Zündfunke (Archivversion) Tanke schön

»Gert träumt oft«, stand im Erstklässler-Zeugnis. Daran hat sich vier Jahrzehnte lang nichts geändert. Gert fährt jetzt MV.

Es gibt Entscheidungen im Leben, die wollen reiflich überlegt werden. Da macht es Sinn, sorgsam das Für und Wider abzuwägen, Kosten und Nutzen in Relation zu setzen. Etwa: Diniere ich heute beim Nobelitaliener, oder ziehe ich mir einen Cheeseburger rein? Aber in manchen Situationen sollte, nein, da muss die Entscheidung blitzschnell fallen. Sonst ärgert man sich, und zwar jahrelang. So wie es mir mit der Ducati 916 erging. Bei ihrer Präsentation auf der Mailänder Messe 1992 traf es mich wie ein Hammer: Was für ein glorreiches Design. Und dabei so zierlich und klein!Aber dann der Kardinalfehler: Statt diesen Traum aus Alu und Kunststoff subito zu bestellen, meldete die Vernunft Bedenken an. Ob so ein filigranes Gebilde auch hält? Und billig ist die 916 auch nicht gerade. Außerdem: Wann komme ich, der ich meine Wochenenden fast ausnahmslos mit Cross- oder Super-Moto-Rennen verbringe, denn schon zum Fahren? Zuerst kletterten die Preise, danach waberte das Gerücht, dass eine Hubraum-stärkere Version kommt, gefolgt von Spekulationen über ein völlig neues Nachfolge-Modell. Dennoch: Jedes Mal, wenn mir auf der Landstraße eine Duc begegnete, wurde ich ganz kribbelig. Jedes Mal ein ganz, ganz bisschen weniger. Die Duc kam in die Jahre.Ich hatte mich betrogen um eine Erfahrung der abgedrehten Art. Und ich schwor mir: Wenn mich eine neue Maschine noch einmal dermaßen vom Hocker reißt, dann entscheidet das Herz. 1998, wiederum als Service-Redakteur auf der Mailänder Messe unterwegs. Booaaaahhh, ich konnte es nicht fassen: noch schöner, noch spektakulärer, noch ästhetischer – MV Agusta. Ich stand unter Schock. 60 000 Mark für die streng limitierte Oro. Meldung vom Großhirn: Gedenke deines Kontostands! Papperlapapp. Ich bettelte um einen Platz auf der Warteliste. Gut, dass schließlich nur ganz wichtige Zeitgenossen eine der 200 Oro abbekamen: Ich glaube kaum, dass meine Bank das für diese Herzensangelegenheit erforderliche Verständnis aufgebracht hätte. Aber dafür gehörte ich zu den Ersten, die eine der begehrten Serien-F4 S ihr Eigen nennen durften. Genau so begeisternd, freilich nur halb so teuer. Ans Fahren hatte ich eigentlich weniger gedacht, schließlich stehen in meiner Garage noch ein paar Motorräder rum, denen ich die Beschwernisse des schnöden Straßenverkehrs eher zumuten mochte. Das kostbare Prunkstück sollte per Flaschenzug – das Treppenhaus erwies sich als zu eng - durchs Fenster ins Wohnzimmer verfrachtet werden, um dort der täglichen Erbauung und Berauschung zu dienen. In meiner Werkstatt drehte ich stundenlang Kreise um meine (!!!) MV, schob sie vor, schob sie zurück. Dann traf sie ein Sonnenstrahl und mich der Blitz. Ich musste einfach eine kleine Proberunde drehen. Diese paar Kilometer änderten alle Vorsätze. Nicht, dass die MV sich beim Fahren grundsätzlich von japanischen Vierzylindern unterscheidet. »Die GSX-R geht brachialer und spritziger zur Sache«, klärte mich ein in Bewertungsbögen des letzten Supersportlervergleichstest wühlender Kollege auf. Was er nicht weiß: Das Schönste an der MV ist nicht das Fahren, sondern das Tanken. Dieser Augenblick, wenn ich nach dem Bezahlen auf diese Skulptur auf Rädern zugehe, die da zwischen den Zapfsäulen prunkt wie eine Marmorgöttin in einem griechischen Tempel. Auch der hat schließlich Säulen. Mehr Öffentlichkeit möchte ich ihr nicht zumuten. Biker-Treffpunkte lasse ich links oder rechts am Straßenrand liegen. Dem dort drohenden Gegaffe könnte ich sie nicht aussetzen. Zumal sie nur wirklich lebt, wenn sie sich bewegt, das habe ich mittlerweile begriffen. Auf dem Weg zur Arbeit – auf MV, womit denn sonst? - spiele ich mit dem Gedanken, meine Stuttgarter Stadtwohnung zu verlassen und in ein Häuschen im Grünen zu ziehen. Damit ich sie länger fahren - und öfter betanken kann.

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