Wahre Erhabenheit (Archivversion) Wahre Erhabenheit

Manchmal hat man den Eindruck, als lebten Autofahrer weit ab vom Straßenverkehr. Was sie nicht zu stören scheint und worüber sich Testchef Ralf Schneider wundert.

Was ist der Unterschied zwischen roter und grüner Ampel? Ganz einfach, bei Rot bleiben alle stehen, und bei Grün fährt keiner los. Bitte schön, der Blechwurm kriecht stadtein- und stadtauswärts – tagein, tagaus. Da hat doch kein Mensch mehr die Nerven, halbwegs aufmerksam dem Verkehrsgeschehen zu folgen. Das darf einen schon aus Gründen des Selbstschutzes gar nichts angehen.
Und wozu kann man bei Bedarf den CD-Wechsler bemühen und kriegt obendrein die Latte macchiato aus der Multifunktionszentrale serviert? Damit man die tägliche Standzeit
in privater Abgeschlossenheit gedeihlich überstehen kann.
Da muss man eisern entspannt bleiben, da darf einen nichts, aber auch gar nichts aus der erhabenen Abschottung reißen. Da muss man sich ein Beispiel an den wahren Meistern nehmen, die sich, wie so oft, in der Beschränkung zeigen. An einem echten Champion, wie er neulich in den Vor-
orten von S. anzutreffen war. Er saß in einer dieser Autokarikaturen und las ein großformatiges Intellellenblättchen. Der freie Raum vor seinem Vehikel war schon auf mehrere hundert Meter angewachsen, als einer von diesen unverschämten Zweiradlern sich von hinten näherte und an seine Seitenscheibe klopfte.
Ob er seine Wanderwarze nicht auch mal vorwärts bewegen wolle, frug dieser Meditationsmörder, jeglicher höheren
Versenkung in sich selbst spottend. Worauf der Zen-Meister vollendet entrückt seinen Blick hob, langsam seine Wochenzeitung zusammenfaltete und in andachtgebietender Ruhe von dannen rollte. Das ist wahre Erhabenheit – nicht nur alle anderen Verkehrsteilnehmer zu vergessen, sondern sich selbst gleich mit.

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