XT 500 von Ebay (Archivversion) Lehrstück

1. Akt: Prolog
Ebay ist ganz unbestritten eine feine Sache –da sind wir uns bestimmt einig, Freunde und Nachbarn. Aber irgendwann greift man dann doch derartig tief in die viel zitierte Toilette, dass es schon dramatische, um nicht zu sagen tragische Dimensionen annimmt.
Eine alte XT in einigermaßen originalem Zustand hieß es in der Anzeige. Stand lange trocken in einem Schuppen und war bis dato, also zum Zeitpunkt des Abstellens, noch gelaufen, hieß es weiter. Auf Nachfrage per E-Mail bestätigte der Verkäufer die Originalität und dass die Maschine noch gelaufen sei und jetzt wohl wegen verharztem Vergaser nicht mehr anspringe (Ist euch auch schon aufgefallen, dass in Beschreibungen immer von Vergaserreinigung gesprochen wird, wenn der Verkäufer sein Moped nicht mehr in Gang bekommt, weil es schlicht und ergreifend hinüber ist?). Die beigefügten Fotos waren dunkel und wenig aussagekräftig. Aber nach dem E-Mail-Kontakt mit dem Anbieter dachte ich, okay – kann man eventuell was draus machen. Und siehe da, für 750 Euro erhielt ich den Zuschlag.
Und damit nahm das Unheil seinen Lauf!

2. Akt: flaches Land
Da das Motorrad über 200 Kilometer weit weg stand und ich es nicht gleich abholen konnte, bot ich dem Verkäufer an, vorab 250 Euro zu überweisen, um (für ihn) sicherzustellen, dass das Geschäft auch zustande kommen würde.

Erster Fehler – erste Lektion: Überweise im Zweifel niemals auch nur einen Euro für ein Fahrzeug, das du noch nicht gesehen hast!

Als endlich ein Termin gefunden, der Hänger gemietet und ich unterwegs war, meine Neuerwerbung abzuholen, wurde es dann doch recht spät, und ich kam erst im Dunkeln in dem verpoften hessischen Kaff nahe der thüringischen Grenze an. Prompt verfuhr ich mich zwei Mal auf irgend-welchen obskuren Feldwegen ohne Beleuchtung, bis ich einige halb ver-fallene Garagen an einem brüchig betonierten Platz erreichte, eine davon dürftig beleuchtet von einer 25-Watt-Birne. Das sollte die »Adresse« sein.

Zweiter Fehler – zweite Lektion: Hole ein Fahrzeug nie nachts ab, es sei denn, es ist für gute Beleuchtung und robuste Begleitung gesorgt!

Der Verkäufer stellte sich als Kampfanzug tragender Jungspund mit tiefer-gelegtem 3er-BMW und bedenklichem Soziolekt heraus. Und das Motorrad als etwas, das aussah, als wäre es nach einem Unfall im Sumpf versenkt und nach einigen Jahren von der Katze wieder mit hereingebracht worden. Kein einziges Teil schien ohne Mängel. Was nicht durch die kinetische Energie eines Sturzes zerstört war, dem hatte der überall wuchernde Rost den Rest gegeben. Kurz und (nicht) gut: eine einzige Katastrophe!Da ich ja dummerweise schon – ihr erinnert euch – einen Teil anbezahlt hatte und das Geld nicht verlieren wollte, blätterte ich zähneknirschend den Rest in die aufgehaltene Hand und verlud das Moped allein und in der völligen Dunkelheit des hessischen Zonenrandgebiets. Der Verkäufer hatte sich aus dem Staub gemacht.
Obwohl überzeugter Kriegsdienstverweigerer, Altlinker und 80er-Jahre-Demogänger, musste ich an meinen Freund Sergej denken. Er besitzt die Statur eines Klitschko und in etwa die Umgänglichkeit eines sizilianischen Geldeintreibers. Aber leider muss er noch einige Zeit wegen Körper-verletzung brummen – schade.

Dritter Fehler – dritte Lektion: Kaufe niemals ein Fahrzeug beim Glatze und Tarnhosen tragenden Prekariat!

Am nächsten Tag offenbarte sich das Grauen in seiner vollen Härte. Nicht nur, dass tatsächlich kaum ein Teil unversehrt war.

3. Akt: zu Hause
Das Kerzengewinde war praktisch nicht mehr vorhanden, und die Zündkerze ließ sich einfach herausziehen und wieder einschieben – dieser Motor konnte so nie gelaufen sein, nie (...von wegen verharzter Vergaser!).
Ich gebe also hiermit auf, verbuche das Ganze unter hinzugewonnener Lebenserfahrung und biete den unsäglichen Teilehaufen erneut an – für jemanden mit höherer Leidensfähigkeit, als ich sie besitze.
Lässt sich irgendetwas Nettes zu dieser XT sagen? Es fällt mir schwer. Ach ja, der Tank hat keine Beule (aber innen jede Menge Rost), und der Motor scheint auf zwölf Volt umgerüstet zu sein. Zumindest ist ein Zwölf-Volt-Regler im völlig verbastelten »Kabelbaum« verbaut.
Außerdem gebe ich noch einen fast kompletten XT-500-Motor mit dazu – wegen des defekten Kopfs und damit es mir auch so richtig weh tut.
Nochmals in aller Deutlichkeit: Kein vernünftiger Mensch, der seine Sinne auch nur halbwegs beisammen hat, käme auf die abwegige Idee, aus diesem unsäglichen Fragment ein funktionierendes Motorrad aufbauen zu wollen! Dieses Motorrad ist ausschließlich zum Ausschlachten geeignet! Hab’ ich mich klar genug ausgedrückt?

Epilog
Lehrgeld bezahlt, Lektion gelernt (zumindest bis zum nächsten Schnäppchen). Wenn das Teil verkauft ist, besorge ich mir eine Bahnfahrkarte von dem Geld (Motorrad hab’ ich ja nun nicht) und besuche Sergej mal wieder im Knast.

Anmerkung der Redaktion: Björn hat die XT mittlerweile verkauft. Der Höchstbietende wusste, worauf er sich einlässt.

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