Weltrekordversuch (Archivversion) Stirb an einem anderen Tag

Wenn einer bei anvisierten 300 km/h auf Inline-Skates hinter einer Hayabusa hängt, bleiben Vergleiche mit spektakulären James-Bond-Aktionen nicht aus. Extrem-Inliner Jürgen Köhler und »Mr. Hayabusa« Elmar Geulen wagten das Unfassbare.

»Das ist ein Höllentrip«, sagt Jürgen Köhler, lachend und immer noch guter Dinge, nach seinem ersten Weltrekordversuch und zupft am verbrannten Bein seiner Lederkombi. Bei 256 km/h an einer Suzuki Hayabusa hängend, das kann schon heiß werden, wenn man zu dicht an den Auspuff kommt. Für den zweiten Versuch wird eine Asbestplatte ums Bein geklebt. Köhler will die 300 knacken. Koste es, was es wolle. 300 Stundenkilometer! Für manche schon auf dem Motorrad unvorstellbar. Geschweige denn, sich bei diesem Tempo auf Inlinern HINTER dem Motorrad herziehen zu lassen.Warum macht einer so was? »Andere gehen in die Sauna zum Entspannen«, sagt der 35-Jährige und grinst. »Dieser Gegensatz Maschine-Mensch, das ist wie David und Goliath. Die Kraft, die das Motorrad hat, zu absorbieren, das reizt mich.« Er liebt es, die Aufmerksamkeit der zirka 50 staunenden Schaulustigen, Familien, Freunde, Sponsorenteams und Fotografen, die sich an diesem grauen, verregneten Samstagmittag auf dem Michelin Driving Center eingefunden haben, ganz für sich zu haben. »Das ist schon klasse, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen«, gibt er zu.Trotz nasser, holpriger, bitumengesprenkelter Strecke wollen er und Hayabusa-Pilot Elmar Geulen hier und heute, auf dem ehemaligen russischen Militärflugplatz im brandenburgischen Groß Dölln, den Weltrekord von Extrem-Skater Dirk Auer brechen. Der legte im Schlepp einer Kawasaki ZX-12R auf der gesperrten B3 zwischen Darmstadt und Eberstadt mörderische 291,8 km/h vor.Im zweiten Versuch platzt Köhler bei 260 Sachen eine Rolle seiner Skates. Obwohl er per Funk mit Geulen verbunden ist, gibt es ein Notzeichen. Köhler, der sich an zwei auf die Suzuki montierten Handgriffen festhält, dotzt mit dem behelmten Kopf an Geulens Rücken: das Signal zum Bremsen. Wieder nichts mit dem neuen Rekord. Das Material wird gewechselt. Neue Rollen an die Skates, mehr Power für den GSX-R-Fahrer. Er greift zur LKM-getunten, 196 PS starken Rennversion der Suzuki. »Mr. Hayabusa Geulen ist der einzige Verrückte, der mit so einem Gerät an Superbikerennen teilnimmt«, erklärt er grinsend. Immerhin landete er 2001 bei den Pro-Superbike-Meisterschaften auf dem siebten Rang.Mit seinem leicht martialisch wirkenden Äußeren sieht der Mann aus Euskirchen ein bisschen aus wie ein klingonischer Krieger – Goldkettchen inklusive. Eigentlich ist er Journalist, Stuntdriver und Importeur für Zelte. Die Hayabusa ist seine Leidenschaft. Hennes Löhr verpasste der Maschine 1460 Kubik, auf die Waage brächte sie gerade noch 207 Kilo. »300 km/h macht die locker«, so Geulen. Am Motorrad liegt’s also nicht. Aber wird Köhler durchhalten?Der ist optimistisch. Angst hat er keine, oder? »Eine gesunde Angst ist dabei«, gesteht der Skater. Im richtigen Leben ist er Busfahrer in Hennef. »Da kann man die Sau nicht so rauslassen.« Wenn er nicht hinter einem Motorrad oder manchmal auch einem Porsche hängt, springt er gerne mit seinen Inliners über Autos und jene Busse, die er sonst, meist mit Schulkindern gefüllt, gemächlich durch die Straßen gondelt. Köhlers Lebensgefährtin Petra Moßhammer sieht die Sache gelassen. »Das klappt schon«, sagt die Friseurin, die ihren Jürgen vor fünf Jahren auf einem Ferrari-Treffen kennenlernte.Ganz so gut klappt es dann doch nicht. Erst im siebten Versuch, mittlerweile wird es dunkel und Nebel zieht auf, schaffen Köhler und Geulen ihren Rekord: 281,2 km/h. Das sind zwar keine 300 und auch weniger als Dirk Auers 291,8, aber immerhin: eine neue Weltmarke auf drei Rollen! Obendrein bei Nässe. »Kein Mensch auf der Welt wäre unter diesen Bedingungen schneller gewesen«, resümiert Geulen. Die magischen 300 sollen im kommenden Frühjahr fallen, »das verspreche ich!«.Man glaubt es dem entschlossenen Mr. Hayabusa. Auch Sonnyboy Köhler ist unverdrossen. Und sein Selbstbewusstsein hat keinen Schaden erlitten: »James Bond hätte keine Chance gegen mich!“

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