Vorschau Grand Prix Deutschland (Archivversion) Die Chefs am Ring

Gleiche Motorräder, gleicher Siegeswillen: Das Duell Biaggi gegen Waldmann verspricht beim Nürburgring-Grand Prix am 20. Juli mehr Spannung denn je.

Im letzten Jahr kam die große Wende in Assen und am Nürburgring. Ralf Waldmann gewann beide Rennen hintereinander, wurde von den Fans stürmisch gefeiert und war auch in der WM-Tabelle plötzlich wieder wer. Ganz am Anfang der Saison durch ein gebrochenes Schlüsselbein nahezu aussichtslos zurückgeworfen, fuhr Waldi plötzlich wieder um die 250er Weltmeisterschaft mit - und mußte den Traum vom Titel erst bei seiner knappen Niederlage gegen Max Biaggi im letzten Rennen begraben. Damals waren die Gegensätze zwischen dem HB-Honda-Star und dem Champion auf Chesterfield-Aprilia offensichtlich, doch seit Waldi den Sponsor und Biaggi die Marke gewechselt hat und nun beide auf Marlboro-Honda antreten, sind die Unterschiede kleiner geworden. Nicht einmal mehr die Rivalität ist das, was sie schon mal war. »Harada, Waldmann, Jacque - ich schätze meine Kollegen und komme mit allen blendend aus. Wenn du je etwas anderes geschrieben siehst, so ist das eine Erfindung der sensationslüsternen italienischen Presse«, sagt Max Biaggi. »Die Kombination Honda-Max ist für mich besser als Aprilia-Max. Dazu stehe ich weiterhin«, gibt Waldi die Freundlichkeiten zurück. Denn anders als in früheren Jahren, wo die Manöverkritik der besten Honda-Fahrer oft ungehört verhallte, scheint das Honda-Werk nun zu reagieren, wenn Max Biaggi die Alarmglocken läutet. »Max treibt die Entwicklung vorwärts«, anerkennt Waldi. »Wenn ich im letzten Jahr gesagt habe: Das Fahrwerk ist zu schlecht, dann habe ich mir bei Honda den Mund verbrannt. Der Druck, den Biaggi macht, scheint mehr Wirkung zu haben. Honda hat noch nie so viele neuentwickelte Teile geliefert wie in dieser Saison. Das sagt auch mein Techniker Sepp Schlögl.« Nicht nur bei Farbe und Ausrüstung, auch auf der Strecke ist Waldi diesmal viel dichter dran am dreifachen Weltmeister. Zwar verletzte er sich auch 1997 vor dem ersten Rennen, holte aber trotz der verletzten Strecksehne am rechten Mittelfinger schon im ersten Rennen Punkte und kam bislang überall erfolgreich ins Ziel.Bereits in Jerez feierte Waldmann den ersten Saisonsieg, und seither klebt er in der WM-Tabelle eisern im Windschatten des italienischen Superstars. »Waldmann und Harada sind meine gefährlichsten Gegner. Harada hat die Umstellung auf Aprilia bewältigt und ist nun so weit, daß er den Topspeedüberschuß von mindestens fünf km/h ebenso effektiv ausnützen kann wie ich damals. Ralf ist ebenfalls ein sehr schneller, talentierter Fahrer, macht mir aber zusätzlich noch durch seine Konstanz zu schaffen«, urteilt der Weltmeister.Diese Konstanz hat der Römer freilich auch. So wie Waldi bei seiner Handverletzung biß auch Biaggi erfolgreich die Zähne zusammen, als er sich in Japan die Schulter auskugelte. So wie Waldi scheffelt auch Biaggi überall reichlich Punkte, selbst wenn ein Sieg außer Reichweite ist. Waldmann hat den Vorteil seiner eigenen und der immensen Erfahrung von Cheftechniker Sepp Schlögl mit den Honda-Geräten. »Ein Kompliment an meine Mannschaft - ich habe immer ein konkurrenzfähiges Motorrad zur Verfügung. Nur ganz gelegentlich, zum Beispiel als wir erst nach dem Abschlußtraining von Mugello einen Riß im Rahmen entdeckten und in aller Eile umbauen mußten, sind wir mit nur einem Motorrad im Nachteil. Doch in vielen anderen Situationen ist es sogar von Vorteil, sich auf nur ein Motorrad konzentrieren zu können. Wir haben festgestellt, daß ich im Durchschnitt mehr Trainingsrunden als die Kollegen mit zwei Motorrädern zurücklege«, meint Waldi. Während seine Honda dank Schlögls deutscher Wertarbeit stets konkurrenzfähig ist, muß Biaggis Kanemoto-Team bei der Abstimmung auf jeder einzelnen Strecke von vorn anfangen. »Richtig vorbereitet waren wir nur in Malaysia, deshalb habe ich dort so überlegen gewonnen. Für die anderen Strecken haben wir keinerlei Daten. Wir tappen im dunkeln und tasten uns bis zum Rennen oft durch Zufallstreffer zu einem brauchbaren Motorrad vor«, gibt Biaggi zu. Diesen Nachteil gleicht der Weltmeister durch unübertroffene Kaltschnäuzigkeit auf der Strecke aus. Während Biaggi sein Heimspiel in Mugello gegen zwei motorisch überlegene Aprilia-Stars in einem unvergeßlichen Endspurt gewann, ließ Waldi im Endspurt gegen Olivier Jacque in Österreich jene kleine Lücke offen, die zum Überholmanöver des letztlich siegreichen Franzosen führte. Da dem Vize-Weltmeister »so etwas garantiert nicht mehr passiert«, ist die Chance groß, daß er beim Heimspiel am 20.Juli am Ring seinen Vorjahressieg wiederholt. »Für den Nürburgring-GP bin ich bis unter die Haarspitzen motiviert. Durch die Begradigung der Schikane ist die Strecke zwar nicht mehr so spektakulär wie im letzten Jahr, doch anspruchsvoll ist der Nürburgring noch immer. Mein Vorteil ist, daß ich dort jeden einzelnen Stein kenne. Es würde mich nicht stören wenn ich im Training der Schnellste wäre und im Rennen vom Start weg auf und davonfahren könnte«, schmunzelt Waldmann. Die »Waldi«-Chöre des letzten Jahres, für die er sich auf dem Podest mit einem kräftigen »Danke, Jungs« revanchierte, sind ihm noch in bester Erinnerung. Weshalb er sich diesmal vor allem eines wünscht : prall gefüllte Zuschauerränge am Ring.

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