Windtipps (Archivversion) Leben IM<br /><br /> Taumel

Ein paar Hinweise dazu, wie es sich mit dem Zerren, Heulen und Toben des Fahrtwinds leichter umgehen und angenehmer leben lässt. Damit man ihn respektiert und trotzdem nicht vergisst,
ihn manchmal auch zu genießen.

Murphys Gesetz steht in keinem Lehrbuch der Aerodynamik. Doch es passt auf kaum eine Erscheinung so gut, wie auf den Fahrtwind: Alles, was passieren kann, passiert. Jedes lockere Nackenpolster im Helm löst sich. Jedes freie Ende eines Gepäckgurts weht, vom Winde losgezupft, unkontrolliert herum, scheuert trommelnd die Lackierung des Sitzbankhöckers durch oder wickelt sich gar ins Hinterrad. Dem Fahrtwind gebührt unser stets waches Misstrauen. Zum Glück muss ja nicht jeder
jeden Fehler selbst machen. Zum Beispiel den Klops mit der Tankrucksack-Regenhaube, die bei höherem Autobahntempo plötzlich hochgewirbelt wird, einem vors Visier knallt und für eine kurze Ewigkeit jeden Durchblick raubt. Da ist es doch besser, die Haube extra zu verzurren oder gleich wegzulassen.
Es möge bitte niemand über Tankrucksack-Chauffeure spotten, denn jeder hat einen wunden Wind-Punkt. Viele Supersportler-Fans etwa tragen beim Fahren einen Rucksack. Oftmals mit einem praktischen Fach oben drauf, in dem sie ihre dicke Uhr, die Brieftasche und den Setup-Schraubendreher verstauen, weil die nicht unter die Rennkombi passen. Vorsicht damit. Nur eine kräftige Sicherheitsnadel hält den Reißverschluss auch dann geschlossen, wenn der ganz schnelle Fahrtwind an ihm zerrt und bietet eine gewisse Sicherheit, die Habseligkeiten nicht auf der Bahn zu verstreuen. Das Gleiche gilt für die verschließbaren Taschen modischer Blousonjäckchen, die man an kühlen Tagen gerne mal übers Leder zieht. Bei Rucksäcken mit umlaufendem Reißverschluß gehören beide Zipper auf eine Seite gezogen und zusätzlich gesichert. Und Regenkombis müssen mehr können, als dicht und billig zu sein. Sie müssen höhere Geschwindigkeiten aushalten, ohne in Fetzen zu gehen. Natürlich passiert das nie bei langsamer Fahrt im starken Regen. Aber lästigerweise sehr oft nach einem Schauer, wenn man wieder trockene Piste unter den Rädern hat und die Gänge durchlädt, statt erst einmal anzuhalten und die Regenpelle abzustreifen.
Motorradkleidung und Fahrtwind haben sogar noch ernstere Wechselwirkungen. Ein Textil- oder Regenanzug, der sich bei schnellerer Fahrt aufbläst, verursacht einen höheren Luftwiderstand und bedingt dadurch höhere Kräfte, mit denen sich der Fahrer am Lenker festhält. Zusätzlich beutelt er den Oberkörper des Piloten hin und her, beides zusammen setzt sich rasch in Hochgeschwindigkeitspendeln um. Beim Kauf eines solchen Kleidungsstückes sollte also körpernahe Passform oberste Priorität bekommen. Die Möglichkeit, noch drei warme Pullis unter dem Anzug zu tragen, ist weniger wert als Flatterfreiheit.
Auch deshalb, weil ein zwanghaft windbewegter Fahrer den Bereich vor sich viel schlechter überblicken kann, als wenn er ruhig sitzt. Mit der Heftigkeit einer Ohrfeige zeigt sich
dieser Effekt, wenn jemand längere Zeit hinter der Verkleidung gekauert war und sich erst kurz vor der Autobahnabfahrt wieder aufrichtet. Rennfahrer kennen das Phänomen des plötzlichen, Sehstörungen verursachenden Lufteinschlags von den Bremszonen am Ende langer Geraden. »Den Einlenkpunkt musst du im Gefühl haben, sehen kannst du ihn nicht.« Solche Sätze hört man häufig von berufenen Spätbremsern. Nicht allein wegen der Turbulenzen lohnt es sich, bei Motorrädern mit einstellbaren Scheiben jede Position ausführlich zu testen. Selbst dann, wenn
die Scheibe, wie etwa bei der Honda CBF 600 oder den V-Strom-
Modellen von Suzuki etwas fummelig umgeschraubt werden muss, statt wie bei der BMW R 1150 RT oder der Yamaha FJR 1300 bequem per Elektromotor justierbar zu sein.
Unabhängig von Rucksäcken, Kleidung, Motorradtypen und anderen Dingen, die mit dem Wind manchmal unheilvoll zusammenwirken, kann jeder selbst viel dazu beitragen, dass sein Motorrad ruhig in der Bahn bleibt. Was auch immer an Kräften aufzubieten ist, um gegen den Wind zu bestehen, egal auf welcher Maschine, sollte zu einem möglichst hohen Grad aus den Beinen, der Bauch-, Rücken- und Nackenmuskulatur, abgestützt auf Fußrasten und Sitzbankpolster, aufgebracht werden. Die Arme sollen dabei locker hängen und nur zarte Lenkimpulse geben; Klimmzüge am Lenker sind grobe Fahrfehler. Wer die Körperspannung für den richtigen Kampfstil gegen den Wind nicht aufbringen kann, muss eben langsam fahren.
Sind lenkerfeste Halbschalen, Windschilder Koffer – vielleicht sogar einseitig beladene – und Topcases im Fahr-Spiel, wird ohnehin nicht mehr nach Schnellen und Langsamen, da wird nur noch nach Dummen und Gescheiten unterschieden. Denn wenn der Wind von vorn, von der Seite oder gar turbulent als Wirbelschleppen von Lastwagen auf die zubehörbestück-
ten Bikes einstürzt, kann die vergrößerte Angriffsfläche rasch zu kritischen Fahrzuständen führen. Die Gescheiten pfeilen sich wenigstens nicht mit Hurra in drei Getriebesprüngen und vier Mal Vollgas zu den kritischen Geschwindigkeiten hinauf, die werden langsam schneller. Und kurz entschlossen wieder langsamer, sobald Turbulenzalarm herrscht. Davor ist kein Motorrad sicher. So offenbarte die im Windkanal untersuchte Yamaha XJR 1300, obgleich sie eines der fahrstabilsten Naked Bikes überhaupt ist, mit Koffern und Topcase gefährliches Pendeln ab 180 km/h.
Fehlt hier noch ein Tipp zum komplexen Thema Fahrtwind? Klar, ein ganz wichtiger sogar, der Abschluss-Tipp überhaupt: Bei allem wohl begründeten Misstrauen sollten wir nicht
vergessen, den Fahrtwind zu genießen. Gerade in dieser Jahreszeit riecht er bisweilen unwiderstehlich gut.

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