X-Track - Extrem-Enduro in Spanien (Archivversion)

Immer an der Wand lang

Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Beim X-Track, einem Extrem-Enduro in den Ausläufern der spanischen Pyrenäen, gelangen die Fahrer und Fahrerinnen an die Grenze des Machbaren.

Welch ein Rennen! Start und Ziel: Oliana, ein kleines Örtchen in den Ausläufern der Pyrenäen. Aufgabenstellung: Von A nach B, egal ob Fels oder Flüße, ob Schluchten oder Seen zu überwinden sind. Fünf Teams, insgesamt 15 Fahrer und Fahrerinnen. Allesamt handverlesene Gelände-Cracks. Wie die drei Briten, mit allen Off Road-Wassern gewaschene Redakteure des Motorradblatts Bike. Oder die Spanier mit Enduro-WM-Kämpfer Marc Puigdemont. Und die Deutschen um den unheilbaren Stollenfan und Husky-Händler Andy Zimmerer. Oder das Team International mit den Enduro-Spezialisten Nico Klaus, dem Schweizer Urs Huber und dem Österreicher Wolfgang Schöller. Und unserer Frauenteam mit der Italienerin Dori Molinari, der Ex-Trialerin mit Enduro-Faible, der Schwedin Mari Sandell, die in allen Sätteln - inklusive dem eines Pferds - schon immer zurechtkam und der rallyebesessenen Autorin. Dann noch drei Mannen aus Österreich, die mutigst angereist waren, sich die Sache nach kurzer Besichtigung der Sonderprüfung aber anders überlegten, schleunigst die Koffer packten und unverrichteter Dinge wieder die Heimat suchten. Das X-Track. Kein Moto Cross, kein Enduro, keine Rallye, sondern ein Off Road-Survival. Drei Tage durch die Hölle. Tag eins: Prolog, anschließend zwei Sonderprüfungen, die es in sich haben. Flußdurchquerungen mit Wasserspiegeln, die bis zum Tankstutzen reichen. Tag zwei: Überquerung der mächtigen Felswand des Sant Honorat, gesichert an Seil und Haken mit einer aufregenden Seilbrücke zum Schluß. Danach nochmals zwei Sonderprüfungen auf ehemaligen Enduro-Weltmeisterschaftspfaden, später Abseilen über einen 20 Meter breiten Fluß, gefolgt von einem terrassenförmigen Anstieg über einen felsgespickten Wanderweg. Tag drei: alpine Sonderprüfung felsaufwärts mit adrenalingetränkter Abfahrt und als Zieleinlauf die Überquerung eines Stausees mittels selbstgebautem Floß. Genächtigt wird im übrigen stilecht im Berg – im Zelt oder unter freiem Himmel.Wenigstens zogen wir Frauen bei der Auslosung der Startreihenfolge die Nummer eins. Das erste und das letzte Mal, daß wir in Führung lagen. Eine steile Waldauffahrt spielte Schicksal. Zielankunft mit 23 Minuten Verspätung. Letztes Team im Ziel. Immerhin.Ganz in der Manier des Siegers der Premiere des X-Track im Frühjahr startete das Team Germany wieder als Führende nach dem Prolog. Um sich und der Welt zu beweisen, daß gestandene Mannsbilder im Gegensatz zu den Zweitakt-berittenen Konkurrenten auch mit Viertaktern zu solcher Leistung fähig sind, waren sie angetreten - und verspielten doch am ersten Steilhang ihre Führung: Mehrere kapitale Überschläge zwangen die Ur-Bayern zur konventionellen Seilarbeit. Im Gegensatz zu den Spaniern, die alle drei allein und ohne Hilfe den Berg bezwangen, damit den Grundstein für ihren Sieg legten und ihren Vorsprung fortan unerbittlich ausbauten.Derweil tummelten sich die Briten im drei Kilometer entfernten Flußbett des Ribera Salada. Clive Garnham, der Hagere, verabschiedete sich mitsamt seiner Honda in zweieinhalb Meter Tiefe. Mit größter Disziplin und Freude – dies zeichnete die englischen Sportsmen in jeder Situation aus – wurde die Lage gemeinsam gemeistert und der Hinweis auf einen besseren Weg mit einem äußerst trockenen »Thank«s man« quittiert.Am nächsten Morgen: Überquerung des gewaltigen Sant Honorat. Es schien die Sonne, und wo sie nicht schien, herrschten 30 Grad im Schatten. Nein, bitte nicht da lang. Die massive Felswand mit über 100 Meter Abgrund war gigantisch, und Maria kommt aus den flachen Wäldern Südschwedens. Sie war noch nicht mal überzeugt, als sie ins Kletterzeug stieg. Madonna, schließlich sei sie keine Bergziege, aber es galt zu tun, was zu tun war.Du mußt einen Mittelweg finden: Zwischen Pfadfindertum (Wo ist der nächste Richtungspfeil, und kann es dort tatsächlich hinuntergehen?), der virtuellen Ebene (wir packen jetzt unser Seil aus, hängen die KTM daran, weil wir bei diesem Rennen unbedingt das Ziel sehen wollen!) und der Realität. Am besten funktionierte es in einer Auffahrt, übersät von endlosen Steinbrocken, da rückten die drei Ebenen zusammen, und wie noch öfter erreichten auch wir dank der tatkräftigen Hilfe aller übrigen Teams etwas verspätet den nächtlichen Ruheplatz.Indes begeistern die führenden Spanier mit faboulösen Zeiten, Nico Klaus vom Team International mit ebensolchen und uns im übrigen mit seiner Hilfsbereitschaft. Auch sonst herrschte gute Stimmung. Bei Urs mit seinem zart durchschimmernden Schweizer Dialekt, bei Wolfgang mit seiner alpenländischen Ruhe. Die Briten nehmen´s mit Gelassenheit und Humor, und die Bajuwaren spülen den Streß sowieso mit dem abendlichen Weißbier runter. Und kommen dabei auch etwas leichter über Zeitverlust und diverse gebrochene Schaltwellen hinweg.Letzter Tag: Morbid-stechender Geruch wie die Duftwolke eines sauerkrautgefütterten katalanischen Wildschweins zieht unter den Helm. Heiser-singender Klang unterschiedlichster Tonart, unterbrochen von einem schmerzhaften Klock und anschließendem zum Teil länger anhaltendem rhythmischem Kick schwängerte die Luft. Und du wußtest, hinter der nächsten Kurve scharrte ein Zweitakter unermüdlich am Fels. Die letzte Sonderprüfung steht für den Esprit des X-Track, griff nach den letzten Reserven und wurde nur durch den Sturz von Dori überschattet, die sich dabei an der Schulter verletzte und mit Armschlinge im Ziel auf uns warten mußte.Der Zieleinlauf wurde zum Highlight. Es hatte mit tiefem Gewässer zu tun, und zur Überquerung standen pro Team vier leere Fäßer, acht Baumstämme und acht Stricke parat. Floßbau. Die ohnehin führenden Spanier stechen nach Präzisionsarbeit als Erste in See, gefolgt vom Team International, die ihre KTM als Außenborder einzusetzen versuchten – leider war die Idee nicht vollständig zu Ende gedacht: Spritzwasser sabberte über den Luftfilterkasten durch den Vergaser in den Motor. Aus. Die Bayern konnten nicht mehr aufschließen, und die Briten - eigentlich als Seefahrervolk bekannt - bewiesen beim Bootsbau kein sonderliches Geschick, erreichten mit ihrer eigenwilligen Konstruktion aber dennoch die andere Seite. Wir erkannten unsere Grenzen demütig an, nahmen Fremdhilfe in Anspruch und paddelten, was die Oberarme noch hergaben. So die endgültige Plazierung. Was bleibt: die ständige Sehnsucht nach der eigenen Unzulänglichkeit und der Wunsch, es noch mal und immer wieder zu versuchen.
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X-Track: Extrem-Enduro in Spanien (Archivversion) - X-Track - selber fahren

Lust mal die eigenen Grenzen auszuloten? Und zwar nicht nur die auf zwei Rädern? Wen die Abenteuerlust packt, der kann im kommenden Jahr eventuell selbst beim X-Track am Start stehen. Wichtigstes Kriterium ist dabei nicht, »daß ein Teilnehmer WM-reifes Fahrkönnen haben muß, sondern seine Fähigkeit zu Teamgeist und Improvisation«, wie der Organisator des Extrem-Enduro und TV-Produzent des auf Eurosport ausgestrahlten Off Road-Magazins, Günter Mair, bemerkt. Geplant sind im Lauf des kommenden Jahrs zwei X-Track-Veranstaltungen. Eine in Spanien und eine in Lappland. Zugelassen werden maximal sechs Teams zu je drei Fahrern. Und weil der kleine Teilnehmerkreis Individualität und Ursprünglichkeit garantieren soll, muß und darf auf allzu präzise Vorhersagen wie Zeitpunkt oder Dauer der Veranstaltung verzichtet werden. Zu planen ist grob mit einem Nenngeld zwischen 2000 und 3000 Mark pro Fahrer oder Fahrerin. Motorrad und Ausrüstung muß jeder Teilnehmer natürlich selbst beisteuern. Genauso übrigens wie einen ärztlichen Gesundheitscheck. Bei einer übergroßen Nachfrage nach Startplätzen sollen sich bei einer Ausscheidung auf dem österreichischen Erzberg die Warmduscher von den Ledernacken trennen. Immer noch interessiert? Dann zwei Freunde oder Freundinnen suchen und die gemeinsame Bewerbung an den Zuschauerservice des Off Road-Magazin, Fax 05231/20336, senden. Oder lieber doch nicht?

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