Vorderradführungen (Archivversion) Die Alternative - ein langer Weg

Eigentlich ist die Zeit der Telegabel längst abgelaufen. Ein Bauteil, das Radführung, -federung und -lenkung gleichzeitig übernimmt, kann zwangsläufig nur aus einer Anhäufung von unbefriedigenden Kompromissen bestehen. Doch die Praxis beweist das Gegenteil. Trotz enormer Standrohrdurchmesser von bis zu 50 Millimeter und ellenlangen Federwegen trimmten die Konstrukteure ihre aktuellen Bauteile so zurecht, daß sie selbst im Rennsport bislang keine Konkurrenz fürchten müssen. Feinarbeit an der Dämpfung und eine trotz der gewachsenen Durchmesser reduzierte Reibung, lösten die markantesten Probleme weitgehendst auf.Daß ausgerechnet anerkannte Fahrwerks-Spezialisten, die bisweilen sogar ihr Geld mit der Vermarktung und Produktion der Telegabel verdienten, die Experimente mit alternativen Radführungen beschleunigten, hat natürlich seinen Grund. Sie alle suchten nach einer hochsensiblen Federung, die selbst unter extremster Belastung feinfühlig, aber ohne Verwindung und mit geringster innerer Reibung Stöße und Wellen absorbiert.Mit beneidenswerter Zähigkeit laborierte das französischen ELF-E-Team jahrelang am neuen Konzept. In unterschiedlichsten Varianten forschte man nach einer Alternative zur Telegabel, heimste mit einigen Achtungserfolgen in der 500er GP-Klasse mit Ron »Rocket« Haslam auch genügend Publicity ein, doch der Durchbruch blieb aus, das Projekt wanderte ins Museum und die Patentrechte nach Japan zu Honda. Bislang jedoch ohne Konsequenz.Nicco Bakker, holländischer Tüftler und Rahmenkonstrukteur mit WM-Lorbeeren, pflanzte 1987 einen Honda VF 750 Motor in sein QCS (Quick-Change-System) Achsschenkel-Chassis. Eine Idee, die bei Yamaha nicht unbeachtet blieb. Ein Jahr später startet ein von Fahrwerks-Guru Benny Wilbers, Motorrad-Journalist Werner Koch und Yamaha-Manager Hennes Fischer initiiertes 125er Projekt. Bei VH in Oldenburg konstruiert, sollte der mit Yamaha-Motoren bestückte Renner die Achtelliter-GP-Szene aufmischen. Testfahrer Ralf Waldmann zeigt sich zwar begeistert von der Federfunktion, bemängelte jedoch Leistungsprobleme und so verschwand auch dieses Experiment von der Bildfläche. Oder doch nicht? 1992 rollte bei Yamaha mit der GTS 1000 das erste Großserienmotorrad mit Achsschenkel-Lenkung vom Band. Nicht gänzlich ausgereift und bei der Wahl der Reifendimension ziemlich verwachst, verkümmerte die innovative GTS 1000 leider zum Flop. Wieder nichts.Pierluigi Marconi, bis 1998 Chefkonstrukteur bei Bimota setzte auf die Nabenlenkung seiner extravagant verschalten Tesi 1D mit Ducati-Motor. Im Übereifer hatten die Italiener unglücklicherweise einige gravierende Mängel in ihr revolutionäres System hineinkonstruiert, die zum Teil erhebliche Stabilitätsprobleme verursachten. Das Konzept wurde aus dem Programm verbannt, statt dessen lenken und federn die jüngsten Kreationen von Bimota wieder mit Telegabel.Auch der aktuelle Anlauf der britischen Tryphonos ist noch von kleinen Kinderkrankheiten begleitet, doch stellen die tadellose Grundfunktion und die hervorragende, für den Fahrer so wichtige Rückmeldung des Federsystems einen echten Fortschritt in Sachen Fahrbarkeit und Sicherheit dar. Jetzt kommt es darauf an, die Unzulänglichkeiten auszumerzen, ohne die bestehenden Qualitäten in Frage zu stellen. Zugegeben, keine leichte Aufgabe - aber eine Aufgabe, mit deren Lösung der Knoten platzen könnte. An die Arbeit, Jungs.

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