Wintertreffen Schloß Augustusburg (Archivversion) Augustiner-Orden

Viele kommen zum Schloß, aber ohne den harten Kern der AWO- und EMW-Treiber wäre das Treffen bei der Augustusburg wie ein Winter ohne Schnee.

Die Fünf starten im Dunkeln, und sie kommen an im Dunkeln. Zwischen Müritz in Mecklenburg und Augustusburg im Erzgebirge machen sich 380 eisige Kilometer lang. »Mit Verfransen und mit Panne.« Kondenswasser im Vergaser. Kann passieren bei fünf Grad unter Null. Das Malheur wird zwar schnell behoben. Dennoch brauchen sie zwölf Stunden mit ihren drei Gespannen, die jeweils so um die vier Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Mehr als 70 bis 80 km/h sind aus zehn PS und einem Viertelliter Hubraum eben nicht rauszukitzeln.Heizgriffe kennen sie nicht, von Thermokombis haben sie nur gelesen. Leder und ´ne Regenpelle drüber, das muß reichen. Mario trägt immerhin einen Neopren-Anzug unter seinen Breeches, und Reno hat seine Freundin Claudia zuerst in einen Schlafsack und dann in den Seitenwagen gepackt.«War schön kuschelig«, bibbert sie. Als sie kurz vor Mitternacht den Berg, auf dem die Augustusburg thront, mit ihren wackeligen Gespannen erklimmen, stellen sie ihr Zelt mitten auf dem Schloßhof in den Schnee. Drei Mann und eine Frau passen rein. Mario konnte sich irgendwie in die Jugendherberge schummeln: »Schlafsack vergessen.« Der steifgefrorene Steffen wird nach ein paar Stunden weich, schleicht ihm nach.Am Morgen packen sie ihr Zelt zusammen - eine Attraktion für die schaulustigen Chemnitzer, die alljährlich zu Tausenden auf das Wintertreffen pilgern und über die Motorradfahrer mit ihrer merkwürdigen Vorliebe für Frostiges nur noch den Kopf schütteln.Steffen ist mit seinen 25 Jahren der Senior der Müritzer Gespanntruppe, er fährt eine EMW von 1954 mit Stoye-Seitenwagen. Drin sitzt Mario, 20, der zu Hause ebenfalls eine EMW restauriert, eine ohne drittes Rad. Reno, 20, hat sich eine Touren-AWO von 1960 aufgebaut. Mit Stoye-Boot für Claudia, 22. Nur Arne, 20, bewegt keinen der legendären Viertakter aus dem Osten, er beläßt’s bei einer MZ-ES von 1961. »Eben weil´s ´n Zweitakter ist. Da bin ich stolz drauf!« Logisch. Hier, ganz in der Nähe von Zschopau, darf er das auch sein.Oldtimer Steffen weiß, daß es früher anders war. Vor der Wende gehörte zur Szene nur, wer einen Viertakter besaß. AWO und EMW waren die einzig legal erhältlichen Kräder. Eigentlich ganz biedere Bauernmotorräder vom Schlage einer BMW R 25. Aber die Rocker bauten sich daraus ihre Chopper, Not macht bekanntermaßen erfinderisch. »MZ-Knaller« mußten damals draußen bleiben und genossen bei den Kuttenträgern so wenig Ansehen wie die Japaner in der Harley-Szene. »In Malchow haben sie jedes Jahr eine MZ kaputtgeschlagen«, erzählt Steffen. Ein Ritual, an dem die harten Biker des Ostens ihre Freude hatten.Aber die Zeiten ändern sich, und EMW-Fan Steffen springt für MZler Arne in die Bresche: »Es zählt nur, wer ankommt.« Vom nostalgischen Kult um den Osten, der sich neu belebt, auch unter AWO-Bikern, hält er überhaupt nichts: »Die trauern guten alten Zeiten nach, die so gut gar nicht waren.« Die Müritzer fahren AWO und EMW, weil’s Oldtimer sind, weil sie daran alles selber reparieren können - und weil die einst sorgsam gehüteten Schätze jetzt zu Billigheimern mutiert sind.Für eine West-R 25 mit Steib-Seitenwagen müßten sie gut das Doppelte von dem löhnen, was ihre Ost-Pendants von Simson und Stoye kosten. Zuviel für die fünf Zivis, Azubis und Studenten. Reno schätzt seine AWO auf fünf- bis sechstausend Mark. Wenn er sie denn verkaufen müßte. »Aber ich könnte es nicht!«Arne leistet sich auf dem Teilemarkt einen Satz Kniebleche für den Rückweg. Für eine ordentlich warme zweite Nacht in der Jugendherberge ist danach keine Kohle mehr übrig. Sie schleichen sich in den großen Saal, müssen selbst dafür zehn Mark pro roter Nase abdrücken. Vorher gelingt ihnen das Kunststück, sich zum Tanz ins Herbergslokal einzuschleusen. Da, wo all die harten Kerle auf ihre Art feiern: mit viel Alkohol und ordentlich mit den Stiefeln stampfen.Arne wird als erster müde, aber auch die anderen halten nicht mehr lange durch. Am nächsten Morgen müssen sie um sechs auf die Straße: »Gefrühstückt wird nicht. Erst mal schauen, wie weit wir kommen.«960 Motorräder wurden auf dem Wintertreffen in Augustusburg gezählt. Knapp die Hälfte davon Eintöpfe aus Eisenach und Suhl. Übrigens: eine Harley gab’s. Und zwei Typen mit Harley-Mütze.

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