Werksbesuch bei MZ-Kanuni in Istanbul (Archivversion) Auferstanden aus Ruinen

In Zschopau machten sie den Laden dicht, in Istanbul bauten sie ihn wieder auf. MOTORRAD-Mitarbeiter Michel Ebran hat das türkische MZ-Werk besucht.

Der Taxifahrer ist offensichtlich noch nie aus Europa herausgekommen. Die Brücke über den Bosporus in den asiatischen Teil Istanbuls findet er zwar noch, aber dann stochert er eineinhalb Stunden lang in einem riesigen Industriegebiet herum, bis er das MZ-Kanuni-Werk findet. Eine alte, rostige ETZ thront auf einem Betonsockel am Eingang des Werks. Nicht gerade ein kleiner Laden - die Kombassan-Holding, zu der MZ-Kanuni gehört, hat ein breit gestreutes Sortiment im Programm: Papier, Drucksachen, Bau- und Transportunternehmen, Tierfutter, Raffinerien, Leder, und Textilien. 1995 zog die deutsche Traditionsmarke von Zschopau, wo seit 1922 Motorräder gebaut werden, ins 1600 Kilometer entfernte Istanbul um. Im Osten der wiedervereinten Republik brach der Markt für MZ ein, und im Westen wollte die robusten Zweitakter eh kaum noch jemand haben. Doch die türkischen Manager erkannten ihre Chance und schafften die Produktionsanlagen an den Bosporus. Etwa 50 000 türkische MZ-Kunden schätzen heute den rauhen Charme der einfachen und robusten Technik. Tendenz steigend. Denn der tschechische Konkurrent Jawa, der ebenfalls den Markt in Nahost bediente, machte 1994 Pleite. »Ursprünglich waren wir lediglich offizieller MZ-Importeur, seit zwei Jahren sind wir Hersteller. MZ hat heute in der Türkei einen Marktanteil von 85 Prozent.« Kanuni-Boß Yavuz Zulfikaroglu ist stolz auf den Erfolg seiner Firma. Sieht so aus, als ob er recht hätte. Im Verkehrsgetümmel rings um die Blaue Moschee wimmelt es von den plärrenden Zweitaktern. 35 Motorräder pro Tag verlassen derzeit die MZ-Hallen, »Eine ruhige Periode«, wie Exportleiter Mustafa Kurtbay betont, »aber wir können den Ausstoß jederzeit auf das Vier- bis Fünffache erhöhen. Unsere Kapazität reicht für 40 000 Motorräder pro Jahr.« Von acht bis 18 Uhr sind die 350 Mitarbeiter im Betrieb, fünf Tage die Woche, fünf Gebetspausen am Tag. Wenn der Muezzin von der benachbarten Moschee ruft, stehen die Maschinen still und die Angestellten strömen in die eigens eingerichtete Gebetshalle. Beim Mokka verweist Kurtbay auf die große Fertigungstiefe der Firma. Die Visite beginnt dann auch im Schmelzwerk: Zylinder, Motorengehäuse, Radnaben - alles hausgegossen. »Unsere Motorräder sind deutlich zuverlässiger als die aus der früheren Fertigung in der DDR«, behauptet Kurtbay stolz. In der nächsten Halle macht sich die Abteilung »Plaste & Elaste« breit: Alles, was eine MZ an Kunststoffteilen benötigt, stammt aus eigener Fertigung. Ein paar Meter weiter folgen Schwingen, Rahmen, Felgen, Speichen, Zahnräder, Tanks - fast alles »Made in Istanbul«, sogar die Unterlegscheiben. Die Reifen stellt der türkische Gummigigant Birla her, den Rohstoff für das Schmelzwerk - 20 Tonnen im Monat - liefert ein Stahlwerk aus dem Süden des Landes. Alles türkisch, oder was? Nicht ganz. Auf den Vergasern steht immer noch Bing, auch die Instrumente und die Bordelektrik kommen noch von deutschen Zulieferern. Für die Bremsen ist Grimeca in Italien zuständig, und die Zündspulen fabriziert eine Firma in Tschechien. Beim Modellprogramm halten sich die Kanuni-Gewaltigen noch vornehm zurück, denn, so Kurtbay: »Dazu ist der türkische Markt zu klein.« Drei Typen - ETZ Classic, Sportstar und Fun, erhältlich in den Hubraumvarianten mit 251 und 301 cm³, bilden das Kernangebot. 1998 kommen - auch mit Blick auf den boomenden Markt in Deutschland - viertaktende 125er im Fahrwerk der 250er dazu. »Eine ausgewachsene Maschine«, meint Ulrich Jung, der neue deutsche Importeur. Bei den Farben kann der türkische Biker dagegen voll in den Topf greifen lassen und seine MZ-Kanuni in Weiß, Schwarz, Dunkelblau, Hellblau, Grün oder Rot ordern. Alles eher schlicht im Design und ohne aufwendigen Dekor-Firlefanz. Der würde nur auf den Preis schlagen. Zur Abrundung des Angebots beschickt die Kombassan-Gruppe den heimischen Markt mit 50er und 90er Rollern aus taiwanesischer Fertigung. Weitere Modelle aus hausinterner Entwicklung sind geplant. Ein Drittel der Produktion verläßt die Türkei. MZ-Modelle »Made in Istanbul« werden nach England, Holland, Frankreich, Belgien, Dänemark, Polen, Griechenland, Costa Rica, in den Sudan, nach Ägypten, Zypern, Nicaragua, in die Arabischen Emirate und, natürlich, nach Deutschland exportiert - insgesamt 14000 Stück pro Jahr, und davon wiederum deren 2000 in die alte Heimat der MZ. Wenn alles gut läuft, gibt es demnächst sogar eine Premiere der besonderen Art: Die Traditionsmarke macht sich auf in den Fernen Osten. Im Hause Kombassan spricht man von einer neuen Fabrik. Von Manila auf den Philippinen aus soll sich MZ in Fernost etablieren. Kleine Pikanterie am Rande: MuZ, wie der deutsche Nachfolger von MZ in Zschopau heute heißt, wurde von der malaysischen Hong-Leong-Gruppe aufgekauft. Mit dem Ziel, in Europa Fuß zu fassen.

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