Werkstatt-Test 1995: Nachlese (Archivversion) Unterm Strich

Vier Marken, 20 Werkstätten, Noten von sehr gut bis ungenügend - Hersteller und Importeure haben reagiert. Mit Zuckerbrot, Peitsche und Professor Alzheimer.

Jede Werkstatt hatte ihre Chance. Und sie hätte sie leichthin nutzen können. Verlangt war lediglich eine ordnungsgemäße Inspektion. Daß es unter den 20 von MOTORRAD in Zusammenarbeit mit der DEKRA getesteten Servicestationen von BMW, Ducati, Harley-Davidson und Vespa auch welche gab, die gleich mehrere sicherheitsrelevante Mängel übersahen, heißt für MOTORRAD: Diese aufwendige und teure Aktion darf noch nicht gestoppt werden.Und wir blicken zurück auf den Werkstatt-Test 1995. Da hatte BMW die Nase ganz vorn. Dreimal sehr gut, einmal gut, einmal befriedigend. Für Helmut Puchner, Leiter des zentralen Kundendienstes, das erwartete Ergebnis. »Unsere Lehrgänge zur Kundenbetreuung sind immer ausgebucht.« Weil geldwerter Vorteil lockt. »Wer unseren Schulungsblock erfüllt, erhält beim Maschinenkauf einen Bonus.« Aber auch, weil die Münchner ihre Händler selbst unter die Lupe nehmen. Wer bei diesen verdeckten Ermittlungen schlecht abschneidet, bekommt Ärger. Und wer, wie Motorrad Nachtmann in München, in MOTORRAD die Rote Laterne aller getesteten BMW-Händler überreicht bekommt erst recht. »Natürlich hat die Kundendienstzentrale bei uns nachgefragt, wie es zu den Versäumnissen kommen konnte«, berichtet Gabriele Hau, Geschäftsführerin der Motorradwerkstatt.BMW hält’s mit der Maxime Zuckerbrot und Peitsche. Und fährt nicht schlecht dabei. Vespa ist schlecht gefahren - Durchschnittsnote knapp ausreichend - ,macht aber ungerührt im alten Trott weiter. »Die Ergebnisse des MOTORRAD-Werkstatt-Tests können auf vieles zurückgeführt werden«, heißt es bei Vespa Deutschland lapidar. »Dies ergibt derzeit aber noch keinen Diskussionsstoff«, so Marketingleiter Wolfgang Rau. Vespa-Händler Franz-Josef Witteier aus Lüdingshausen präzisiert: Er hofft auf ein schlechtes Gedächtnis der MOTORRAD-Leser. »Gott sei Dank vergißt die Kundschaft so einen Test schon nach zwei Tagen.« Sein Kollege Wolfgang Röckle aus Leonberg ist da nicht ganz so optimistisch und setzte nach seiner miserablen Bewertung den verantwortlichen Mechaniker schnurstracks an die frische Luft. Alzheimer und Peitsche also bei Vespa.Ducati, noch’n Italienimport, brillierte dagegen mit prima Werkstattleistungen, von einer Ausnahme abgesehen. »Von unserem Berliner Händler habe ich mich getrennt«, erzählt Ducati-Vertriebspartner Roland März. »Kundenreklamationen und Zahlungsschwierigkeiten setzten einen Schlußstrich unter unsere Zusammenarbeit.« Generalimporteur DNL möchte noch eins drauflegen. »Unser Händlernetz wächst, auch durch Einsteiger«, sagt DNL-Marketing-Leiter Alfred Jahnke. »Deshalb wird die Weiterbildung immer wichtiger.« Ein guter Plan, nur fehlt’s immer öfter an zu wartenden Maschinen. Weil Bologna nicht liefern kann. Ärgerlich. Gefreut dagegen hat sich Oliver Jeanisch von Classic Motors über die sehr gute Bewertung seiner Arbeit. Noch mehr gefreut hätte sich der Dortmunder, wenn Importeur März wenigstens ein kleines Lob für ihn übriggehabt hätte. Kein Zuckerbrot also bei Ducati. Dafür schniekere Werkstätten. Zwei Händler, deren Ambiente den MOTORRAD-Tester recht schmuddelig vorkamen, eröffnen 1996 ihre Neubauten.Die autorisierten Dealer von Harley-Davidson deckten das ganze Notenspektrum ab. Manne Angster aus Sindelfingen schoß dabei den Vogel ab: ungenügend. »Natürlich wissen wir, daß der Manfred ein Exot unter unseren Händlern ist«, meint Harry Döring, Servicedirektor des deutschen Edelchopper-Importeurs. »Aber eigentlich sind wir mit seinen Leistungen zufrieden.« Bunte Vögel scheinen bei Harley Narrenfreiheit zu genießen. Geradezu profan erscheint dagegen der Vorschlag von Harald Weschta, Geschäftsführer von Number 1 Bikes, der Kunde solle sich von den vorgeschriebenen Arbeitsformularen doch einfach einen Durchschlag geben lassen. Ob’s zum durchschlagenden Erfolg führt?

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