Wie im Märchen (Archivversion) Wie im Märchen

Der Spanier Alvaro Bautista krönte seine bewegte GP- Karriere in Australien mit dem Weltmeistertitel der 125er-Klasse.

Alvaro Bautista holte sich eine Woche vor dem Motegi-Grand-Prix den 125-cm3-Titel in Australien ganz im Stile eines großen Champions: Griff er seinen Rivalen Mika Kallio sofort nach dem ersten Start an, so flitzte er nach Abbruch und Neustart wegen eines Massensturzes gleich an der Spitze davon und gewann am Ende nicht nur das Rennen, sondern auch die entscheidenden Punkte.
Ebenso verblüffend wie die fahrerische Überlegenheit des 21-Jährigen, der die Gesetze der sonst so hart umkämpften Klasse auf den Kopf stellte und insgesamt so überlegen auftrumpfte wie kein anderer seit Dirk Raudies 1993, ist das Wunder seines Aufstiegs. Geboren in dem Flecken Talavera de la Reina in der Provinz La Mancha, dessen Bedeutung sich bis zur Ära von Alvaro Bautista auf Keramik-Kunsthandwerk beschränkte, holte er sich als Dreikäsehoch die Minimoto-Meisterschaft von Madrid und fuhr später im Aprilia-
und Movistar-Cup mit, wobei er meistens vor einem gewissen Daniel Pedrosa ins Ziel kam. Nach einem kurzen Anlauf in der spanischen Meisterschaft auf einer von seinem Vater Javier präparierten Yamaha, mit der er sich nicht einmal qualifizieren konnte, wäre Bautista jedoch fast wieder in der Versenkung verschwunden – wenn ihn Manolo Morente, ein spanischer Teamchef auf der Suche nach neuen Talenten, nicht unter seine Fittiche genommen hätte.
So begann ein Märchen, das sich aus dem Blickwinkel deutschen Sponsoren- und Nachwuchsmangels fast wie ein
unglaublicher Schwank des Barons von Münchhausen anhört. Denn der in Marbella residierende Andalusier Morente war ein guter Freund des dortigen Bürgermeisters, der gleichzeitig Manager und Besitzer von Atletico Madrid ist. Prompt trat Bautista
in den rot-weißen Farben des Traditions-Fußballklubs an und wurde zum Liebling der Profi-Kicker, obwohl er selbst kaum Interesse an der Torjagd zeigte.
Von dort kreuzten sich Bautistas Wege, auf Vermittlung der spanischen Rechtsanwältin und späteren Teamchefin Susana Lopéz, mit Clarence Seedorf, Weltstar bei Inter Mailand. Seedorf entschloss sich, ein Grand-Prix-Team zu gründen, ein Hobby, das ihn über zwei Jahre hinweg vier Millionen Euro kosten sollte. Bautista bestritt 2003 eine erste
viel versprechende WM-Saison auf Aprilia und belegte in Australien den vierten
Rang. Im zweiten Jahr holte er vier Podest-
plätze und galt als neuer WM-Kandidat, worauf er sich für 2005 sein Material
aussuchen durfte wie ein Kind etwas Neues im Spielzeugladen. Bautista entschied sich für eine offizielle Kit-Honda 125 mit Öhlins-Federung – und legte eine desaströse Saison hin, die er mit dem
17. Platz unter »ferner liefen« beendete.
Statt seinen Zwei-Jahres-Vertrag mit Seedorf zu erfüllen, wurde Bautista danach fahnenflüchtig und heuerte bei Exweltmeister Jorge Martínez an, einer weiteren spanischen Legende. Jetzt sprüht er vor Begeisterung über sein Team, mit dem er 2007 in die 250er-Klasse aufsteigt. fk

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