zuschauer auf den Tribünen. Trotzdem ist jeder Fahrer mit sich allein. In sich versunken, das Herz pocht.

Als Punkt acht die belgische Flagge geschwenkt wird, hechten alle los, springen auf ihr Motorrad, drücken den Startknopf oder lassen sich anschieben. Ouvertüre zum vierstündigen Spektakel.

Motoren bellen auf, der Boden erzittert, Fahrer weichen Kollisionen im allerletzten Moment noch aus. Mittendrin wir, das Team Bike Side/MOTORRAD CLASSIC. Seit Jahren dabei, verpatzen wir diesmal den Start mit der 1100er-Katana. Jetzt aber hinab durch die Senke von Eau Rouge, eine der berühmtesten Kurven der Welt.

Es ist, als führe man gegen eine Wand aus Asphalt. Weit links ran an die Curbs, das Motorrad federt voll ein. Schwung holen für die steil bergauf führende Rechts-links-Kurve Raidillon. Geht gut, die gemachte Suzuki. Ein 1200-Kubik-Satz pumpt sie auf 130 PS auf, Lockheed-Bremsen fangen die gut 210 Kilogramm wieder ein. Fahrwerkstechnisch helfen Öhlins-Federbein und -Innereien für die Seriengabel sowie LSL-Lenkerstummel. Etwas Windschutz bietet das vergrößerte MRA-Scheibchen. Für rund 10 000 Euro ist die silberne Suzi eher ein Low-Budget-Racer. Dabei sein zählt!

Spa-Francorchamps ist eine Ardennen-Achterbahn für Männer, mit fordernd schnellen Kurven. Hart war es hier gestern im gezeiteten Training. Regen bei Nacht, volle Konzentration. Fahrer mit wenig Endurance-Erfahrung tragen ihren Renner dann wie ein rohes Ei um den 7004 Meter langen Kurs. Bei Nässe zog sich das Feld noch weiter auseinander. Doch auch jetzt, bei Trockenheit, gilt: Wenn man denkt, man ist im Grenzbereich unterwegs, dann zeigen einem die alten Haudegen von Ex-Rennfahrer, wo wirklich der Hammer hängt.

Leute wie der Ex-Endurance-Weltmeis-ter Richard Hubin auf der Langstrecken-Yamaha TZ 750, OW 31. Gut 140 PS leistet der sackschnelle Zweitakter bei kaum 155 Kilogramm. Verdammt flott: Holger Aue. Der MOTORRAD-Comiczeichner fuhr 1997 schon 24-Stunden-Rennen, prügelt hier die Dynotec-Moto Guzzi Le Mans auf den tollen achten Startplatz. Das Startfeld wird von Jahr zu Jahr illustrer, professioneller.

Mit Schmackes die Kemmel-Gerade hinauf. An deren Ende mit Verve durch die Rechts-Links-Rechts, der Knieschleifer schrabbelt. Das Reglement erlaubt Maschinen vor Baujahr 1981 ab zwei Zylindern und 400 cm3. 80 Teams zu je zwei Fahrern treten für jeweils satte 1050 Euro Startgeld an, 69 qualifizieren sich. Kein Fahrer darf mehr als zwei Drittel des Rennens fahren.

Jedes Team hat eine eigene „Stallregie“ für Fahrerwechsel und Auftanken. Unsere Katana hat für rund eine Stunde Sprit im Tank. Hätte. Denn kurz vor Abschluss der verkorksten ersten Runde geht der Motor sprotzelnd aus. Was ist nun los?

Die Einfahrt zur Boxengasse ist just vorbei. Rechts ran. Dutzendweise dröhnen, hämmern und bollern die anderen Maschinen vorbei. Die Jungs in der Box stehen auf der anderen Seite der Mauer. Also schieben. Ein Streckenposten hält die gelbe Fahne über mir hoch. Zum Glück geht’s hinter der Spitzkehre La Source rechts ab, steil den Berg runter. Auf dem „Rennroller“ ohne Motorkraft. An der tiefsten Stelle des Kessels wartet Teamchef Klaus. Ein Kabel am Zündschalter ist lose. Kleine Ursache, noch gerade vermeidbare Wirkung.

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Foto: Hecker

Doch nach gut 45 Minuten Fahrzeit drückt der Vierzylinder Öl aus der Fußdichtung. Der Motor ist schon ganz verölt. Beim Blick darauf kleben die Augäpfel des Typen neben mir in der Anbremszone übergroß innen an seinem Visier. Den weißen Rauch aus der Vier-in-Eins kannst du als Fahrer ja nicht sehen. Bemerkst nur die mit einem Mal glitschige Fußraste. Überall Öl, auch auf dem Hinterreifen, Contis famose Road Attack - regelkonform als 150er. Mit Mühe das Motorrad durchs Gras dirigieren und an der Leitplanke parken. Das wars dann wohl. Schade, wo gerade die Rundenzeiten gut wurden, drei Minuten. Nun heißt es, drei Stunden lang bis Mitternacht das bunte Treiben als Zuschauer verfolgen.

Das Drumherum inhalieren. Wenn die Fahrer vorm Wechsel sehnsuchtsvoll in der Nacht warten. Alles gut gegangen, da draußen? Kilometer um Kilometer spulen die Teams ab. Unspektakulär, aber konstant zieht eine 1000er-Gold-Wing ihre Bahn, die 1976 aus der 295 Kilogramm schweren Basis zum Racer präpariert wurde! Rund 90 PS und 850 Kubik hat die Rob North-Triumph Trident von Klaus Müller und Bernd Schaefer. In babyblauer „Gulf“-Lackierung ein schwer beachtetes, besonders wohlklingendes Motorrad. „Wenn die ihr Zwischengas herausbrüllt, kriege ich Gänsehaut“, sagt Zuschauer Rolf aus Bonn.

Es kostet Zeit, Geld und bringt Stress. Warum tun Männer das? Weil es richtig geil ist. Wenn man einen normalen Bürojob hat, ist das hier eine Riesenherausforderung. Fahrerisch, logistisch, technisch. Tausend Unwägbarkeiten warten. Alle Sturz- und Ersatzteile dabei? Die richtigen Reifen geordert, für Hitzestress und Regen? Feuerlöscher, vorgeschrieben fürs Auftanken im Rennen, und feuerfesten Anzug parat? Wer kocht? Ohne das Team bist du nichts!

Defekte am 30 Jahre alten Motorrad gemeinsam zu meistern, ist eine unvergessliche Erfahrung. Helfende Hände sind stets parat, oft helfen andere Teams. Ritterliche Rivalen. Wie der eigens aus den USA angereiste Vietnam- und Endurance-Veteran Gary Di Pietro. Von Schuss- und Rennverletzungen gezeichnet, hat die Wade des 62-Jährigen die Form einer Vierzylinder-Kurbelwelle. Trotzdem ist er immer fröhlich, der Groucho Marx der Rennszene.

MOTORRAD-Urgestein Siggi Güttner schaut vorbei. Der frühere Obertester fuhr in den 70ern und 80ern etliche Langstrecken-Rennen. Er wurde 1972 Fünfter bei den 200 Meilen von Daytona, war nachts oft genauso sauschnell wie tagsüber.

Und ist trotzdem beeindruckt von bloß vier Stunden hier. „Wir fuhren ja damals auf aktuellen Motorrädern“, erklärt Siggi. „Ihr fahrt aber heute auf Youngtimern.“ Das alte Material kennt viele Marotten. Stürze und technische Defekte bleiben nicht aus. Am Ende schaffen es nur 47 von den 69 Teams in die Wertung.

Ein Ausrutscher stoppt Holger Aues furiose Fahrt. Während andere Teams auftanken, rutscht er, in Führung liegend, in der langsamsten Rechtskurve (Bus-Stop-Schikane) auf Öl aus. Dabei dreht der V2 wegen eines ungünstig verlegten Gaszugs im Liegen voll hoch. Was einen irreparablen Lagerschaden nach sich zieht. Es gewinnt eine andere Guzzi. Die der Vorjahressieger, der Brüder Segarra aus Spanien. Doch im Parc Fermé, ein Novum 2011, fallen ihre regelwidrigen 17-Zöller auf. Vorgeschrieben sind 18 Zoll. Also Disqualifikation!

Zu den Siegern rücken die Trainingsschnellsten auf: Christian Haquin mit seinem Mit(st)reiter Gilles Hampe auf der Godier-Genoud-Kawa. Platz zwei belegen Ralf Wobker und Bernd Fohne auf Rau-Kawa Z 1000. Den dritten Platz holen Manfred Kaiser und Christian Ganter auf der bildschönen Nico-Bakker-Honda RSC 1000. Im Sommer 2012, vom 30. Juni bis zum 1. Juli, treffen sich die Rivalen der Rennbahn alle wieder. Bis dahin bleiben Erinnerungen, auch unter www.bikersclassics.be.

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