Zündfunke (Archivversion) Staatsgast in Österreich

Die Gendarmerie der Alpenrepublik kümmert sich gar aufopferungsvoll um ihre gekräderten Besucher und definiert den Begriff »Gastfrendschaft« neu.

Bin ich denn ein Staatsgast? Geschlossener Polizisten-Bestand schon in Innsbruck, entlang der Ausfallstraße Richtung Arlberg, geschlossener Gendarmen-Bestand jetzt außerorts, eine regelrechte Gendarmen-Allee. Dabei haben wir noch nicht einmal Mitte Februar, also können die nicht alle auf uns Motorradler warten, denn so geschlossen wie die sind wir ja um diese Zeit noch nicht. Demnach muss ich ein Staatsgast sein, jedenfalls tun die Beamten so, als filmten sie mich. Ausnahmsweise aber nicht mit der Laserkamera, sondern mit Videokameras. Muss abends schauen, ob sie mich im Fernsehen bringen.Ja, wohl behütet fährt es sich in Österreich. Jeder Motorradfahrer ein Staatsgast, allerdings muss er für die Behütungskosten selbst aufkommen. Die holt sich das Behütungsorgan etwa auf der Brenner-Bundesstraße, an deren Böschungen es in hohlen Bäumen lebt und nach Staatsgästen Ausschau hält. Immer erfolgreich, fallen diese doch auf zwischen all den Wohnwagengespannen und Sattelschleppern. Und tut’s der Statsgast ausnahmsweise mal nicht, weil er, einem entgegenkommenden Fernlastzugchauffer auf die Böschung ausweichend, leider zu langsam auf die Linse zugefährt, lässt sich immerhin noch ungestümes Verhalten attestieren. Das Einkassierorgan, als welches sich das vormalige Behütungsorgan, das dem Baum entstiegen ist, nun entpuppt, rechnet und rechnet, dann droht es mit einer Anzeige für den Fall des Nicht-Bezahlens. Einst knapp südlich des Brenners auf dem Weg nach Norden. Ich fuhr nicht schneller als erlaubt, dem Tiroler Auto-Drängler hinter mir aber zu langsam. Dort, wo es eng genug war, überholte er mich und gaste an, was das Zeug hielt. Ich erspähte nur mehr seinen aus dem Fenster gestreckten Mittelfinger. Ich trödelte weiter, und kurz vor der Grenze traf ich auf eine Kolonne, die ich leichten Herzens rechts liegen ließ. Im Rückspiegel aber, meinem Kino für Gruselfilme, sah ich den Tiroler von vorhin ausscheren. Er wollte mich noch einmal stellen. Auf dem Brenner ruhen viele Kanaldeckel gelassen im Asphalt. Ich tat, was ich dort immer tue: Slalom fahren, um dem Gerumpel zu entgehen. Im Kino beobachtete ich, wie sich mir der Tiroler näherte, mit 100 im Ortsgebiet. Als er fast an mein Motorrad andockte, konnte ich sehen, wie er sein Handy zückte. In Steinach dann ein Staatsempfang für mich, initiiert von einem Gendarmen, der mangels hohler Bäume aus dem toten Winkel in meine wohl kalkulierte Linie sprang, um mir mit weit offenen Armen seine Behütungsabsicht zu signalisieren. »Sehr nett«, dachte ich, »Alkoholkontrolle«, sagte er. Ich sei, so habe man ihn telefonisch informiert, betrunken unterwegs, weil Schlangenlinien fahrend. Und er freue sich auf die Anzeige, aber die zeigte nur 0,0 Promille an. So musste er mich ziehen lassen und tröstete sich wohl mit der Gewissheit, dass die Deutschen schon noch kommen und an der stehenden Kolonne vorbeifahren würden, die er durch Schaltung der Ampel auf immer währendes Rot in die Wipptaler Welt zu setzen beabsichtigte. In Gedanken sah ich den Gendarmen bittere Tränen weinen, würde ihn sein strebsamer junger Kollege knapp vor dem Amtshandeln in die traurige Gegenwart zurückmahnen, in der das Vorbeischwindeln an stehenden Kolonnen gar kein Vorbeischwindeln mehr ist, sondern ein durch und durch legales Vorbeifahren. Und der Gendarm sah sich schon degradiert, aus der Steinacher Zivilisation zurückversetzt in einen hohlen Baum weit drunten an der Brenner-Bundesstraße.Übrigens, die Abend-Nachrichten belehrten mich: Nicht mir hatte der Gendarmen-Auflauf auf meiner Früh-Februar-Ausfahrt gegolten, sondern einem gewissen Herrn Putin, der Tags darauf nicht mehr wusste, wie ihm geschah, als ihn Herr Bundespräsident Klestil anlässlich eines österreichischen Ski-WM-Sieges auf dem Arlberg aus heiterem Himmel herzte.

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