Werksbesuch bei Ducati (Archivversion) Der amerikanische Freund

Know-how und eine kräftige Kapitalspritze aus den USA sollen Ducati aus der Krise führen. Die Ziele: bessere Motorräder, besserer Service, besseres Management. Der Ansatz: vielversprechend.

Was haben die Amis zuerst gemacht? »Wir haben 70 Millionen Mark genommen und die Zulieferer bezahlt”, erklärt Federico Minoli lapidar. Der 47jährige Italo-Amerikaner sitzt für den US-Investor Texas Pacific Group (TPG), dem nun 51 Prozent gehören, im Ducati-Werk. Dort im Bologneser Stadtteil Borgo Panigale entwickelt er zusammen mit dem altgedienten Ducati-Manager Massimo Bordi, 48, Strategien für die Zukunft der Firma. Die erste Maßnahme hatte durchschlagende Wirkung: Die Zulieferer schicken ihre vollbeladenen Laster wieder nach Bologna, und bei Ducati laufen jetzt täglich rund 120 Monster, SS und Vierventiler vom Band. Ein erfreulicher Anblick nach den miserablen letzten beiden Jahren. Eine heftige Finanzkrise hatte die Unternehmen der Brüder Castiglioni gebeutelt, damals alleinige Besitzer von Ducati, Cagiva und Husqvarna sowie diverser Gießereien und Hotels. »Unter den Folgen litten alle”, sagt Massimo Bordi heute. »Die Firma, die Angestellten und natürlich auch die Kunden” – und das, obwohl weltweit rege Nachfrage nach den Rennern aus Bologna herrschte. Doch weil die Zulieferer kein Geld sahen, gab’s von ihnen auch keine Ware; 20 bis 30 Motorräder pro Tag baute Ducati schließlich nur noch, im Juni 1996 stand die Produktion sogar ganz still. Nach langem Hin und Her entschlossen sich die Castiglionis im September 1996, 51 Prozent von Ducati an TPG zu verkaufen. Eingefädelt hat den Deal Federico Minoli selbst; er arbeitet in Boston als Unternehmensberater, einer seiner Klienten: der Investmentfonds TPG. In dessen Auftrag flog Minoli nach Italien; als gebürtiger Lombarde der Landessprache mächtig, redete er lange mit Händlern, Zulieferern und Managern, ehe er den Kauf empfahl. Produkt, Prestige und Technologie befand er für gut. In seiner Kritik: Management, Produktion, Händler- und Servicenetz. Weil Minoli den ganzen Laden nun schon gut kannte, bat ihn TPG, erst mal in Bologna zu bleiben. »Insgesamt etwa acht Monate lang soll ich hier dafür sorgen, daß die Abstimmung zwischen dem Management vor Ort und dem Investor klappt. Dann mache ich den gleichen Job in der nächsten Firma.” Der Gesamtwert von Ducati wurde beim Verkauf auf rund 400 Millionen Mark beziffert – ein stolzer Preis für einen im weltweiten Vergleich doch eher kleinen Motorradhersteller. Aber die Banken waren einverstanden: »Als wir unseren Business-Plan vorgelegt haben, boten sie uns deutlich mehr an als die 300 Millionen, die wir erst mal für den Kauf und die dringendsten Maßnahmen benötigten”, sagt Minoli zufrieden. Allerdings drängten die Banken auf die strikte Trennung von Cagiva/Husqvarna, die bereits vollzogen ist. Dennoch arbeiten beide Firmen noch zusammen: So bezieht Ducati Rahmen von Cagiva und liefert im Gegenzug Motoren. »Aber das läuft so wie mit anderen Geschäftspartnern”, beteuert Minoli. Ducati steht heute also wieder als eigenständige Firma da, ganz wie in der guten alten Zeit. In der Geschäftsführung sitzen sieben Leute, vier von TPG, darunter auch Minoli, und drei von der Castiglioni-Seite. Claudio Castiglioni bleibt weiterhin Präsident und Geschäftsführer von Ducati; über die Firmenpolitik beschließt allerdings die Geschäftsführung – und dort hat TPG die Mehrheit. Für das Tagesgeschäft zeichnet weiterhin Massimo Bordi verantwortlich. »In den meisten Fällen tausche ich bei meiner Arbeit als Unternehmensberater erst mal das komplette Mangement aus”, meint Minoli und fährt mit augenzwinkerndem Seitenblick auf Bordi fort: »Das war bei Ducati zum Glück nicht nötig.” Jetzt gehe es darum, neue, moderne Strukturen aufzubauen. Denn die Investoren möchten ihr Geld möglichst bald mit Gewinn zurück haben. Minolis kleines Handicap dabei: »Ich bin völlig neu im Motorradgeschäft; die einzige Verbindung zum Thema ist eine Guzzi V7, die ich in jungen Jahren mal hatte. Aber ich bin kein Techniker, sondern Experte für Verkauf, Marketing und Finanzierung.” Und so ergänzen sich der quirlige Minoli und der bedächtige Ingenieur Bordi, der Vater des modernen Ducati-Achtventilers, auch menschlich prächtig. »Wir arbeiten an Verbesserungen für die SS-Reihe mit dem Zweiventiler, die Hypersport-Reihe mit dem Vierventiler und für unsere Naked-Reihe Monster«, sagt Bordi. »Wichtigste Neuheit ist natürlich erst mal unser Sporttourer ST2, dessen Produktion demnächst anläuft.” In diesem Modellsegment soll im Herbst die ST4 mit Vierventil-Motor folgen, später die ST4 S mit etwa 120 PS. Nachgedacht wird auch über ein Einsteiger-Motorrad im Monster-Stil, das etwas weniger sportlich, dafür aber komfortabler ausfallen darf. »Außerdem wollen wir in Zukunft Zubehör für Ducati auch selbst anbieten”, ergänzt Minoli. Außer Renn-Kits für die 916 kann sich Minoli - à la Harley - auch Lifestyle-Zubehör und Klamotten vorstellen, verspricht aber: »Ein Ducati-Parfüm wollen wir nicht auf den Markt bringen.” Da stecken die Ducati-Macher ihre Energie lieber in das luftgekühlte Zweiventil-Aggregat der SS-Reihe: »Dieser Motor mit 900 oder auch mehr Kubik ist unsere Basis”, sagt Bordi. »Als erstes wird er eine Doppelzündung bekommen, aber das ist nur eine der Neuerungen.” Mehr will er derzeit noch nicht verraten, doch für den Mailänder Salon im Herbst versprechen Bordi und Minoli große Neuigkeiten. Die Lösung eines spezielles Ducati-Problem ist für 1998 vorgesehen: Alle Motorräder bekommen dann neue Regler, zusätzlich soll es einen Nachrüst-Kit geben, bestätigt Massimo Bordi. »Ducati hatte sich über die Jahre konstant verbessert, nur zwischen 1994 und 1996 gab es einen Einbruch.” Was natürlich auch daran lag, daß Ducati kein Druckmittel gegen die Zulieferer in der Hand hatte. Doch jetzt heißt es: »Entweder die Zulieferer ziehen mit und stellen sich auf unsere Wünsche ein, oder wir müssen uns von ihnen trennen.” Für verbesserungswürdig befand Minoli Service und Ersatzteilversorgung. »In diesen Bereich haben wir sofort rund eine Million Mark investiert.« Für mehr Transparenz sorgt ab Mai außerdem eine über das Internet abrufbare Ersatzteilliste. »Was uns vorschwebt, sind Händler mit komplettem, gutem Service, die sich auch wirklich um die Ducati-Kunden kümmern; am liebsten solche, die nur Ducati verkaufen”, erläutert Bordi. So wurde das italienische Händlernetz bereits kräftig zusammengestutzt: Von ursprünglich 180 blieben 120 Händler übrig. Wie der Service vor Ort soll auch die Kundenbetreuung im Werk selbst besser werden: Ab April veranstaltet Ducati wieder Werksführungen, außerdem ist ein Firmenmuseum geplant. An ehrgeizigen Plänen mangelt es der neuen Ducati-Führung nicht. Bis Ende des Jahres soll die Belegschaft um 100 neue Angestellte auf 700 aufgestockt werden, die Produktion auf 28 000 Motorräder steigen (1996 13 000, 1995 22 000), langfristig sind 35 000 anvisiert. In den Rennsport fließen 1997 rund 15 Millionen Mark: »Diese Investition ist wichtig für unser Image und auch für die konstante Verbesserung des Produkts”, sagt Minoli. Und wie steht Ducati zu der Zweizylinder-Offensive von Honda und Suzuki? »Wir freuen uns, daß die Japaner uns kopieren”, meint Minoli verschmitzt. »Aber Honda bleibt Honda, Suzuki bleibt Suzuki, und Ducati bleibt eben Ducati.”

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