Wie geht es Reinhold Roth? (Archivversion) Die Hoffnung bleibt

Auch sieben Jahre nach dem schweren Unfall in Rijeka ist Reinhold Roth an den Rollstuhl gefesselt. Aber die Genesung hat Fortschritte gemacht, was seine Frau Elfriede auf weitere Heilung hoffen läßt.

Menschen, die mit schweren Krankheiten oder Behinderungen zu kämpfen haben, geraten in unserer schnellebigen Zeit oft in Vergessenheit. Unangenehme Dinge verdrängt die moderne Leistungsgesellschaft lieber, als sich bewußt zu machen, daß jeder - etwa durch einen Unfall - unvermutet einen herben Schicksalsschlag erleiden kann. So wie der Grand Prix-Rennfahrer Reinhold Roth, der 1990 beim 250er WM-Lauf im jugoslawischen Rijeka mit großem Tempoüberschuß von hinten auf den langsam dahinrollenden Australier Darren Milner knallte. Der unerfahrene Neuling wollte bei einsetzendem Nieselregen aufhören und versperrte einem heranrasenden Pulk auf fatale Weise die Ideallinie. Während Martin Wimmer und Helmut Bradl dem rollenden Hindernis gerade noch ausweichen konnten, war ihrem Kollegen Reinhold Roth die Sicht versperrt. Der Honda-Werksfahrer erlitt bei dem Aufprall schwerste Kopf- und Hirnverletzungen. Seitdem ist er an den Rollstuhl gefesselt und ständig auf fremde Hilfe angewiesen. Doch in diesem tragischen Fall scheint der übliche Verdrängungsmechanismus außer Kraft gesetzt zu sein. Auch sieben Jahre nach dem verhängnisvollen Unfall haben viele Rennfans ihr früheres Idol Reinhold Roth nicht vergessen - was die aufmunternden Briefe an seine Familie und auch die Anfragen an unsere Redaktion immer wieder beweisen. Ein Indiz für die große Popularität des bodenständigen Schwaben, der trotz seiner Erfolge - drei Grand Prix-Siege, zwei Vizeweltmeisterschaften bei den 250ern - ein Star zum Anfassen geblieben war. Nach anfänglichem Koma, der Aufwachphase und diversen Klinik-Aufenthalten ist Roth mittlerweile wieder zu Hause in Amtzell im Allgäu. Mit Ehefrau Elfriede und dem inzwischen 13 Jahre alten Sprößling Matthias lebt er in dem vor zwei Jahren fertiggestellten Haus am Ortsrand, dessen Bauplatz sich der Rennprofi Ende der 80er Jahre noch selbst ausgesucht hatte. Das großzügig gestaltete Heim mit hellen, lichtdurchfluteten Räumen ist behindertengerecht konzipiert und bietet alles, was Reinhold Roth braucht - inklusive Therapiezentrum mit medizinischen und gymnastischen Geräten. »Die Pflege von Reinhold ist ein 24-Stunden-Job«, sagt Elfriede Roth, die sich rund um die Uhr um ihren 44 Jahre alten Mann kümmert und fraglos die wichtigste Rolle bei seiner Genesung spielt. Doch mittlerweile gönnt sie sich zwischendurch auch mal eine Woche Urlaub mit Sohn Matthias: »Das brauchen wir zur Entlastung.« Dann springen die Mitglieder ihrer Großfamilie - Elfriede hat sieben Geschwister - oder Reinholds Verwandte ein. Außerdem kann sie auf eine Therapeutin aus Irland bauen, die Reinhold Roth schon aus der Klinik in Burgau kennt und durch ihr intensives Training großen Anteil daran hat, daß sich sein Zustand in den letzten Jahren in kleinen Schritten gebessert hat. Ziel der Therapie ist es, Reinhold Roths Wahrnehmung zu schulen und ihm wieder alltägliche Dinge wie greifen, schlucken oder kauen zu lernen. So kann er inzwischen zum Beispiel zurechtgemachte Häppchen greifen und essen. Er registriert auch genau, was um ihn herum vorgeht, fixiert die Besucher mit seinen Augen, drückt freudig ihre Hände, schaut besorgt hinaus, wenn starker Regen auf die Fenster des Wintergartens prasselt. Beim Betrachten von Fotos aus vergangenen, glücklichen Tagen signalisieren seine Gesichtszüge Trauer und Resignation. Reinhold Roth kann sich durch Gesten, bisweilen auch durch Sprache verständlich machen. Das kann ein »Hallo« zu Freunden und Besuchern sein, die er erkennt, oder ein »Guten Morgen Matthias« zu seinem Sohn beim Frühstück. »Das gibt mir Kraft, das alles durchzustehen«, freut sich Elfriede Roth über den kleinsten Fortschritt. »Vielleicht«, so ihr Wunsch, »kann Reinhold eines Tages als Beifahrer im Gespann bei einem großen Rennen eine Runde drehen und sich so bei seinen zahlreichen Fans für ihre Anteilnahme bedanken.« Trotz aller Hoffnung auf weitere Besserung ist Elfriede Roth aber bewußt, daß ihr Mann wohl zeitlebens ein Pflegefall bleiben wird. Bei allem Unglück, das seit dem Unfall im Juni 1990 über Reinhold Roth hereingebrochen ist, gibt es jedoch auch positive Aspekte. Er hat zu Hause ein optimales Umfeld, das die Genesung günstig beeinflussen kann. Die Familie ist finanziell abgesichert. Nicht alle Menschen, die schwer krank oder behindert sind, haben dieses Glück.

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