Was kostet Motorradrennsport (Archivversion) Ohne Moos nix los

Eine Straßen-Rennsaison kann fünf Millionen Mark kosten, doch es geht auch schon für 10000 Mark - unglaublich, aber wahr.

Endlich stehst du ganz oben auf dem Siegertreppchen, bist umzingelt von neugierigen Reportern, die um das kleinste Statement betteln. Dann, nach dem Rennen, stehen die Industriebosse vor deinem luxuriösen Wohnmobil Schlange und wollen nur eins: deine Unterschrift unter millonenschwere Werbeverträge. Soweit der Traum vieler ambitionierter Nachwuchsfahrer.Der Weg nach oben jedoch ist hart, entbehrungsreich und kann - je nach Disziplin - einiges kosten. Aber muß man gleich Haus und Hof riskieren, um im Motorradsport Fuß zu fassen? Nein, denn einen relativ preiswerten Einstieg in den Straßenrennsport bieten zum Beispiel die zahlreichen Cups.Der markenfreie ADAC-Junior-Cup für serienmäßige 125er Maschinen gilt als die Talentschmiede schlechthin:Markus Ober und Katja Poensgen, die Cup-Sieger der beiden letzten Jahre, stiegen zum Beispiel nahtlos in die 125er DM auf.Dem amtierenden Pro Superbike-Meister Jochen Schmid ebnete vor 13 Jahren der Sieg im Yamaha-Cup den Weg in die Grand Prix-Szene. Für 18500 Mark umfaßt das diesjährige Yamaha-Aral-Cup-Paket neben einer rennfertigen YZF 600 R Thundercat unter anderem alle Nenngelder, die komplette Fahrerausrüstung und diverse Schmierstoffe. Die für alle Rennfahrer obligatorische Lizenz muß der Neuling natürlich extra lösen. Sie kostet bis zu 386 Mark und kann bei den ADAC- oder DMV-Clubs beantragt werden. Ein erheblicher Posten des Budgets geht für die Fahrtkosten drauf. Von den acht Rennen zum Beispiel, die im diesjährigen Yamaha-Cup auf dem Programm stehen, werden vier im benachbarten Ausland gestartet. Zusätzlich verschleißt die 600er pro Rennen einen Satz Reifen für 350 Mark; macht also 2800 Mark fixe Kosten. »9000 Mark sollte die zulassungsfähige YZF beim Verkauf am Ende des Jahres noch bringen«, schätzt Cup-Betreuer Martin Meßmer, »alles in allem ließe sich eine Rennsaison dann für rund 10000 Mark finanzieren.« Der Einstieg in andere Motorsportarten kostet in der Regel noch weniger (siehe Kästen Seite 259 und 261), und etliche erfolgreiche Straßenfahrer haben ihre ersten Wettbewerbserfahrungen im Moto Cross oder Trialsport gesammelt.Doch auch im Straßenrennsport läßt sich schon unter 10000 Mark pro Fahrer etwas bewegen, wie das Beispiel von zwei Hobby-Piloten aus Freudenstadt zeigt. In nächtelanger Schufterei funktionierten Thomas Rothmund und Jörg Richter eine alte MZ ETZ 250 mittels schwäbischen Erfindergeistes und Teilen von japanischen Unfallmaschinen zu einem siegverdächtigen Renner um. »Billiger kann man keine Rennen fahren«, sagt Rothmund. Die 1995er Saison im lizenzfreien MOTO aktiv MZ-Pokal kostete die beiden gerade mal 10000 Mark - inklusive aller Nebenkosten.Ein Betrag, über den MOTORRAD-Redakteur Gerhard »Gegesch« Lindner nur müde lächeln kann. Er nahm letztes Jahr an der deutschen 250er Meisterschaft teil.Ein konkurrenzfähiger Production Racer, wie etwa eine Honda RS 250 R, schlägt mit 37500 Mark zu Buche. Gebrauchte Maschinen sind ab 15000 Mark zu haben. Verschleiß- und Ersatzteile kosten gut 12000 Mark pro JahrKlar, daß bei diesen Summen ohne potenten Sponsor überhaupt nichts mehr geht. Eine leistungsabhängige Geschichte mit Pferdefuß: »Je besser du bist, desto leichter kommst du an Sponsoren«, erklärt Lindner, »aber wenn du nicht bereit bist, vorher kräftig zu investieren, kommst du da gar nicht erst hin.«Anders als beim gut betreuten Yamaha-Cup steht der DM-Fahrer ohne einen eigenen Mechaniker und einer zusätzlichen Hilfskraft auf verlorenem Posten. Der kaprizöse Hochleistungs-Zweitakter benötigt nach nahezu jedem Rennen intensive Wartung, zudem verschmäht er handelsübliches Superbenzin. Flugbenzin oder besser noch Rennsprit von elf (zirka acht Mark pro Liter) sollte es schon sein. Rund 60 Liter des hochoktanigen Saftes sind letztes Jahr pro Rennwochenende durch die Vergaser von Lindners Honda gerannt. »Erfolgreiche Rennfahrer sind Leute, die sich durchgebissen haben«, so das Fazit Lindners, und er verweist auf Jürgen Fuchs. Vom DM-Privatfahrer stieg Fuchs zum 250er WM-Pilot beim HB-Team auf, fährt 1996 erstmals eine Werks-Honda und heizte seinem Teamkollegen Ralf Waldmann bei den Vorsaison-Tests schon kräftig ein.Auf WM-Ebene entsprechen die Kosten dem hohen sportlichen Niveau. Über fünf Millionen Mark investierte der Zigarettenhersteller BAT 1995 in sein Werksteam. Allein die Hospitality, also das Verköstigen von Gästen und Team während der Rennwochenenden, verschlang über eine halbe Millionen Mark. Größter Einzelposten stellt das sogenannte Leasing-Package der Honda NSR 250-Werksmaschinen dar: 600000 Mark verlangt Honda für ein Set mit zwei Maschinen nebst komplettem Motor. »Inklusive aller weiteren fahrzeugbezogenen Kosten ist mit knapp einer Millionen Mark zu rechnen«, erklärt Hanns Eisner von Honda Deutschland.Angesichts dieser Summen erscheint es nur verständlich, daß beim Sponsor bei negativen Schlagzeilen schnell die Alarmglocken schrillen: Waldi zeigte sich nach den Malaysia-Tests anfänglich wenig begeistert von seinem neuen Arbeitsgerät. Der PR-Mann Hans-Jürgen Raben vom Sponsor BAT weist Abwanderungsgerüchte der Marke HB in die Formel 1 trotzdem zurück. Sicher auch eine Kostenfrage, denn im Vergleich dazu ist Motorrad-Rennsport vergleichsweise günstig: »Wenn wir dort als Hauptsponsor bei einem Top-Team auftreten wollten, müßten wir 30 Millionen Mark auf den Tisch legen«, schätzt der HB-Mann.

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