Wayne Raineys Abschied (Archivversion) Zeichen der Zeit

Fünf Jahre nach seinem Unfall hat der gelähmte Wayne Rainey endgültig genug vom Grand Prix-Sport - und würde auch mit 50 Millionen Dollar und Seriensiegen nicht Yamaha-Teamchef bleiben.

Wenn Rex und Wayne Rainey das Kieselsteinschleudern üben und versuchen, ein Scheunendach zu treffen, dann ist es wie am O.K. Corall - es geht um alles oder nichts. Diese Fähigkeit zur vollkommenen, kompromißlosen Konzentration machte Wayne Rainey schon als Rennfahrer zum Phänomen. Im Spiel mit seinem fünfjährigen Sohn ist er nun genauso intensiv und präsent, weil er die Zuwendung, die andere Väter beim Baseball oder Baumhausbauen zeigen, nur durch Zeit und besondere Aufmerksamkeit vermitteln kann.Das Leben im Rollstuhl hat Wayne Raineys Blick auf andere Inhalte gelenkt als den Ruhm im Motorsport. Die Vermutung, Enttäuschung über Erfolgsmangel und verwöhnte Fahrer seien der wahre Grund an seinem Rücktritt als Yamaha-Teamchef, weist er weit von sich. »Ganz ehrlich: Wenn ich 50 Millionen Dollar Budget hätte und Jean-Michel Bayle jedes Rennen gewinnen würde, wäre es für mich nur noch leichter, zu verschwinden«, erklärt Wayne Rainey, »mit einem Fahrer Erfolge zu haben ist für mich nicht befriedigend genug, um dafür meine Familie und mein Haus zu verlassen. Ich bin an die Grenze gestoßen, wo dieser Job kein Spaß mehr, sondern nur noch Arbeit ist.«Jetzt, wo Yamaha-Piloten wieder Rennen gewinnen und wo Teams, Sponsoren und Fahrer bei Yamaha Schlange stehen, steigt er aus. »Ich hätte auf Yamaha weitersiegen können. Doch für die vielen jungen, weniger erfahrenen Piloten brauchte es ein neues System und neue Motorräder. Nun ist der Umbau vollzogen. Ich hätte keinen besseren Zeitpunkt zum Rücktritt finden können«, macht Rainey klar. Das schwächste Glied in der Kette bleiben für ihn die Fahrer, die zu früh mit zu viel Geld überschüttet werden und lieber den Starrummel genießen, anstatt an ihrem Talent zu feilen. »Wir müssen halt den Schlausten finden«, weicht er der Frage nach dem kommenden Yamaha-Star aus.Denn bislang schaffte es noch kein Pilot, mit der im Vergleich zu Mick Doohans Honda eher unterlegenen Yamaha in die Fußstapfen des dreifachen Weltmeisters zu treten. Und es gibt auch keinen, der so umfassend gereift ist, wie Wayne Rainey es war, als er 1988 in die Halbliterklasse einstieg. Der Kalifornier hatte sich in öligen Dirt Track-Ovals nach oben gekämpft, wurde 1983 US-Superbikemeister und ging nach einem mißglückten GP-Anlauf 1984 auf 250-cm³-Production Racern wieder in die USA zurück, um weiter zu lernen. Bei seinem ersten WM-Titel war er 30 Jahre alt und hatte sich durch harte Arbeit und eisernen Willen zum Ausnahmekönner entwickelt.Dabei war der Horizont des intelligenten, lebenslustigen jungen Mannes nie auf zwei Räder beschränkt. »Zwischen den Rennen sind meine Frau Shae und ich auf Entdeckungsreisen gegangen und haben Dinge getan, die nichts mit dem Rennsport zu tun hatten. Der GP-Zirkus ist eine künstliche Welt, die eines Tages komplett verschwunden sein könnte. Es gibt noch andere Dinge.«Für den Rennsport ist Raineys Abschied sicher ein härterer Verlust als umgekehrt. »Viele denken, das sei eine große Veränderung für mich. Doch meine Wendepunkt war in Misano«, korrigiert Rainey. Fünf Jahre ist es nun her, seit der dreifache Weltmeister, den Sieg und den vierten WM-Titel vor Augen, in Führung liegend stürzte und sich das Rückgrat brach. »Was ich vorher war, ist völlig ausgelöscht - nicht nur meine Fahrerkarriere. Ich habe mich auch als Mensch verändert. Der Unfall beeinflußte meine Art zu denken und zu leben.«Jetzt widmet sich Wayne Rainey Erschließungs- und Bauprojekten, ein Geschäft, mit dem er sich einst das erste eigene Geld für den Rennsport verdient hatte. Und auch das tut er mit der für ihn typischen Einstellung: »Ich war 20 Jahre lang Rennfahrer. Jetzt habe ich eine Chance, die alte Arbeit endlich richtig zu tun.“

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