Wächst der Sachse vom Findelkind zur Hoffnung der Ducati-Familie? (Archivversion) NEUkirchner bei Ducati

Paolo Ciabatti, bei Ducati Corse über das Werksteam hinaus für alle Superbike-Rennsportaktivi-
täten verantwortlich, spielt die Rolle des Samariters nicht ohne Freude. »Als wir gehört haben, dass Max Neukirchner Gefahr lief, ohne Job in der WM-Saison 2006 dazustehen, haben wir natürlich gern versucht zu helfen«, erklärt der sympathische Italiener. »Eine echte Chance, ihn unterzubringen, gab es zu diesem Zeitpunkt nur im Pedercini-Team, das ja in der Vergangenheit schon des Öfteren mehr als zwei Fahrer
an den Start gebracht hat. Die Gespräche mit Teambesitzer Donato Pedercini wurden schnell konkret, und jetzt sind wir sehr froh, mit Max den momentan vielleicht talentiertesten Fahrer aus Deutschland bei Ducati zu haben.«
Die bei den Benutzern von priva-
ten Ducati-Rennmaschinen immer etwas im Nebel stochernde Frage nach dem tatsächlichen Stand der Entwicklung der jeweiligen Rennmaschine kann Ciabatti aufgrund seiner Position vielleicht als Einziger klar beantworten: »Die Pedercini-Maschinen, und damit auch die
von Max, sind Ducati 999 RS-Production-Racer, Jahrgang 2004. Das kann man von außen vor allem daran erkennen, dass sie noch die zusätzlichen senkrechten Lufteinlässe in der Frontverkleidung tragen. Ab 2005 haben alle 999, basierend auf der Homologation der 999 R, lediglich horizontale Luftschlitze. Heute hat dies aber nur noch etwas mit der Rahmennummer des einzelnen Motorrads zu tun, welche die Maschinen als vor 2005 gebaut iden-
tifiziert und zur homologationsgemäßen Verwendung der alten Frontverkleidung zwingt. Technisch sind sämtliche 999 RS und auch, was wir 999 F05 nennen, also Vorjahres-Werksmaschinen, auf dem gleichen Stand, sofern sie in der Superbike-WM antreten. Die Motoren verlassen das Werk alle mit rund 195
PS, selbst unsere Werksmaschinen unterscheiden sich von Kunden-
Maschinen auf der Motorenseite nur durch die weiterentwickelte Elektronik und unser Öhlins-Fahrwerk.«
Die Vorstellung von Max Neukirchner am verregneten Freitag – auch im zweiten Jahr in Qatar hatte die Superbike-WM die statistisch im Bereich von einem Prozent liegende Niederschlagswahrscheinlichkeit voll erwischt – sowie im Qualifi-
kationstraining am Samstag schien dem Ducati-Granden Recht zu geben. Max war phasenweise noch vor Werks-Junior Lorenzo Lanzi zweitschnellster Ducatist hinter Chef Troy Bayliss und hatte insbesondere seine Pedercini-Kollegen Ivan Clementi und Lucio Pedercini, den Sohn des Teamchefs, locker im Griff, als er wenige Minuten vor Schluss in
der Zielkurve stürzte. Anschließend
wurde er wehrlos aus den Top-16 gedrängt und musste im Superpole-Zeitfahren um die Startplätze in den ersten vier Reihen zusehen.
Von Startplatz 20 fightete sich Max nach gutem Start, einer kurzen, schuldlosen Auseinandersetzung mit Kawasaki-Fahrer Fonsi Nieto, die ihn zwischenzeitlich um vier Plätze zurückwarf, schließlich auf Rang zehn vor und war zufrieden: »Vor allem die Reifen haben sehr gut durchgehalten, was hier in Qatar keine Selbstverständlichkeit ist. So steht der zehnte Platz, rechnet man Nietos Schwachsinnsaktion und das Glück durch den Sturz von Haga und Kagayama an der Spitze gegeneinander auf, ungefähr dafür, wo
wir derzeit stehen. Und das ist nach der minimalen Vorbereitung und mit nur einem Motorrad eine gute Ausgangsbasis für die Saison.«
In seinem positiven Reifenurteil hatte Max ganz nebenbei ein Lob für seinen neuen Fahrwerksguru Mario Rubatto versteckt, das der Italo-Schwabe aber nach dem zweiten Rennen selbst wieder zunichte machte. Neukirchner war im Clinch mit Ducati-Privatfahrer-Kollege Ruben Xaus in der zehnten von 18 Runden gestürzt, und Rubatto nahm es auf seine Kappe: »Reiß mir den Schädel runter. Wir haben für das zweite Rennen das Fahrwerk vorn etwas höher gesetzt und uns zu wenig Gedanken darüber gemacht, um wie viel damit der Grip hinten nachlässt.« Wohl um zu viel: Max lag nach einem Highsider zum Glück unverletzt irgendwo zwischen Kunstrasen-Streckenbegrenzung und Wüstensand, Xaus war am Ende Zehnter.
»Ab den Rennen in Valencia sollte es in größeren Schritten vorangehen«, hofft Max, »denn dann bekommen wir eine zweite Maschine, eine 2006er-999 RS.« Paolo Ciabatti relativiert dies zwar noch: »Eine
etwaige Aufstockung im Pedercini-Fuhrpark ist allein Sache von Donato Pedercini.« Was wohl so etwas Ähnliches heißen soll wie: »Wer zahlt, schafft an.« Dennoch sieht sich Signore Ciabatti durchaus in der Verantwortung für Neukirchners nähere Zukunft. »Wenn er sich
weiter gut entwickelt, werden wir ihm natürlich helfen.« Und Ducati Deutschland sieht die Geschichte auch mit wohlwollenden Augen. mtr

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