Wischmeyers rabenschwarze Motorradwelt (Archivversion) Verchromte Eier

Warum ist der Motorradler sonntags spätestens 18.40 Uhr zu Hause? Dann läuft »Lindenstraße«. Da erkennt er sich wieder. Irgendwo zwischen Prost und Prostata.

Dietmar Wischmeyer kennt seine Pappenheimer. Die mit Pappe Klasse eins. Da zückt der seiner Werbeagentur entfleuchte Harley-Fuzzi das Handy. Emergency call gen ADAC. Come on, Gelber Engel, kick dem Lonesome Rider mal den Big Twin an. Witzig, was? Ebenso lächerlich: »Was man einen Gold Wing-Fahrer niemals fragen darf: Geht dein Ständer auch elektrisch, oder kriegst du noch alleine einen hoch?« Noch peinlicher als das Klischee, das beweisen diese Sentenzen aus Wischmeyers neuer »Verchromte Eier«-CD, kommt mitunter die Klischeezerstörung daher. Harley-Fahrer - wer hätte das gedacht? - mimen nur den ultracoolen Typen. Und was bleibt dem Gold Winger von der Kraft seiner sechs Kolben? Mama in der Wohnküche hinten drauf und nach der Ausfahrt die Lindenstraße. Doch gemach, mitunter schürft auch Flachsinn tief.Herr Wischmeyer ist Satiriker. Ein guter übrigens. Manchmal sogar ein brillanter. Sein »Kleiner Tierfreund« (Foto links) thront im Pantheon neudeutschen Humors, von dem viele behaupten, er gleiche eher einer Besenkammer denn einer Ruhmeshalle, auf fast eben so hohem Sockel wie Loriot, Otto, Schmidt oder Heroen wider Willen vom Schlage eines Heribert Faßbender oder Dieter Bohlen. Beweis gefällig? Bitte schön.Wer geriete nicht in Verzückung, wenn das kalte Metall eines Kreidler-Tankes die Innenseiten der Schenkel liebkost und der berauschende Brodem des Zweitaktgemisches die Nüstern des geilen Piloten erobert, während seine Tatzen die Lenkergriffe eng umfangen und der rechte Hinterlauf den Bodenkontakt sucht, hat die linke Sandalenplanke des Kreidleristen längst Halt gefunden auf dem Kickstarter des stählernen Ungetüms. Der Benzinhahn, stolzer Gockel am Unterlauf des Reservoirs, hat schon bereitwillig seinen Schlund geöffnet, um das mörderische Aggregat mit gierigem Zweitaktlikör zu versorgen. Nun spannt sich die linke Wade des Piloten, und mit unbestechlicher Grausamkeit wird der Kickstarter zu Boden getreten, doch der renitente Bursch’ hat noch nicht genug, bettelt nach fortgesetzter Züchtigung. Die soll er haben. Zwei, der, vier Mal noch wird nach ihm getreten, bis endlich die Kornwestheimer Wölfin heisern durch den jungen Morgen belfert. Nach wenigen tausend Schlägen hat das leichtmetallerne Herz des geräderten Weibchens die gespannte Ruhe einer Löwin kurz vor dem Angriff erlangt. Ihre Beute ist die Teerstraße, die sich nun in jungfräulicher Unberührtheit bis weit hinter den Horizont erstreckt. Die mächtigen Pallas-Vergaser verrichten kommentarlos und zuverlässig ihre Arbeit. Der Kraftfluss von der Kurbelwelle wird von einem treuen Zahnradpärchen auf das Ziehkeilgetriebe übertragen, und auf der Getriebeeingangswelle suhlt sich die Mehrscheibenkupplung im triefenden Ölbad. Alles ist bereit. In die Rollenkette des Sekundärtriebes schießt plötzlich eine Urgewalt, als der Pilot den ersten Gang einlegt. Die Löwin setzt zum Sprung an, das Kriegsgeschrei der zweifarbigen Katze lässt die Bewohner des Waldes erschaudern. Laut brüllend macht sich das mächtige Tier über die schweigende Teerstraße her, und auf ihr reitet der glücklichste Mensch der Welt neuen Zielen entgegen, die noch nie von der Sandale des weißen Mannes betreten wurden. Jeder Kreidlerist wird bei der Lektüre dieser sprachmächtigen Zeilen sich seines ersten Vollsuffs erinnern, als er, der drögen Grillparty und der herzlosen Schönen, die vergeblich anzuschmachten er nach dem dreizehnten Bier nicht mehr ertrug, entflohen war ins ebenso bedrohliche wie heimelige Dunkel der freien Natur, um unselig dahinzuschlummern im tränennassen Moos, bis endlich die aufgehende Sonne und randalierende Vögel jene erlösenden Geister weckten, die es ihm erlaubten, in seinem Moped just jene Gefährtin zu erkennen, die ihn nie im Stich lassen würde und die er obendrein, was die Chose ungemein erleichtert, nicht anzuhimmeln, sondern nur noch anzulassen hatte.Wie also kann ein solch einfühlsamer und deutsche Mythen wie Wald und Maschinenbau in unvergleichlicher Manier vermählender Künstler, als der sich Wischmeyer in seiner Rolle als »Kleiner Tierfreund« erweist, in die Niederungen der plumpen Harley- und Gold Wing-Schmonzette hinabsteigen, ja mehr noch, sich über das Heiligste der Motorradfahrerszene, den Motorradfahrergottesdienst, lustig machen?Da kann man dann den Gefallenen der letzten Saison gedenken und auch sonst is das nen schönen Vorwand, mal wieder eine nutzlose Ausfahrt zu unternehmen. Der Schwarzkittel erzählt dann gerne mal, Jesus wär’ an sich auch gern nen Biker gewesen, sein Alter hätte sich nur geweigert, am siebten Tag die Ducati Monster zu erschaffen. Händler verhökern Kreuze mit den gängigsten Inbusgrößen an den Enden, aber ansonsten ist bei Jesus-on-wheels das gleiche los wie auf jedem Bikertreffen: Currywürste reinschlabbern und Titten rumzeigen. Jene, wie es zunächst erscheinen mag, despektierlichen, ja blasphemischen Worte schiebt Wischmeyer einem gewissen »Günther der Treckerfahrer« ins schnodderige Lästermaul. Doch der - und das ist Wischmeyers genialer Schachzug - entlarvt damit nicht die allseits beliebten Motorradfahrergottesdienste nebst den auch gern genommenen Motorradweihen, sondern sich selbst. Behauptet dieses Landei - nicht verchromt, versteht sich - doch allen Ernstes, bei Motorradfahrergottesdiensten werde der Gefallenen gedacht. Bei all den Jungs und Mädels, die sich hinlegen, müssten solche Veranstaltungen eine Woche oder länger dauern. Das hält selbst der härteste Biker nicht aus. Und dann sabbelt Günther von nutzloser Ausfahrt - ein Ding der Unmöglichkeit, wo doch für jeden echten Biker der Glaubenssatz gilt, wonach der Weg das Ziel ist. Am siebten Tag schlussendlich kam Gott einfach nicht mehr dazu, die Ducati Monster zu schaffen, da presste er bekanntermaßen all seine Kraft in die Genese der Harley-Davidson. Und also nennen die Amis ihr Land God’s own country, und Ducati zum Troste und zur Entschädigung sitzt der Papst wenn schon nicht in Bologna, so immerhin in Rom. Dieser Günther blickt’s echt nicht. Wenn Wischmeyer an anderer Stelle seiner CD prophezeit, dass sich die neue V-Rod nur dann verkaufen ließe, »wenn Harley eine rattenscharfe Unterwäschekollektion herausbringt«, dann muss diese Aussage, ja fast sein gesamtes Oeuvre, wie die oben zitierte Sermon des Günther interpretiert werden, als Selbstentlarvung des Sabberschnauze und als Katz-und-Maus-Spiel mit der Kompetenz des Hörers, der den Sprung vom gängigen Klischee - Harley-Fahrer sind knallharte Typen - zur bloßen Klischeezerstörung - Harley-Fahrer sind weicheirige Knalltüten - so leichthin und absolut groovy bewältigt, dass er überreif ist, aus These und Antithese die Synthese zu fabrizieren. Die da heißt: Harley-Fahrer haben verchromte Eier. Oder so ähnlich. Was übrigens, schwant Wischmeyer, für alle Motorradfahrer gilt.

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