Wie eine Supercross-Strecke entsteht (Archivversion) Kunst-Raser

Wenn im Winter kein Stollen mehr im Rasen greift, holen die Moto Crosser die Natur unters Dach - und scheuen für den Kunstparcours keinen Aufwand.

Supercross Stuttgart, Samstag abend, kurz vor Mitternacht. 8000 Zuschauer zwängen sich durch die Portale der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle hinaus in die frostige Nacht. Doch die wenigsten von ihnen registrieren den empfindlichen Temperatursturz an diesem Abend. Zu spektakulär waren die Sprungeinlagen, zu mitreißend die Duelle, als daß sich die Gemüter der Fans in den letzten fünf Stunden nicht nachhaltig erhitzt hätten. So wundert es nicht, wenn im Gewirr der verbalen Analysen der Lärm der Baumaschinen und Lkw unten in der Arena von niemandem mehr wahrgenommen wird - die Bautrupps und Helferbrigaden schlagen, noch bevor der frisch versprühte Champagner der Siegerehrung im Erdreich versickern kann, das letzte Kapitel einer Geschichte auf, die nur vier Tage zuvor ihren Anfang genommen hatte. Unternehmen Supercross. »Wir haben damals lange überlegt, bevor wir den Schritt vom Hallencross auf Holzboden zum Supercross auf Erde erstmals wagten«, blickt Cheforganisator Willi Schmid vom ADAC Württemberg zurück. Wobei damals noch gar nicht so lange her ist. Erst vor drei Jahren wurden beim Stuttgarter Indoor-Rennen Stichsäge, Akkuschrauber und Holzbohlen von Bagger, Raupen und Lehm abgelöst. Brettercross, wie eingefleischte Off Road-Fans die Hatz über Sprunghügel aus Preßspanplatten und Waschbretter aus Baumstämmen verächtlich nennen, hatte ein für allemal ausgedient. Dennoch: Der Preis für das Ja zum Sport und die internationale Anerkennung ist enorm. »Rund eine dreiviertel Million Mark und viel zusätzliche Arbeit kostet uns das Supercross insgesamt «, weiß ADAC-Mann Schmid. 150 000 Mark allein verschlingen die Erdarbeiten, 200 000 Mark Start- und Preisgeldtopf, nochmals 150 Riesen gehen für die Hallenmiete drauf, die restlichen 250 Tausender-Scheine summieren sich aus vermeintlichem Kleinkram. Bereut hat Schmid es trotzdem nicht. Nach Vorreiter Dortmund, der bereits 1989 Holz gegen Lehm tauschte, leitete nicht zuletzt die Stuttgarter Initiative den Wandel in der deutschen Hallencross-Szene mit ein. Inzwischen flitzen die Crosser auch in Hannover und Leipzig über Pisten aus Naturboden. Dennoch, der Aufwand ist enorm. Mittwoch morgen, sechs Uhr. Die ersten drei Lkw haben ihre Lehmladung bereits in die Schleyer-Halle gekippt. Knapp 220 weitere Fuhren werden folgen, um den Retorten-Parcours buchstäblich aus dem Hallenboden zu stampfen. Vor den schwäbischen Lehm haben die Götter aber Sägespäne gesetzt. Gut drei Zentimeter dick bedeckt die mehlige Schicht den Boden aus Spanplatten. ADAC-Mann-Schmid weiß, warum: »Der Lehm, der übrigens beim Ausbau des Stuttgarter Flughafens für uns abfiel, ist derart zäh, daß wir ihn mit einer Schicht Sägemehl vom Hallenboden trennen müssen. Sonst klebt er beim Abbau hoffnungslos fest.« Die positive Kehrseite der Medaille: Der teigige Dreck bietet den Stollenreifen der Cross-Maschinen nahezu grenzenlose Traktion und hält die Hindernisse auch über mehrere Renndistanzen in Form. Derweil machen sich die 15 Angestellte der Baufirma und sechs ehrenamtliche Helfer eines Motorsportclubs mit einem Bagger, einer Raupe und zwei Walzen über die noch unförmigen Erdhaufen her. Allerdings nach Plan. Und den hält der Franzose Loic Bouvy in den Händen. Der Bretone ist in Sachen Supercross-Pisten-Design ein alter Fuchs. Neben allen Strecken zur französischen Supercross-Meisterschaft heckt der 36jährige alljährlich die Konzeption für den Indoor-Klassiker in Paris-Bercy aus.Erfahrung ist in seinem Job das wichtigste Gut. Wenn Supercross-Pisten für den Laien zunächst als lose Abfolge von Waschbrettern, Einzel-, Doppel- oder Dreifachsprüngen erscheinen mögen, liegt der Schlüssel zu einem gelungenen Supercross-Abend ganz wesentlich in einer attraktiven Piste. »Die Strecke muß selektiv und anspruchsvoll für Spitzenpiloten und dennoch für das Mittelfeld fahrbar sein«, muß sich der selbständige Baumaschinenhändler in die Rolle der Aktiven versetzen können. Doch nicht nur das sportliche Spektakel hängt am Know-how des Galliers, sondern unter Umständen auch die Gesundheit der Piloten. Bereits ein kleiner Irrtum beim Winkel der Absprungrampe oder bei der Distanz zwischen den Sprüngen kann zu schweren Stürzen führen. Um so erstaunlicher, daß Bouvy die Hügel nach Augenmaß anlegen läßt. Doch er weiß, was Crosser wünschen. Erst nach 17 Stunden reißt der Strom der Lkw endlich ab. Es ist Mittwoch abend, 23 Uhr. Doch bis dreißig Meter Waschbrett, ein Dreifach- und ein Doppelsprung, ein Table top und eine Wellenkombination endgültig stehen, vergehen nochmals 20 Stunden. Ohne Schlaf, versteht sich. Mittlerweile trudeln weitere zwanzig ehrenamtliche Helfer ein. Die Feinarbeit beginnt. 600 in Kunststoffolie verpackte Strohballen markieren die Fahrspur und verleihen der Piste ihr sportives Outfit. Die Startmaschine samt Abgas-Absauganlage wird installiert. Donnerstag abend, 19 Uhr. Cross-Legende Ron Lechien erscheint zur Generalprobe. Der schlacksige Ami darf Versuchskaninchen spielen. Paßt wirklich alles? Nein. Hier muß eine Kante weg, da ein Absprung geglättet werden. Die Feinarbeit erledigt Bouvy mit seinem Mini-Lader selbst. Très bon - sehr gut. Denkste. Nach dem freien Training beschweren sich einige Fahrer. Doch das ist normal. Alles bleibt, wie es ist. Pause gibt´s trotzdem keine. Freitag abend. Bange Momente während der Rennen, immer mit dem Zweifel im Hinterkopf, ob die Piste auch wirklich spektakulär, flüssig und sicher genug modelliert wurde, wechseln sich mit der Streckenpflege ab. Nach jedem dritten, vierten Lauf müssen Spuren eingeebnet oder Absprungkanten erneuert werden. Ohne Einführungsrunde müssen sich die Fahrer blind auf den immer gleichen Top-Zustand der Strecke verlassen können. Freitag nacht, nach dem Rennen. Die Strecke wird von Grund auf renoviert, einige Hügel den Nachwuchspiloten auf ihren 125er Crossern zuliebe entschärft. Wieder ist es drei Uhr bis die Crew in die Federn kriechen kann. Der Trost: 7000 Zuschauer bilden die bisherige Rekordkulisse am Freitag. Samstag abend: 8000 Zuschauer, ausverkauft. Streckenpflege wie gehabt. Fünf Minuten nach der Siegerehrung beißen sich die Schaufeln der Bagger bereits in den Lehm. 14 Stunden später ist die Schleyer-Halle besenrein, das Thema Supercross Stuttgart erstmal abgehakt. Zumindest für die nächsten 360 Tage.

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