Zahn um Zahn––––– (Archivversion) Zahn um Zahn–––––

So langsam könnte der umweltfreundlichere und pflegeleichte Zahnriemen die Rollenkette ablösen.

Noch Ende der achtziger Jahre waren Kettenbrüche mit fatalen Folgen und Laufleistungen unter 5000 Kilometer keine Seltenheit. Erst die Einführung dauergeschmierter O-Ring-Ketten mit mit einer Lebenserwartung von über 30000 Kilometern machten den offenlaufenden Antrieb auch für starke Bikes akzeptabel. Allerdings wird eine ordentliche Laufleistung nur bei bester Pflege, also regelmäßigem Nachspannen und Schmieren, erreicht. Eine Alternative zur Kette ist der Zahnriemen. Die Vorteile:- keine Schmierung notwendig - sehr geringe Längung über die gesamte Lebensdauer- geräuscharmer Lauf - geringes Gewicht- weiche Kraftübertragung. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. So reagiert der Zahnriemen, der aus einem Nylon-Gürtel mit Verzahnung und innenliegenden, hochfesten Kevlarfäden besteht, sehr empfindlich auf starke Biegung. Aus diesem Grund muß das vordere »Zahnrad« im Durchmesser deutlich größer ausfallen als das Ritzel der Rollenkette. Auch Fremdkörper wie Schotter oder Split können, zwischen Riemen und Antriebsräder eingeklemmt, Kevlarfäden oder Zähne beschädigen. Ein weiteres Problem ist, daß sich die Riemenspannung beim Einfedern verändert. Anders als die Kette benötigt der Zahnriemen aber für problemlose Funktion eine möglichst gleichbleibende Spannung.So ist es nicht verwunderlich, daß die Motorrad-Hersteller bislang nur in Ausnahmefällen auf den Zahnriemen zurückgegriffen haben. Würden jedoch die Anforderungen bereits bei der Grundkonstruktion von Motor und Fahrwerk berücksichtigt, ließen sich diese Probleme auch bei sehr leistungsstarken Motorrädern aus der Welt schaffen. Einen ersten Ansatz dazu liefert die kleine Motorrad- und Ideenschmiede V&H, die bereits 1990 eine Yamaha FZR 1000 erfolgreich auf Riemenantrieb umrüstete (Foto unten rechts). Im Prinzip funktionierte der Antrieb auch bei der Sportstar Touring gut, weil diese von Haus aus gute Anlagen mitbringt (lange Schwinge und kurzer Abstand zwischen Ritzel und Schwingendrehpunkt). Daß der Riemen nach 3500 Versuchskilometern unter extremster Belastung (Vollgasprüfstandsläufe und Beschleunigungsmanöver mit Über- und Unterspannung) dennoch gerissen ist, lag am noch zu klein bemessenen Abtriebsritzel aus Aluminium, das mit seinen eingelaufenen, scharfkantigen Zahnspitzen den Riemenkörper buchstäblich durchgeknabbert hat. Eine verbesserte Version aus Stahl mit größerem Durchmesser ist bereits in Arbeit.Keine böse Überraschung gab’s bei der durchgeführten Nahfeld-Geräuschmessung auf dem Rollenprüfstand (Phonmeßgerät in einem Meter Abstand zum Hinterrad). Hier erwies sich der Zahnriemen als deutlich überlegen. Speziell im Geschwindigkeitsbereich unter 100 km/h lief er mit 76 dB (A) um gut 8 dB (A) leiser als die Vergleichsmaschine mit neuer, optimal gespannter und geschmierter O-Ring-Kette. Eine Eigenschaft, die hinsichtlich der zu erwartenden strengen Lärmbestimmungen der nächsten Jahre immense Bedeutung hat. Doch nicht für alle Maschinen ist der Zahnriemen geeignet. Enduros, die extremer Verschmutzung ausgeliefert und mit langen Federwegen versehen sind, oder Sport- und Rennmaschinen, die einen schnellen Wechsel der Sekundärübersetzung erfordern, kommen kaum in Frage. Für Allrounder, Tourer, Naked Bikes und Cruiser dagegen ist der Zahnriemen sicherlich ein zukunftsträchtige Alternative. Und es ist nicht aus der Luft gegriffen, wenn MOTORRAD damit rechnet, daß im Modelljahr 2000 oder 2001 einige neue Mittelklassemaschinen damit ausgerüstet sein werden. Die Kosten, so eine grobe Schätzung des Riemenherstellers Gates, dürften auf dem Niveau einer qualitätiv hochwertigen O-Ring Kette liegen. Eine Umrüstung von Kette auf Zahnriemen ist derzeit nur mit viel Aufwand zu bewerkstelligen. Bei V&H in Oldenburg sind zwar einige Umrüst-Kits in Planung, doch eine Markteinführung ist noch ungewiß. Etwaige Anfragen können deshalb bei V&H auch noch nicht beantwortet werden. MOTORRAD bleibt aber am Ball und wird kontinuierlich über den Entwicklungsstand in Sachen Zahnriemenanrtieb berichten.

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