Vorschau Speedhill in Lassing (Archivversion) Erhebendes Gewühl

Beim Speedhill in Lassing heißt es für den Fahrer: Der Steilhang liegt vor mir, drei Konkurrenten stehen neben mir, und ich will als erster oben sein. Eine sehr schwierige, aber keine unlösbare Aufgabe.

Das Startgitter fällt. Vier Fahrer reißen das Gas an ihren Cross-Maschinen auf. Bis zum ersten Sprung sind es nur wenige Meter, nach der Landung beschleunigen die Piloten auf über 100 km/h. Sie nehmen Anlauf für den imposanten Steilhang, der sich vor ihnen auftürmt. Dann die erste Rampe. Sie heißt »Gösser-Sprung«, katapultiert die Fahrer mehr als 20 Meter weit durch die Luft. Nächster Schritt: Motorrad bergauf abfangen, zwei oder drei Gänge herunter schalten und weiter zur »Fruchthof-Kante«. Wer hier nicht genügend Schwung mitnimmt, sieht das Ziel nicht – sondern klatscht in eine Erdwand. Wer’s richtig macht, landet mit dem Hinterrad oben auf der Kante und drückt das Vorderrad wieder zu Boden, um mit möglichst viel Traktion den letzten und steilsten Teil der Strecke zu bewältigen. Vor dem Ziel schlingern die Fahrer dann fast in Schrittgeschwindigkeit durch tiefe Furchen.Speedhill heißt dieses Spektakel, das am 15. und 16. September in Lassing in der Steiermark stattfindet. Wie beim klassischen Hillclimbing geht es auch beim Speedhill strikt »auffi«, das Ziel ist aber erreichbar und ein Abwurf nicht obligatorisch. Seit 1997 veranstaltet der örtliche Enduroclub den Wettbewerb vor der gewaltigen Bergkulisse. Doch bereits 1998 setzten die Organisatoren das Rennen aus: Damals starben beim Grubenunglück im Talkumwerk Lassing zehn Bergleute, darunter auch Manfred Zeiser vom Enduroclub. Das Negativ-Image, das der 2000-Seelen-Gemeinde seither anhaftet, möchten die Lassinger gern loswerden und stehen daher voll hinter dem Speedhill – »auch die, die mit Motorsport sonst nichts am Hut haben«, sagt Hannes Matlschweiger vom Enduroclub.Im Unterschied zum Hillclimbing starten die Fahrer beim Speedhill nicht einzeln, sondern in Vierergruppen. Sieger ist, wer in Bestzeit oben ankommt. Offroad-Profis erstürmen den Lassinger Hang in sensationellen 24 Sekunden. Weniger geübte Fahrer sind dagegen froh, wenn sie das Ziel nach 400 Metern, davon rund 150 Höhenmeter, überhaupt erreichen. Außerdem gibt es ja noch die anderen drei Fahrer, die man besser im Auge behält. Sonst endet der Lauf nicht oben, sondern mit einer Kollision unten im Tal.Insgesamt starten rund 300 Teilnehmer aus ganz Europa in fünf Klassen. Pausenlos schießen die Fahrer-Quartette den Berg hinauf, kommen aber selten gleichzeitig oben an. Spektakuläre Stürze, die zum Glück in der Regel glimpflich abgehen, gehören zu diesem Rennen wie Grillhendl und kühles Bier. Die Zuschauer – im letzten Jahr kamen 9000 – fiebern mit. Auch und gerade in der Spezialklasse, wo sich zum Teil abenteuerliche Selbstbauten den Steilhang hochkämpfen. Beim letzten Mal zum Beispiel Frank aus Hamburg, der den 150 PS starken Vierzylinder einer Unfall-Maschine in das Fahrwerk einer Kawasaki KX 250 gesteckt hat. »Da muss ich nicht schalten, der erste Gang reicht aus«, grinst der Erbauer des Vehikels namens »Horst 1000«. Als der Motor kurz vor dem Ziel infernalisch aufheult, grölen die Zuschauer. Andreas aus Österreich scheitert hingegen auf seinem 300 Kilogramm schweren Eigenbau mit Yamaha XJ 750-Motor und dickem Auto-Hinterreifen am Steilhang. Trotzdem, das Publikum ist begeistert.Der Nachwuchs bewältigt auf Mini-Crossern immerhin einen Großteil der Strecke. In der Damenklasse benötigt das angeblich schwächere Geschlecht zwar weit über eine Minute für’s »Auffi«, beweist aber, dass Frauen nicht vor dem Berg kapitulieren müssen. Einige Hobbyfahrer bei den männlichen Kollegen träumen dagegen noch von der Zieldurchfahrt. Zum Beispiel Hans-Peter aus Kitzbühl, der vergangenes Jahr auf seiner Yamaha XT 600 Ténéré schon vor der Fruchthof-Kante den Abflug machte, wobei sich sein Motorrad in Einzelteile auflöste. Jetzt will er mit einem Eigenbau an den Ort des Geschehens zurückkehren und in der Spezialklasse antreten. »Dann hat keiner mehr was zu lachen, da bin ich mir sicher«, schwört er.Den Zuschauern allerdings würden die teilweise kuriosen Turneinlagen der Fahrer während der Schussfahrt aufwärts fehlen. Bei notorischen Bruchpiloten steigt das Stimmungsbarometer steil an. Wird der Fahrer dann tatsächlich von seinem bockigen Gefährt abgeworfen, feiern ihn die Fans wie einen Helden. Extrem spannend gestalten die Veranstalter das Superfinale am Sonntag: Hier kämpfen die 16 schnellsten Fahrer im K.O.-System um die Krone des besten Speedhillers. Ganz am Ende stehen nur noch zwei Berg-Gladiatoren am Start. Und ganz am Ende zeigt sich auch, welches Motorrad sich am besten für den Kampf am Hang eignet. Zweitakter haben durch ihr geringeres Gewicht bei den Sprüngen Vorteile, Viertakter spielen dagegen am Steilhang das größere Drehmoment aus. Beim Speedhill 2000 hatte eine Zweitakt-Honda knapp die Nase vor einer Viertakt-KTM 520 SX. Im Moment bereiten die Lassinger die Strecke vor und schütten neue tückische Kanten auf – bald fällt wieder das Startgitter, und die Viertakter bekommen ihre Revanche.

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