Zündfunke (Archivversion) Ich leide, also bin ich

Der Beste soll gewinnen. Von wegen. Schön wird’s erst, wenn der Beste auch der Richtige ist. Über die Freuden und Leiden, Fan zu sein.

Von Fred Siemer

Mein erster Besuch bei den Scottish Six Days, der traditionsreichsten Trial-Veranstaltung dieser Welt, ging einher mit dem sensationellen Debüt eines jungen Mannes aus Yorkshire. Drei Tage lang sah es danach aus, als könne er die Etablierten dieses Sports bedrohen, am Ende reichte es immerhin zum sechsten Platz: bester Rookie aller Zeiten. Der Junge schaute sich beinahe schüchtern die Wege eines Steve Colley oder Steve Saunders an, grinste verlegen, wenn ihn nach einer Null tosender Applaus aus einer Sektion verabschiedete. Als er am Ende vom Offiziellen des Edinburgh and District Motor Club einen Pokal in die Hand gedrückt bekam, trug er Rot. Im Gesicht. Doug Lampkin – jüngster Aktiver einer glorreichen Trial-Dynastie, aber so weit weg von allen Starallüren, dass er genau deshalb für viele zum Star wurde. Mich eingeschlossen.Diese Identifikation hat manches verändert. Seit Eddie Lejeunes Zeiten ging ich erstmals wieder voreingenommen zum Trial. Und für Lejeune hatte ich nur deshalb die Daumen gedrückt, weil er mit seiner heiklen Viertakt-Honda den Zweitaktern ein Schnippchen schlug. Bei Lampkin war mir ziemlich egal, was er fuhr, Hauptsache, der Junge gewann. Tat er ja dann auch bald: Schon in der folgenden Saison zeigte er sich fahrerisch deutlich verbessert, ergänzte seinen geschmeidigen Fahrstil durch eine gute Portion Kraft. Gemessen an den Besten fehlte ihm noch Routine, er meisterte zwar die unmöglichsten Sachen, kassierte aber reihenweise Punkte für Flüchtigkeitsfehler, und ich fragte mich bang, ob ihm das ewige Geschrei seines Vaters Martin – selbst ehemaliger Weltmeister und als Wasserträger stets dabei – helfen könnte, auf die sichere Seite zu kommen. Im nächsten Jahr kreisten meine Gedanken um die Sorge, ob Lampkin nicht zu verbissen fahre. Jedenfalls legte sein Gesichtsausdruck diese Vermutung nahe: Was andere mit stoischen Mienen erklommen, das zauberte ihm die merkwürdigsten Verzerrungen ins Gesicht. Tröstlich immerhin, dass auch der Champ dieses Jahres, Marc Colomer, zu den Radikal-Mimikern zählt.Der Fan sieht mehr. Bei seinem Idol, aber auch bei allen, die ihn bedrohen oder noch vor ihm liegen. Er weiß genau, in welchem Streckenabschnitt durch welche unglücklichen Umstände der Sieg, die gute Platzierung verloren ging. Warum wer durch welches Material bevorzugt ist. Im besten Fall lernt der Fan mit seinem Idol: Lampkin und ich trainierten punktgenaue Landungen, ich im Geiste und er in Praxis, und mittlerweile sind wir beide unerreichte Spitze. Der Mann kann scheinbar unter jeden Stein gucken, die Reibwerte von losem Kiesel über vermooste Baumstämme bis zu rauem Fels noch im Anflug hochrechnen. Dann steht er vor dem nächsten Klotz, die gebannten Zuschauer gedenken all der vor ihm Gescheiterten, und nur ich weiß, dass er seinen Gasstoß wieder mal genau dosieren wird. Nur ich weiß, dass niemand die Motorkraft besser im Griff hat als er. Na gut, ein paar andere ahnen es wohl auch.Denn schließlich ist Lampkin mittlerweile Dauerweltmeister. In- und outdoor. Was das Dasein als Fan gelegentlich etwas peinlich macht. Erinnert an meinen kleinen Neffen, dessen liebster Fußballverein nicht selbstverständlich Werder Bremen heißt, sondern je nach Tabellenstand variiert. Aber da muss man durch, und zwar ohne jedes Den-hab’-ich-schon-als-Youngster-gekannt-Gebrabbel. Leidenschaft kennt weder Begründung noch Entschuldigung. Aber Fairness, und deshalb bin ich Lampkin dankbar, dass er gelegentlich sogar verliert. Weil es ihn daran hindert, womöglich doch noch eingebildet zu werden, und mich an der totalen Fixiertheit. Fairness war, den jungen Japaner Fujinami wirklich als Bedrohung zu betrachten. Fairness ist auch, damit zu rechnen, dass der Champ in ein, zwei Jahren wohl Cabestany heißt und wieder aus Spanien kommt. Vielleicht auch erst in drei oder vier.

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