Zündfunke (Archivversion) Das Schweigen der Hämmer

Im Jahr 2015 dürfen Motorräder gar keine Geräusche mehr verursachen. Rolf Henniges zeichnet ein leises, aber schauriges Szenario.

Berlin, 3. Juni 2015. Heute, an meinem 50. Geburtstag, sind alle meine Wünsche in Erfüllung gegangen. Ich habe einen Gutschein für drei Besuche im Soundmuseum bekommen. Darüber hinaus »Single-Hits«, die komplette Sammlung des Einzylindersounds. Aus den Vierzigern bis spät in die achtziger Jahre. Auf DVD und in Stereo. Was waren das noch für Zeiten! Wir hätten von Anfang an demonstrieren sollen. Haben die Zeichen der Zeit jedoch ignoriert. Begonnen hatte alles in Kalifornien. Damals, als zu Beginn der 80er Jahre aufgrund restriktiver Abgasvorschriften die ersten Sekundärluftsysteme (SLS) verbaut wurden. Die Schweizer, begeisterungsfähig und umweltfreundlich, verordneten ihren Töffs ebenfalls SLS. Und schleppten die Seuche nach Europa ein. Kastrierte Bikes, wohin man sah. Denn wo vorher knappe 100 Pferde galoppierten, trabten nachher gerade mal deren 80. Gut, das hat die Industrie in den Griff bekommen. In den frühen Neunzigern gab es trotz SLS und drastischer Senkung des Geräuschgrenzwertes von 82 auf 80 dB ausreichend Leistung. Aber mal ehrlich, von Sound konnte schon damals keine Rede mehr sein. Es kam, wie es kommen musste. Wir alle sahen zu und diskutierten zwar, ließen uns aber brav zur Schlachtbank führen. Euro 1-Norm im Jahr 1999. Euro 2: 2004, Euro 3: 2006. Die Welle geregelter Katalysatoren mit SLS hatte uns überrollt. Auch die Leisetretern kamen voll auf ihre Kosten. Eh wir uns versahen, waren 76 dB Pflicht. Und Schlagzeilen wie diese keine Seltenheit: »Großmutter von rasender Honda erlegt – der Tod kam schnell und leise.« Daraufhin wurden ab 2007 skurrilste Vereine gegründet. Die Zeitschrift Eltern rief die Initiative »Sound für Kinder« ins Leben, sogar der Bund für Naturschutz forderte mehr Lärm mit der Kampagne: »Rettet die Hasen –offene Rohre für jedermann.« Dem Thema nahm sich auch die erste, im selben Jahr gegründete Soundpartei Deutschlands an. Havarierte bei den Bundestagswahlen im Jahre 2008 jedoch im stürmischen Meer der Politik. Diese konterte mit Euro 4 im Jahre 2010 und 74 dB.Um diese Vorgaben zu erreichen, musste die Industrie tief in die Trickkiste greifen: Auspuffanlagen groß wie Kaiserpinguine, gekapselte, wassergekühlte Motoren, leise Zahnriemen für Motorsteuerung und Antrieb oder ölgedämpfter Kardan, aerodynamische Konturen sowie Vorschalldämpfer für die Ansaugluft wurden Pflicht. Das Resultat: Jedes Bike sah gleich aus. Die Zubehörindustrie boomte, die Tüftler hatten Hochkonjunktur. Gern erinnere ich mich an die ersten Stationärmotor-Sozias. Sicher, jedes dB über Grenzwert kostete 3000 Euro Strafe. Doch das galt nur fürs Motorrad. Also schraubten wir per zweitem Gaszug angesteuerte Uraltmotoren auf die Rückbank. Einfach zum Genuß. Denn nirgendwo stand geschrieben, dass Gepäckstücke leise sein müssen.2014 hörte der Spaß auf. Mit der Einführung von Euro 5 begann der Siegeszug der Elektromotoren. Keine andere Lösung erfüllte die geforderten 70 db. Das große Sterben begann. Die vier Japaner fielen dem Pleitegeier zum Opfer, der neue Star aus Fernost hieß Sony. Und präsentierte auf der Intermot in Berlin das erste vollgekapselte, elektrisch angetriebene Sportmotorrad. Die traditionelle Marke aus München wurde von der neuen Konkurrenz aus Stuttgart verdrängt. Nahezu 100 Jahre hatte man sich in Bayern damit aufgehalten, den Boxermotor über die Euro-Hürden zu hieven und auf Innovation verzichtet. Mercedes baute kurzerhand den Scheibenwischermotor ihres neuen SEK in ein Karbonchassis mit zwei Rädern – es wurde das erfolgreichste Bike des Jahres. Nun gut. Liebes Tagebuch, ich muss los. Will noch kurz mit den Kumpels ins Soundmuseum. Die Sechs-Zylinder-Honda von 1966 und die Drei-Zylinder-MV aus dem Jahre 1971 sollen angekommen sein. Gegen zehn Euro darf man eigenhändig in der abgeschirmten Halle drei Minuten lang Gas geben. Und bekommt mit viel Glück noch einen Ohrgasmus.

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