Zündfunke (Archivversion) Die verkehrte Welt

Kawasaki stellt die Welt auf den Kopf. Und animiert den Schrifsteller Heinrich Steinfest zu einem Traum über Freiheit, den Geist der Maschine und Körpergeruch.

»Na so was«, dachte sich Gregor angesichts von Kawasakis neuer Werbung, die eine auf den Kopf gestellte Welt zeigt, in der sich Motorrad und Fahrer als Einzige aufrecht halten, sich als Einzige im Einklang mit einer neuen Physik befinden. Die den Motorradler des profanen Straßenverkehrs enthebt, indem sie ihm auf seiner Unterseite unbegrenzte Freiheit gewährt. Was Gregor vor allem erstaunte, war der Umstand, dass er einige Nächte zuvor in einen Traum geraten war, der exakt in einer solchen, zu ihrem Spiegelbild verwandelten Welt stattgefunden hatte, gerade so, als sei diese Werbung eine Vergegenständlichung seines Traums. Welcher nun überdeutlich vor Gregors Augen ablief: Er gleitet, so als sei es das Normalste auf der Welt, unter einer Hochstraße dahin. Gregor sieht hinüber zu den leuchtenden Hochhäusern, von denen man meinen könnte, sie würden aus dem nachtdunklen Himmel herauswachsen. Durch den Beton hindurch spürt er den Verkehr unter sich, den Verkehr der anderen. Er ist begeistert ob des Umstandes, dass ja nicht bloß die gesamte Architektur, sondern auch der gesamte Autoverkehr auf dem Kopf steht.Dazu kommt, dass Gregor eine gewisse Belebtheit seines Motorrads registriert, womit nicht gemeint ist, die Scheinwerfer seien zu Glupschaugen mutiert, nein, was er spürt, ist der Geist, der in dem motorisierten Zweirad steckt. Gregor wittert die Denkfähigkeit dieser Maschine. Und während er weiterhin auf eine elegante, fließende Weise zwischen den Betonpfeilern hindurchfährt, versucht er quasi in dieses Motorrad hineinzuhorchen, nicht in das Geräusch des Motors, sondern in das Geräusch der Seele. Wobei er davon ausgeht, etwas Wesentliches zu hören zu bekommen. Keine Bemerkungen über Fahrwerksabstimmung oder Ventilerhebungskurven, vielmehr eine Aussage, die dem puren, reinen Intellekt einer Maschine entspricht. Und eine Erkenntnis beinhaltet, die den Menschen bisher nicht zugänglich gewesen war.Erstaunlicherweise ist sich Gregor durchaus im Klaren darüber, dass er träumt, was aber nichts an der realen Qualität der Situation ändert. Anschaulicher und wahrhaftiger kann keine Wirklichkeit sein: Alles um ihn herum ist glasklar. Wie auch die Stimme, die nun aus der Tiefe dieser Motorradseele nach oben treibt. Es handelt sich nicht um irgendeine brummige oder heisere Männerstimme, sondern um ein geschlechtsloses, präzises, dabei überaus elegantes Organ. Die Stimme dringt überdeutlich in Gregors Gehörgang ein: »Es reicht, Gregor. Du bist ungewaschen, stinkst nach Schweiß und hast Übergewicht.«»Bitte?«»Das weißt du doch selbst, oder?«Natürlich weiß er das selbst. Aber es ist eben bei weitem nicht das, was Gregor zu hören hoffte. Auch deprimiert es ihn, dass sich ein vernunftbegabtes Gefährt um derart Banales wie die Körperhygiene seines Fahrers kümmert. Gibt es nichts Wichtigeres? Noch dazu in einer verkehrten Welt? In einer Welt, in der ein Motorradfahrer die Freiheit besitzt, auf den vollkommen leeren Unterseiten von Brücken oder Vorbauten dahinzurauschen.Gregor ist verärgert. Er kann Hinweise auf seine Körperfülle nicht ausstehen. Auch wenn sie von einem Motorrad kommen, dem er zwar ein philosophisches Denken zugesteht, nicht aber beleidigende Kommentare.»Ich sollte dir das Schutzblech herausreißen, du vorlautes Stück Eisen«, schnaubt Gregor, nimmt sich aber sogleich zurück. Es erscheint ihm nicht opportun, ausgerechnet einer urteilsfähigen, überaus kräftigen, möglicherweise sogar launischen Maschine zu drohen. Eine Entschuldigung murmelnd, gibt er Gas und beugt sich nach vorn; ist also darum bemüht, nicht weiter wie ein träger Sack auf dem Gerät zu hocken.»Na denn«, sagt die Maschine und tut das, wofür Gregor sie so sehr liebt. Dass sie die Verhältnisse auf den Kopf stellt, auch und ausgerechnet mit einem miefenden Motorradler in nie enden wollenden traumhaften Kurven.

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