05.12.2007 Von: Eva Breutel
Erschienen in: 26/ 2007 MOTORRAD

WM-MV-Agusta von 1974 im Vergleich mit der aktuellen MotoGP-Ducati (Teil 2) Einem Weltmeister gibt man keine Tipps

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Auf der MV Augusta fuhr Agostini 13 seiner insgesamt 15 Weltmeister-Tiel und 110 seiner 122 GP-Siege ein.  

Foto: Barbanti  

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Italiens Nationalheld zieht sich kurz zurück in die Nebenräume – die nagelneue Lederkombi, die er extra für die Ducati angelegt hat, sitzt nicht ganz perfekt. Kann das Nervosität sein? Bei Ago, der schon alles gesehen, gefahren und gewonnen hat? "Nervös wäre vielleicht zu viel gesagt", meint der 65-Jährige lachend. "Aber das hier ist eine einmalige Gelegenheit, kalt lässt mich das nicht."

Auf geht’s. Noch eine kleine Fachsimpelei mit Testfahrer Guareschi, der Ago zwar keine Tipps gibt – "das macht man bei einem Weltmeister doch nicht" –, ihn aber kurz vorwarnt: "Besonders harmonisch fährt die GP7 nicht. Wir müssen pro Rennen mit 21 Litern auskommen, deswegen ist der Motor bei niedrigen Drehzahlen sehr mager abgestimmt, und die Leistungsabgabe verläuft nicht sehr homogen."

Ago nimmt dies schweigend zur Kenntnis, stülpt Helm und Handschuhe über und schreitet entschlossen zur Tat. Höher als die MV ist die MotoGP-Maschine aber doch. Erst im dritten Anlauf schwingt er sein Bein über den Sattel. Nein, keine Häme jetzt, an mangelnder Fitness liegt das nicht. Ago ist rank und schlank, er wirkt durchtrainiert wie nur wenige Männer seines Alters. Es ist wohl doch eher eine gewisse Anspannung, die da ihren Tribut fordert.

Sonnenaufgang bei allen Ducatisti: Endlich ist sie da, die erste käufliche MotoGP-Replika.

Desmosedici und MotoGP-Renner von Ducati in einer Foto-Show.   52 Bilder

Fauchend starten die Triebwerke, der Vierzylinder aus Bologna kreischt im Vergleich zur bassstarken MV in etwas höhe­ren Tonlagen. Zwei kurze Gasstöße mit gezogener Kupplung, dann zieht Ago auch schon los, gefolgt von Guareschi, der sich diesmal die MV schnappt. Der Kurs in Monza ist exklusiv für diesen Vergleich reserviert, nur die beiden so unterschiedlichen Rennmaschinen ziehen ihre Bahn. Wie in seinen Glanzzeiten fährt Ago mit festem Knieschluss und verschmilzt fast mit der MotoGP-Maschine. Vor kleine Hindernisse stellt ihn die moderne Technik aber doch, wie er später erzählen wird: Wie gewohnt, gibt er beim Herunterschalten zunächst Zwischengas. Das mag ein modernes Motormanagement nicht sonderlich.

Intuitiv begreift er nach wenigen Runden, wo das Problem liegt, und passt seine Fahrweise an. So stellt sich allmählich das nötige Feeling mit der Desmosedici ein. Obwohl der Regen stärker wird, hält es beide Piloten auf der Piste. Erst als aufbrausender Wind haufenweise nasses Herbstlaub auf die Strecke weht, kehren sie an die Boxen zurück. Kaum hat Ago seinen Helm abgesetzt, sprudelt er los: "Es ist schier unglaublich. Der Rahmen, die Bremsen, der Motor – es hat sich alles völlig verändert. Neben der MV wirkt die Ducati wie von einem anderen Stern. Und diese Elektronik. Wir fuhren damals ja sogar noch mit Magnetzündung." Im Grunde, sagt Ago, wirke die MV zwar handlicher, doch die Ducati sei viel leichter zu fahren. "Wir Fahrer mussten in den 60er und 70er Jahren alles im Blick behalten, die komplette Mechanik, die Strecke und natürlich das Verhalten des Motorrads. Ganz besonders die Traktion, sonst endete man schnell im Graben. Heute kümmert sich um das meiste die Elektronik, der Pilot kann sich ganz auf die Strecke konzentrieren.«

Genau deshalb, so meint der Spezial-Tester, gäbe es heute relativ viele schnelle Piloten, Überrundungen wie zu seinen Zeiten kommen im Grand Prix kaum noch vor. "Bis 90 Prozent vom Limit fährt sich die Ducati fast wie von selbst, die Elektronik bügelt alle Fahrfehler aus. Das habe ich selbst gemerkt, denn perfekt waren meine Runden nicht."

Die Testfahrt hat Agostini sichtlich gefallen, doch er bedauert: "Dumm, dass es geregnet hat. Ich wäre zu gern ans Limit gegangen, denn wenn man am Gasgriff dreht, merkt man, was für ein mächtiger Schub dahintersteckt. Das reizt natürlich." Wer Agostini kennt, weiß allerdings, dass er auch bei strahlendem Sonnenschein das Limit sehr bedächtig ausgelotet hätte. Er galt nie als Hitzkopf, sondern als überlegter Pilot. Andernfalls wird man schließlich keine lebende Legende – zumindest nicht im gefährlichen Motorrad-Rennsport der 60er und 70er Jahre.

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