Zündfunke (Archivversion) Wenn die Gondeln Trauer tragen

Allzu oft hält die Aura faszinierender Motorräder nur kurz, und im Alltag folgt das böse Erwachen. Über den Ärger, dass tolle Form und solide Technik bei Motorrädern nicht immer gemeinsam an Bord gehen.

Schönheit ist vergänglich, weiß jeder. Muss aber nicht schon ab Werk sein. Weshalb der leidenschaftlichen Begeisterung über mutiges, radikal-kreatives Design oder einen leicht bauenden technischen Geniestreich oft die bange Frage folgt: »Tolles Teil, aber hält es auch?« Schön und solide, geil und praktisch, grazil und robust – in der Umgangssprache sind das nun mal Gegensatzpaare.Zum Glück macht Liebe bekanntlich blind. Die oder keine. Doch irgendwann schlägt jeder mal die Augen auf. Erkennt die kleinen Fehler und Schlampigkeiten. Die müssen der Leidenschaft fürs edle, wahre und schöne Bike keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: Ideale langweilen nach einiger Zeit. Ohne Reibungen, ein bisschen Zoff und Stress geht nichts voran. Es sei denn, diese Scherereien nerven zu sehr, dann machen sie das Ganze kaputt, und er ist versperrt – der goldene Mittelweg zwischen Passion und Vernunft, der im bürgerlichen Leben in die Ehe führt. Beispiele gefällig? Zuerst ein weit hergeholtes. Ausgerechnet aus Japan, wo Perfektionisten Motorräder bauen. Aber auch die gerieten schon öfter in schwere See, sobald sie zu heftig Kurs in Richtung Faszination nahmen. Wie etwa im Fall der fabulösen Suzuki TL 1000, deren Kinderkrankheiten selbst hartgesottene Fans weich klopften. Oder der grandiosen Adaption eines italienischen Klassikers, Suzukis SV 650. Die läuft und läuft und läuft, aber ihr klemmendes, hakiges Zündschloss ist einfach nur peinlich. Solche Schönheiten, die sich immer mal wieder als rumzickende Spielverderberinnen erweisen, vermutet der Motorradenthusiast ansonsten eher in nichtasiatischen Gefilden. Insbesondere in der Heimat von Armani, Gucci und Konsorten. Elegant, raffiniert, chic – doch wehe die Dinger netzen ein paar Tropfen Regen. Eine Traufe brauchen sie dann nimmermehr. Aber siehe da: Eine der interessantesten italienischen Kreationen der letzten Jahre, Aprilias RSV mille, erwies sich als wahrer Steher, dessen Ausstattung und mechanische Fitness über 50 000 Kilometer im MOTORRAD-Langstreckentest erhalten blieb. Es gibt sie eben doch, diese Partyschönheiten, die am Morgen halten, was sie am Abend versprechen. Für andere dagegen erweist sich das Morgengrauen als Grauen am Morgen, wenn gnadenloses Tageslicht die herrlichen Formen und Züge als kosmetisch aufbereitete Maske entlarvt. Zweirädrige Pretiosen zeigen erst im richtigen Leben ihr wahres Gesicht. Und dieser Alltag besteht aus Laternengaragen, Kaltstarts, Stop-and-go-Betrieb, Gepäck- und Soziustransport. Für viele der attraktiven Zweiradmodels augenscheinlich unter ihrer Würde.Zum zickenmäßigen Standardrepertoire gehören pickelartig aufplatzende Rostnester an fabrikneuen Rahmen, gesehen bei Cagiva Raptor; lieblos angepasste Plastikteile, die sich nach Lust und Laune französisch verabschieden, und das – in Gestalt der Gepäckträger-Abdeckung – ausgerechnet bei einer soliden Bayerin namens BMW F 650 S; Spaltmaße im Designer-Bodywork vom Format des Suezkanals oder kapriziös-rabiates Ansprechverhalten auf Gasbefehle – gell, Navigator.Im fortgeschrittenen Stadium kann es richtig handfest werden. Da nerven Kult-Vibratoren vom Schlage Buell mit losvibrierten Auspufftöpfen, wird ein Ducati-Vierventil-Twin wegen buchstäblicher innerer Verweichlichung bereits im Teenie-Alter zum Infarktpatienten, so geschehen beim MOTORRAD-Langstreckentest der ST4. Und die Moral von der Geschichte? Verdruss mit Kleinigkeiten widerstrebt dem Genuss. Zündschlösser können wie mittig angedrückte Zahnpastatuben sein. Und an denen geht bekanntermaßen jede zehnte Ehe kaputt. Andere freilich halten trotz des Tubenstreits ewig. Weil es gut sein kann, dass des einen zweirädrig Glück unbedingt einen Zylinderwinkel von 90 Grad braucht. Des anderen Seelenfrieden eben ein willfähriges Zündschloss.

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