Zündfunke (Archivversion) Wie die Alten sungen

Die Motorradszene hat geschafft, wofür sie jahrelang kämpfte. Aus der bösen Ecke ist sie raus. Der Nachwuchs findet das schon lange zum Gähnen.

Christian ist ein Held. Ein Held der Jugend. Seine Qualität: soziale Unverträglichkeit. Nachgewiesen in der Abgeschiedenheit eines Wohncontainers in Köln-Hürth, transportiert über Breitbandkabel und Satellit in jeden Haushalt Deutschlands und vergoldet mit ein bisschen Geträller über das, was alle ahnten. Sein Song »Es ist geil, ein Arschloch zu sein« fegte in den Charts von null auf eins. Der brave Bürger schüttelt den Kopf, wird zum Apokalyptiker. Sieht den Untergang des Abendlandes gekommen, weil Moral und Anstand den Bach runtergehen. Was das alles mit dem Motorrad zu tun hat? Jede Menge. Weil Motorradfahrer zu jenen gehören, die die Welt nicht mehr verstehen. Weil Motorradfahrer brave Bürger sind, Skeptiker, Schwarzseher. Und sie haben sogar Recht. Jedenfalls, wenn’s um den Fortbestand der Szene geht. Da wächst wenig nach. Denn welcher Jugendliche möchte schon seinem Vater, Lehrer oder Chef am Bikertreff begegnen? Wie konnte das passieren? Wieso bedeuten zwei Räder nicht mehr den direkten Weg hinaus aus den bürgerlichen Konventionen und mitten hinein in eine Sphäre, die Steppenwolf für ewig mit »Born to be wild« glorifizierte, die Abenteuer pur versprach? Weil es eben nicht für ewig war. »Easy Rider« ist lange her, und die Rebellen von gestern sind das Establishment von heute. Nicht weiter schlimm, für sich genommen. Der Gang der Dinge. Man arrangiert sich halt. Dumm ist nur: Sie bezogen das Motorrad in dieses Arrangement mit ein. Was aber sollen jugendliche Aufbegehrer davon halten, wenn selbst Hardcore-Rocker sich beim Aufmöbeln ihrer Harley zuerst nach der Eintragungsfähigkeit ihrer verchromten Huphuze erkundigen. Was davon, wenn der Sportfahrer sich ohne Kevlar-Titan-Protektorenkombi nicht einmal zur Sitzprobe in die Garage traut. Was davon, wenn die Fachpresse nur hinter vorgehaltener Hand darüber tuschelt, das mitunter auf der Landstraße durchaus mehr als gesetzeskonforme 100 km/h anliegen. Dass all das ja sehr vernüftig sei, der Gesundheit, einem langen Leben und der Umwelt diene? Wohl kaum.Das Gegenteil ist der Fall. Beispiel gefällig? Die einzige Gelegenheit in jüngerer Vergangenheit, bei der ein Motorrad die Aufmerksamkeit der Massen erregte, war die Hayabusa des Toni Mang. Schwupps, vorbei an den Blechkarossen auf der dritten Spur. »Skandal«, schrie die Szene, sah den mühsam aufpolierten Ruf ruiniert. »Geil«, staunte der jugendliche Aushilfstankwart mit strahlenden Augen. »Ist sie das«? Nicht die, die 175 PS hat und unter neun Sekunden auf 200 km/h beschleunigt und 300 fährt. Sondern jene, mit der man so trefflich Gesetze brechen kann und auf der man den drohenden Sanktionen durch bloßes Gasgeben entkommt. Aber auch jene, die ihre Macher prompt einbremsten. Nicht, weil 299 deutlich langsamer als 300 sind. Sondern, weil es politisch korrekt ist. Aber eben auch gähnend langweilig. Spannend ist anders. Spannend, ja fazinierend ist es, Tabus zu brechen, statt immer neue zu installieren, selbst – oder besonders – wenn es gegen jede Vernuft geschieht. 1969 reichte dazu eine schäbige Harley. Weil Motorräder unvernünftig waren und Peter Fonda und Dennis Hopper in den Augen der braven Bürger schlicht Penner, Gammler, Asoziale. In den Augen ihrer Anhänger waren sie Helden.Im Jahr 2000 taugt zum selben Zweck nicht mal mehr eine Hayabusa. Weil Motorräder nicht mehr das Instrument sind, um aufzubegehren, sondern so stromlinienförmig in das gesellschaftliche Leben integriert sind wie ihre Besitzer. Aber auch denen wäre zu wünschen, dass sie ab und an mal ihre gesammelten Konventionen über Bord werfen. Das würde der Szene gut tun – und vielleicht den einen oder anderen Jüngeren überzeugen, dass es nicht nur geil ist, ein Arschloch zu sein. Motorrad fahren tut’s auch.

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