Zündfunke (Archivversion) Ist er zu stark, bist du zu schwach

Dieser Werbeslogan zirkuliert in Kradlerkreisen, wenn es um den Charakter eines Motorrads geht. Die Maschine als Freshmaker, als Bikerman’s Friend?

Zwei in einer Zelle. Nicht Gummi. Telefon! Sie schiebt sich ein Fisherman’s rein, reißt das Maul auf, und er, eben noch schmachtend, wirbelt im Orkan eines superben Frischeschocks auf Nimmerwiedersehen davon. Was für ‘ne Message will dieser Spot rüberwachsen lassen? Nun, die dümpelt, wie sich’s für Werbliches gebührt, in den Niederungen signifikant dämlicher Eindeutigkeit dahin: Leute, merkt’s euch, das Zeug ist hard stuff. Für echte Kerle, taffe Weiber. »Ist es zu stark, bist du zu schwach.« Der frische Atem dieser Lebensweisheit der eher simpel gestrickten Art weht auch in die Sphären des Motorrads herüber: Weicheier, macht gefälligt einen Bogen um Maschinen mit Charakter, die sind für euch viel zu stark. Dabei spielen Pferdestärken nur eine Nebenrolle. Entpuppte sich doch ausgerechnet eine Hayabusa nach alle dem Wind, den den Sensationspresse um den PS-Protz mit seinen fabulösen 300 km/h aufgewirbelt hatte, letztlich als ein Motorrad, das brav und gesinnungslos spurt. Das Perfekte, so scheint’s, entpuppt sich als der Herausforderung ärgster Feind und des Durchschnittlichen Busenfreund. Ist es zu willig, ist es dir zu billig. Deshalb stehen gekräderte Helden auf eigenwillige Böcke, auf Motorräder eben, von denen es heißt, dass sie Charakter hätten. Die reizen ungemein - dieser Widerspenstigen Zähmung wegen. Solchen Diven heißen Ducati - desmodromisch zwangsgesteuert und motorisch also schwer neurotisch. Oder Moto Guzzi - wechselt bei jedem Schalten die Last. Last order, please. Oder Harley-Davidson - wenn Engel reisen. In die Hölle antiquierter Technik. Oder ...Obwohl die Dinger also irgendwie allesamt eine Macke weg haben, gelten sie als schwer charaktervoll. Die Chose läuft, wenn’s um Exemplare der menschlichen Spezies geht, übrigens so ähnlich ab. Am deutlichsten zu beobachten am Theater: Mimt da einer ’nen komischen Alten, der die Angewohnheit hat, gebündeltes Bares in einen Strumpf zu stopfen, darf er sich allen Ernstes Charakterdarsteller nennen.Auch die Charakterdarsteller unter den Motorrädern dürfen so einiges: Öl verlieren zum Beispiel, eine der einfachsten Möglichkeiten, seine Spuren in der Weltgeschichte zu hinterlassen. Oder sie protzen mit hakeligem Getriebe. Eine Auszeichnung wahrlich, weil’s nichts Öderes gibt, behaupten Motorrad-Charakteriologen, als eine Welt, in der alles läuft wie geschmiert. Und wie steht’s dann um Maschinen, die einfach nur fahren, fahren und fahren? Alles charakterlose Gesellen, oder was? Gemach. So urteilt nur, wer Charakter mit Marotte verwechselt und menschliche Eigenschaften stumpf auf eine Maschine überträgt. Und so denkt nur, wer Charakter für das Ursprüngliche, das eine Person oder ein Ding Prägende hält, letztlich also für etwas Angeborenes oder der Technik bereits in der Fabrik Implantiertes. In welches Fahrwasser solche Charakter-Köpfe geraten können, hat unlängst eine deutsche Fürstin in der Glotze demonstriert, als sie kess behauptete, der Schwarze an sich neige nun mal zum Schnackseln und müsse sich also nicht wundern, wenn ausgerechnet unter Seinesgleichen AIDS gar fürchterlich grassiert.Charakter, so volksdümmlich gesehen, tendiert verschärft in Richtung Dumpfsinn oder zuckelt, ökonomisch und sprachlich verfeinert, gen Marketing. Dann nämlich, wenn Schwächen als liebenswerte Stärken verkauft werden. Was dem, der damit umzugehen, die daraus resultierende Herausforderung zu meistern weiß, natürlich einschmeichelt, er sei ein Spitzentyp. Ein kernigerer Motorradfahrer jedenfalls als der Langweiler auf seiner ebenso kommoden wie unverwüstlichen Transalp. Ist sie zu schwach, ist er zu stark. Ein schönes Gefühl, aber auch ein trügerisches. Und eins, das Charakter mit Selbstinszenierung verwechselt. Denn ein Motorrad, das Tag für Tag seine Dienste tut, besitzt für jemanden, dem es nur auf eins ankommt, aufs Fahren, aufs Unterwegssein, aufs Genießen von Land und Leuten, mindestens genau so viel Charakter wie der hypernervöse Rennhobel für den enthusiasmierten Speedfreak.Ist es zu stark, bist du noch lange nicht zu schwach.

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