Zündfunke (Archivversion) Die Welt ist zwei Scheiben

Deutschlands einziger Künstler-MC reiste gen England. Und brachte den ungläubigen Briten bei: Motorradfahren ist Kunst.

Ralph lässt sich und die Guzzi zu Ader. Mit seinem Blut schreibt er »oil«, mit dem Öl »blood« auf ein Stück Papier. Hartmut checkt seine MZ. Tut’s als Perfomance, also als künstlerischen Akt. Und, so sagt er, wieder mal voll im Hier und Jetzt – Anfang September in der Galerie »Cornerhouse« zu Middlesborough. Die illustren Performance-Gäste schauen dieser Kunst, ein Motorrad zu warten, interessiert zu. Einige wagen es sogar, an Hartmuts T-Shirt zu schnüffeln. Zwei Tage getragen, danach als Putzlappen zweckentfremdet, jetzt adrett in der Galerie drapiert. »Das Material für die Aktionen musste ja in die Packtaschen passen«, erklärt Hartmut das etwas Anrüchige seiner Präsentation. Hartmut und Ralph sind Member in Deutschlands einzigem Motorradclub für Künstler, dem MC o.T. Der beim Entree in die englische Szene auf seinen Klassiker verzichten musste – den Kreis. Gezeichnet per Burnout. Gummi auf Parkett. »Zu glatt«, konstatiert Andreas, genannt »der Bär«. Das soll Kunst sein? Maschine putzen, beim Burnout versagen, Blut und Öl spenden. Kann doch jeder. Mag da der ästhetisch kerngesunde Dalí-Reproduktionen-an-die-Wand-Hänger mosern. Doch gemach.1971 war’s, da schleppte ein Kunstlehrer seine Klasse, den Schreiber dieser Zeilen inklusive, in eine Werkschau des Surrealisten. Auf ’nem Podest thronte ein Stuhl, Struktur wie aus Korb geflochten, war aber gegossen aus Stahl. Guter Witz von Dalí. »Wir kennen einen Besseren«, grinsten die Schüler. Hoben das Monstrum vom Sockel, platzierten dortselbst den Hocker des Museumsdieners samt dezent angerotztem Taschentuch. Eine solch infektiöse Schaffensperiode hatte Dali übrigens nie. Was das andächtige Publikum nicht daran hinderte, das Meisterwerk prallsinnig zu studieren. So lange, bis museale Ordnungskräfte die Stühle zurechtrückten, die Kunstwelt wieder in Ordnung war.Die Jungs vom MC o.T. spielen mit dieser Überzeugung, wonach Kunst alles ist, was in Museum oder Galerie steht, hängt, liegt. Und rollen mit voll bepackten Maschinen in die Galerie. Wo der Besucher schöne, wertvolle, repräsentative Gegenstände erwartet. Doch er sieht: Hartmuts MZ, Sebastians BMW R 1100 GS, Ralphs Guzzi, Hannes’ W 650 und die R 100 R vom Bär. Als der MC später losdüst, sind – Performances laufen nun mal so –schwuppdiwupps auch die Ausstellungsstücke weg. »Ready-mades« heißen solche handelsüblichen Gegenstände, die als Kunstwerke firmieren. 1913 stellte Marcel Duchamp, der irgendwie ein bisschen Dada war, ein Fahrrad in ein Pariser Museum. Aus Lust an der Provokation. Flaschenständer und Urinoir folgten. Letzteres zu benutzen - und sei der Druck noch zu groß - hätte freilich kein Kunstbeflissener gewagt. Der Unterschied zwischen Museum und Pissoir – hier wird er offenbar.Jene Aura des Duchampschen Ablassbeckens umflorte auch die Motorräder, die auf der hochgelobten Ausstellung »The Art of the Motorcycle« in den Guggenheim Museen in New York und Bilbao zu sehen waren. Perfekt inszeniert, ausgeleuchtet bis ins letzte Detail, akkurat an Schnüren hängend wie Marionetten. An denen keiner ziehen durfte. Draufsetzen, fahren – undenkbar. Das Motorrad als Statue. Seine Welt ist zwei Scheiben. Mit ‘nem Motor zwischendrin.Nach ihrer Performance starten die Member vom MC o.T ihre Ready-mades der etwas mobileren Art. Touren zum Biker-Treff in Helmsley. »Links, rechts, rauf, runter. Ich war wie in Trance«, schwärmt Hartmut. »Die wahre Inspiration.« Kommt nun mal beim Fahren, nicht im Stehen. Hartmut hat bei seinen Morini und MZ den Motor getauscht. MZ in Morini, Morini in MZ. Noch weiß der Kunstmarkt die Raffinesse dieser Installation nicht zu würdigen. Deshalb fährt sie ihr Schöpfer noch. Zu seinem Vergnügen. Und dem seiner Betrachter. Denn die wahre (Motorrad-)Kunst findet nun mal auf der Straße statt.

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