Werkstatt-Test: Yamaha (Archivversion)

Schnitt drei Komma fünf - bestanden

1994 schafften die getesteten Yamaha-Händler die Prüfung nicht: sitzengeblieben. Das Urteil des diesjährigen Werkstatt-Tests fällt besser aus: Prüfung bestanden, doch der eine oder andere Kandidat darf ruhig noch zulegen.

Beim MOTORRAD-Werkstatt-Test 1994 schluderten die Yamaha-Mechaniker, was das Zeug hielt, da hätte auch Nachsitzen nichts geholfen. Dieses Jahr sollte sich zeigen, ob die Besserung, die der Importeur gelobte, eingetreten ist. MOTORRAD verwendete eine TT 600 als Testobjekt, die ein sehr einfach zu wartendes Motorrad ist und der XT 600, die vor zwei Jahren verwendet wurde, technisch sehr nahe steht.Das Ergebnis vorweg: Yamaha hat die Prüfung bestanden. Ein »Befriedigend« als Durchschnittsnote kann sich sehen lassen. Zwar passierten diesmal ebenfalls unverständliche und unverzeihliche Pannen, doch es gab auch einen grandiosen Lichtblick: Ein ostdeutscher Händler trug viel zum hoffnungsvollen Gesamteindruck bei. Die Firma des Jörg Radtke in Gera erreichte die volle Punktzahl, bei den Werkstatt-Tests von MOTORRAD ein nie dagewesenes Ergebnis. Hoffen wir, daß der Importeur ein kleines Fest für Radtke und seine Mitarbeiter springen läßt.
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MÄNGEL (Archivversion) - Mit diesen Mängeln war die Yamaha präpariert

Alle Yamaha-Händler hatten die gleiche Vorgabe: Inspektion beim Kilometerstand 6000 und Ersetzen des defekten Rücklichtglases, um die Ersatzteilversorgung zu testen. Wer den Wartungsplan nicht aus den Augen verlor und etwas Sorgfalt walten ließ, hatte alle Chancen, ein »sehr gutes” Testurteil zu erreichen. Die Preiswürdigkeit wurde nicht bewertet, da es regional starke Unterschiede in den Stundenlöhnen gibt. Zur Kontrolle der Kundendienstarbeiten hatte ein DEKRA-Ingenieur der Testmaschine, einer Yamaha TT 600 S, Baujahr 1994, Kilometerstand knapp 6000, folgende Fehler eingebaut: Bremsflüssigkeit: Der Flüssigkeitsstand im vorderen Hydraulikbehälter wurde bis unter die Minimum-Marke abgesenkt. Der Boden des Bremsflüssigkeitsbehälters war nur noch wenige Millimeter hoch bedeckt. Ein gefährliches Bremsversagen kann die Folge sein.Bremslicht: Die Bremslichtlampe war defekt. Wenn das Bremslicht nicht funktioniert, steigt die Gefahr eines Auffahrunfalls erheblich.Reifenluftdruck: Der Luftdruck in den Pneus wurde auf Werte weit unter der Toleranzgrenze abgesenkt. Dadurch verschlechtert sich die Fahrstabilität der Maschine dramatisch. Auch gefährliche Laufflächenablösungen können die Folge sein.Lenkkopflager: Die Einstellmutter des Lenkkopflagers wurde so stark angezogen, daß das Lager zu stramm eingestellt war. Es kann zu Fahrwerksunruhen und problematischem Kurvenverhalten kommen. Das Lager wird sehr hoch belastet. Vorderachsklemmung: Die Klemmschrauben an der Vorderachse wurden gelöst. Dieser Mangel muß bei der Kontrolle aller sicherheitsrelevanten Schraubverbindungen entdeckt werden. Scheinwerfereinstellung: Der Scheinwerfer wurde total verstellt, er blendete den Gegenverkehr. Ein Mangel, der bereits beim ersten Gang um das Motorrad unbedingt auffallen müßte.Antriebskette: Die Kette der Yamaha wurde viel zu stark gespannt, der Durchhang im belasteten Zustand war gleich Null. Im Fahrbetrieb werden das Getriebeausgangs- und das Lager des Kettenradträgers extrem belastet. Das Motorgehäuse kann Schaden nehmen, ein Kettenriß ist nicht auszuschließen.Ventileinstellung: Das Spiel der Auslaßventile wurde auf nahezu Null reduziert. Zu enges Ventilspiel kann zu einem Motorschaden führen.Seitenschlag Vorderradfelge: Die vordere Felge der Yamaha wies eine sichtbare Verformung auf. Der Händler sollte den Kunden zumindest auf diesen Mangel hinweisen.Krümmerschrauben: An einem der beiden Krümmer der Yamaha wurde die Verschraubung am Zylinder gelöst. Bei sorgfältiger Arbeit müßte dieser Mangel entdeckt werden, bei einer ausreichenden Probefahrt ist er sogar hörbar.Hupe: Die Hupe der TT 600 wurde außer Funktion gesetzt. Ein Fehler, der beim Check der elektrischen Anlage sofort auffallen müßte.Kupplungsspiel: Das Spiel wurde auf Null reduziert. Bereits beim Anfahren ist zu merken, daß der Hebel keinen Leerweg hat. Im Fahrbetrieb kann die Kupplung schleifen, es kommt zu übermäßigem Verschleiß.Zündkerze: Der Elektrodenabstand wurde stark reduziert. Ein schlechter Zündkerzenzustand führt zu einem unsauberen Motorlauf und zu erschwertem Anspringen.Motoröl/Ölfilter: Die Tester füllten Altöl in den Motor ein, der Ölstand wurde aus dem Toleranzbereich gebracht. Die Tester kontrollierten, ob die Werkstatt das Öl gewechselt hatte und ob die korrekte Menge eingefüllt war. Auch der vorschriftsmäßige Wechsel des (gekennzeichneten) Ölfilters wurde überprüft.

BEWERTUNG (Archivversion) - So wurden die Werkstätten bewertet

MOTORRAD baute in die Test-Yamaha 14 Fehler ein, die im Rahmen eines nach Herstellervorschrift durchgeführten Kundendienstes hätten auffallen müssen. Bei der 6000-Kilometer-Inspektion waren laut Wartungsplan zwar noch weitere Arbeiten zu erledigen, diese wurden aber nicht bewertet. Eine Vergleichbarkeit mit den Arbeiten der Werkstätten anderer Marken wäre sonst nicht gegeben. Ferner achteten die Tester darauf, ob eine Probefahrt durchgeführt wurde - viele Mängel lassen sich schließlich erst während einer ausreichend langen Probefahrt entdecken. Ab einer Fahrstrecke von vier Kilometern gab es die maximale Punktzahl. Um die Ersatzteilversorgung zu prüfen, wurde jeweils vier Tage vor dem Kundendiensttermin telefonisch ein Rücklichtglas bestellt. Auch die Termintreue bewertete MOTORRAD. Wer zum vereinbarten Zeitpunkt nicht fertig war, mußte mit Punktabzügen rechnen.Die eingebauten Mängel unterteilen sich in schwer, leicht und weniger sicherheitsrelevante - entsprechend staffeln sich, wie nachfolgend aufgelistet, die vergebenen Punkte. Schwer sicherheitsrelevante MängelBremsflüssigkeit 20 PunkteBremslichtlampe 20 PunkteLenkkopflager 20 PunkteReifenluftdruck 20 PunkteVorderachsklemmung 20 PunkteLeicht sicherheitsrelevante MängelScheinwerfereinstellung 10 PunkteAntriebskette 10 PunkteVentileinstellung 10 PunkteWeniger sicherheitsrelevante Mängel Seitenschlag Vorderradfelge 5 PunkteKrümmerschrauben 5 PunkteKupplungsspiel 5 PunkteHupe 5 Punkte Zündkerzen 5 PunkteMotorölwechsel 5 PunkteÖlfilterwechsel 5 PunkteWeitere BewertungskriterienProbefahrt 20 PunkteTermingerechtigkeit 10 PunkteErsatzteilversorgung Rücklichtglas 5 PunkteMaximale Gesamtpunktzahl 200 PunkteEine Werkstatt, die einen schwer sicherheitsrelevanten Mangel nicht behebt, kann maximal 180 Punkte und damit kein »sehr gut« mehr erreichen. Andererseits sollte eine Werkstatt als ungenügend bewertet werden, wenn die Mechaniker zwar alle schwer sicherheitsrelevanten Mängel entdeckten, die leicht oder weniger gefährlichen jedoch allesamt übersahen, keine Probefahrt machten und zudem den abgesprochenen Termin nicht einhielten. So ergibt sich folgendes Benotungsschema:bis 100 Punkte ungenügend101 bis 120 Punkte mangelhaft121 bis 140 Punkte ausreichend141 bis 160 Punkte befriedigend161 bis 180 Punkte gut181 bis 200 Punkte sehr gutWie repräsentativ ist der Werkstatt-Test?Das Bewertungsschema ist von der Redaktion festgelegt. Eine generelle Aussage, ob der Händler bei anderen Kundendienstaufträgen dasselbe Ergebnis erzielen würde, läßt der Test nicht zu. Ebensowenig kann von den Leistungen einzelner Werkstätten auf die Qualität des gesamten Servicenetzes geschlossen werden. Dennoch: Bei nicht behobenen sicherheitsrelevanten Mängeln gibt es keine Entschuldigung. Der Kunde muß sich darauf verlassen können, daß sein Motorrad die Werkstatt ordnungsgemäß gewartet und verkehrssicher verläßt, dafür bezahlt er schließlich.

Motorradsport Hilbk, 59192 Bergkamen (Archivversion) - Japaner im Boot

Motorradsport Hilbk führte für 279 Mark die preisgünstigste Inspektion durch. »Wir sind ein bißchen unter dem Richtwert geblieben«, beginnt so auch die ausführliche Erläuterung der Rechnung. »Den Schlag im Vorderrad merkt man bei den grobstolligen Reifen eh nicht, und das Auswuchten des Hinterrads haben wir uns gespart. Das machen wir nur, wenn wir beim Fahren was merken.« Wenn der Mechaniker nur was gemerkt hätte: Der Reifenluftdruck wurde kaum erhöht, das stramme Lenkkopflager blieb stramm, und das fehlende Ersatzteil erklärte man so: »Euer Rücklichtglas, das hat so ein kleiner Japaner bei sich. Der sitzt in einem kleinen Boot und rudert gerade übers große Meer. Das wird wohl noch dauern, bis der ankommt."

Motorrad Fuchs, 82140 Olching (Archivversion) - Blinder Fuchs

Der Mechaniker bekommt leuchtende Augen, als der Tester mit der TT 600 auf den Hof rollt. »Genau das gleiche Motorrad habe ich auch.« Man regelt die Formalitäten und fachsimpelt noch ein bißchen. Die Voraussetzungen scheinen bei Motorrad Fuchs hervorragend zu sein. Doch die Arbeit, die hier für 376 Mark geleistet wurde, enttäuschte. Nicht nur, daß weder die Ventile kontrolliert noch die Krümmerschrauben angezogen wurden. Auch das Rücklichtglas montierte Motorrad Fuchs nicht. Und dem Mechaniker entging auf seiner rund 2,5 Kilometer langen Probefahrt, daß mit dem Fahrwerk der TT 600 etwas nicht stimmte. Oder ist an seinem eigenen Exemplar etwa ebenfalls das Lenkkopflager zu stramm und der Luftdruck permanent zu niedrig?

Hebel Motorrad-Shop, 18439 Stralsund (Archivversion) - Ausgehebelt

Chef und Mechaniker stehen draußen, als der Tester vorfährt. Ein kurzer Check der Maschine. »Ihre Reifen sind nicht zugelassen«, erfährt der Kunde. Als er die TT 600 am nächsten Tag vom Hof fährt, ist er 379 Mark ärmer und muß immer noch mit dem problematischen Fahrverhalten der Enduro kämpfen. Denn weder Lenkkopflagereinstellung und Reifenluftdruck stimmen, noch wurden Ventilspiel, Zündkerze und Scheinwerfer gecheckt.

Autohaus H. & W. Sautter, 74080 Heilbronn (Archivversion) - Nicht zu bremsen

Daß der Sautter-Mechaniker nach rund zwei Kilometern Probefahrt Luft in die Reifen pustete und das Lenkkopflager einstellte, ist erfreulich. Aber auch, daß er keine längere Probefahrt machte - sonst wäre er womöglich noch mangels Bremsflüssigkeit auf die Nase gefallen. Dafür kostete die Inspektion satte 393 Mark. Darin außerdem nicht enthalten: Scheinwerfereinstellung, Nachziehen der Krümmerschrauben, Zündkerzenwechsel.

Motorrad Radtke, 07548 Gera (Archivversion) - Bingo

Bei der Abgabe macht der Chef Jörg Radtke eine schnelle Durchsicht der TT 600, danach gibt es für den Tester einen ordentlichen Reparaturauftrag. Bereits nach einer halbe Stunde klingelt das Telefon: »Ihre Vorderradfelge...« Auch die Abholung der Enduro gestaltet sich erfreulich. Chef und Mechaniker erläutern ausführlich die für 395 Mark durchgeführten Arbeiten, bevor das Motorrad übergeben wird. Beeindruckend: volle Punktzahl.

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