Warm-Up Isle of Man (Archivversion) Der Grals-Hüter

Frau Murray ist Strohwitwe. Ihren Mann Peter hat sie in den letzten 30 Jahren selten gesehen. Und das, obwohl sein Arbeitsplatz nur zehn Kilometer vom Murray’schen Anwesen entfernt liegt. »Ich esse, trinke, schlafe Motorrad«, erklärt Peter schmunzelnd. »Und meine Frau hat mich noch nie hier oben im Museum besucht.«Wahrscheinlich lassen sich hausfrauliche Ordnungsliebe und das Technik-Chaos in Murray’s Motorcycle-Museum am sogenannten Bungalow nicht auf einen Nenner bringen. Aber das stört Peter nicht weiter. Seit 1969 steht der Manxman als lebendiges Denkmal hinter dem Tresen in der »Lobby« seines Museums. Wer sich unter Motorrad-Museum Chrom, hochglanzpolierten Stahl und lichtdurchflutete Hallen vorstellt, der muß sich angesichts des Durcheinanders in dem kleinen Flachdachbau unweit der berühmt-berüchtigen TT-Rennstecke gänzlich umstellen. Es riecht muffig-säuerlich nach Motoröl und Benzinresten der alten Bikes. Der Parkettboden ist genauso abgestoßen wie die Ärmel von Peters Pullover, zudem ist es drinnen kaum wärmer als draußen. Strom für die Elektroöfen kostet eben Geld, und das steckt Peter lieber in den Kauf und die Renovierung seiner einzigartigen Sammlung. »Ich bin ein Head-Cook-Bottle-Washer«, beschreibt er treffend seine Ein-Mann-Museums-Show, während er den Schalk hinter seinen dicken Brillengläsern versteckt. Nur während der TT-Wochen helfen ihm zwei ebenso liebenswerte wie rührige Rentner, die eines mit den Ausstellungsstücken gemeinsam haben: das Alter. Wenn diese beiden Gentlemen an der Kasse des Museums Platz nehmen, ist Tourist-Trophy-Time. Dann treten Tausende von Bikern die Wallfahrt hoch zum Bungalow zum heiligen Gral der Motorradrenngeschichte an und lassen ihre plastikverschalten High-Tech-Renner in gebührendem Abstand von den Oldies stehen. Schwere Boots und filigrane Rennstiefelchen treten auf das müde Parkett. Doch bevor sich die Massen im Entenmarsch durch die Ahnengalerie schieben lassen, heißt es mit steifer Oberlippe: »Two Pounds, please.« Die Gentlemen bitten zur Kasse. Von feuchter Man-Luft und der Begeisterung der Besucher allein kann auch ein Lebenskünstler wie Peter Murray nicht existieren. Obwohl sein Lebensmotto eigentlich »Nobody owns anything (Das letzte Hemd hat keine Taschen)« lautet. Damit die Kasse für den täglichen Bedarf trotzdem stimmt, verkauft Peter Buttons, Sticker, Poster, Süßigkeiten und Honig »rather special quality« am Tresen. Hier ist er auch ganz internationaler Entrepreneur, mixt Pfund und Pence liebevoll mit Brocken fremder Sprachen. Und wenn dann mal ein Deutscher radebrecht »Greets from Helmut. Last week he say he come doch«, weiß Peter, welcher Helmut gemeint ist und das er zur Isle kommt. Über 140 Exponate stehen dicht gedrängt in diesem Museeum der Sinne. Die TT-Renngeschichte läßt sich hier nicht nur mit den Augen nachvollziehen, sondern auch mit der Nase erriechen und den Händen begreifen. Anfassen ist zwar nicht erwünscht, aber auch nicht ausdrücklich verboten.»Gugg amol«, tönt eine fränkische Stimme, »mit diesen Trennscheiben von Rädern sind die früher TT-Rennen gefahren.« Ein sonorer Baß weist zurecht: »Das ist eine AJS-Boy-Racer 7 R, Baujahr 1958, mit der sind die damals schon über 200 Kilometer schnell gewesen.« Respektvolles Schweigen. Schließlich befinden wir uns in der Hall of Fame. Peter hat der schottischen Rennlegende Robert McIntyre eine Gedenkstätte errichtet: Vergilbte Zeitungsausschnitte, verstaubte Siegerkränze und alte Schwarzweiß-Bilder dekorieren das Zimmer. In einer mit Samt ausgeschlagenen Vitrine sind die Pokale und andere Devotionalien von McIntyre zu bewundern. Aus der anfänglich eher schmunzelnden Stimmung überkommt den Besucher angesichts der perfekt und komplett dokumentierten Lebensgeschichte eine Gänsehaut. Fast meint man, der Geist des 1962 tödlich verunglückten Fahrers schwebe im Raum.Apropros Geister. Die spielen nicht nur für Peter Murray eine wichtige Rolle. Ein heidnischer Brauch besagt, wer zur Isle of Man kommt, muß den »Little People«, den kleine Menschen an der Fairy-Bridge am Ortsausgang von Santon huldigen. Original-Ton Peter: »Wenn du bei deiner An- und Abreise freundlich mit den kleinen Menschen sprichst, bringen sie dich im nächsten Jahr wieder auf die Man zurück - ganz bestimmt. Selbst die Rennfahrer wie Carl Foggerty pilgern immer wieder da hin.« Lautmalerisch umschrieben, sollte der willige und abergläubige Fahrer folgendes sagen: Morra-my, vunja-vay-ger.Auf deutsche Biker scheint die Magie der »Little People« besonders zu wirken, wie sich an unzähligen Postkarten, Briefen und Fotos mit deutschem Absender unschwer erkennen läßt. Peter beginnt zu philosophieren: »Jaja, die Germans. Wißt ihr eigentlich, wie viele Deutsche hier schon Rennen gewonnen haben?« Walter Zeller ist heute noch ein Idol für den Manxman. »Ich habe ihn nur einmal in meinem Leben getroffen, aber weißt Du, als Kind war jeder Junge auf der Man Walter Zeller, und mein Fahrrad war für mich eine schwere BMW.« Oder »Sir Willem« aus Koblenz. Der kommt auch jedes Jahr zur TT. Und schmuggelt Hochprozentiges aus deutschen Brennereien auf die Insel - getarnt als Marmeladenkonserve. Peter hat keine Ahnung, was das für ein Schnaps ist, aber: »It blows your belly-button off (Das bläst dir den Bauchnabel raus)«. Das ist die Hauptsache, denn aus dem englischen Bitter-Bier macht sich Peter nichts.Ganz im Gegensatz zu den vielen tausend Motorradfahrern, die während der T.T. auf die Isle of Man kommen. Doch der Insel-Bewohner ist überzeugt: »Die wollen alle nur ihren Spaß, größere Probleme mit den Bikern gab es noch nie.« Das ist wohl der Grund für die einzigartige Atmosphäre, von der auch Peter jedes Jahr aufs Neue begeistert ist.»Nach zwei Wochen TT kommen dann merklich weniger Biker in Museum«, erzählt der Besitzer. Erst beim Manx-Grand Prix finden wieder mehr Leute den Weg zum Bungalow. Trotzdem kann Peter von den Umsätzen seines Museums und dem kleinen Café leben. »Dafür trägt meine Frau aber auch nur Second-Hand-Klamotten«, scherzt der Manxman. »Was ist deine Sammlung denn so wert?« fragt ein neugieriger Deutscher. Das eben noch freundliche Lachen in Peters Gesicht ist wie weggewischt. »Werd’ ich dir Grünschnabel doch nicht auf die Nase binden«, tadelt er den vorwitzigen Germanen. »Dann erzähltst du’s brühwarm meiner Frau.« Peter rollt mit den Augen: »Oh my god, she would kill me.“

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