Zündfunke (Archivversion) Ein dickes, schwarzes Grinsen

Regenkombi, ungeliebte Gummipelle. Hab’ ich sie an, verschreckt’s die Mädels. Zieh ich sie aus, wird der Schritt feucht.

Wer nass ist, fürchtet keinen Regen. Das besagt ein altes russisches Sprichwort. Doch was ist, solange man noch im Trockenen sitzt? Da versagt das vermaladeite Sprichwort. Ich jedenfalls fürchte die Regenkombi fast mehr als den Segen von oben. Weil ich mit darin vorkomme wie ein Säugling in den selbst gefüllten Pampers. Die Pelle hält ja nicht nur von außen nach innen dicht, sondern auch umgekehrt. Nordkap oder Irland? Kannste knicken. Zu viel der Tiefs. Die schönsten Wochen des Jahres in schnödem Plastik verbringen? Schrecklich! Es reicht mir schon, wenn ich auf dem Weg in den gelobten Bikersüden geduscht werde. Im strömenden Regen schnatternd darum zu kämpfen, nicht auf die Nase zu fallen, törnt nur die Masochisten unter uns Motorradlern an. Erschwerend kommt hinzu, dass die Finger mit Regenhandschuhen aussehen, als hätte man sie in Frankensteins Labor angenäht bekommen. Auch die Schuhgröße ist durch die Fußpräser auf mindestens XXXL gewachsen. Und das in Schweiß gebadet! An der nächsten Raststätte schreckt dieses Outfit die lieben Kleinen derart, dass sie sich nicht mehr aus Mamas Obhut wagen. Dann der Alptraum schlechthin: Aus dem Cabrio gegenüber – Dach natürlich geschlossen – steigt (m)eine leichtbekleidete, langbeinige Traumfrau aus, öffnet neckisch ihren Knirps, lacht schadenfreudig herüber. Oh Mann, sehe ich alt aus in diesem Ganzkörperkondom!Nix wie weg. Endlich fahre ich die schöne Uferstraße am Lago Maggiore entlang, flirte mit den Vespa-Mädels. Geile Kurven, Sonne. Bella Italia. Kein Gedanke mehr an die Gummipelle im Tankrucksack. Na ja, ein paar Wolken ziehen schon dahin, aber kein Grund zur Beunruhigung. Ja, was ist denn nu los? Aus heiterem Himmel: tropf, tropf ...! Ab ins Hotel. Bummelnde Autofahrer mutieren zu meinen Feinden: Sieht dieses A.. denn nicht, dass ich schneller sein muss als diese bedrohliche, wasserschwangere, dicke Wolke hinter mir? Als ich in den Spiegel schaue, grinst sie mich schwarz und fett an. So, als wolle sie sagen: »Warte nur, ich krieg’ dich! Da kannst du Hayabusa, ZX-12R, MZ Baghira oder sonst was fahren. Und wenn ich’s nicht schaffe, freu dich nicht zu früh! Ich hab’ noch eine Menge Kumpels in Wolkenkuckucksheim. Die Straße wird sich in eine Schlammpiste verwandeln. Lkw werden dein stundenlang gewienertes Moped von oben bis unten einsauen.«Von wegen, blöde Wolke! Bis zum Hotel ist’s nicht mehr weit. Ich bin schneller! Weg da, du Blecheimer. Klorolle auf der Ablage, Hut ab, du Penner! Hui, 140! Ist das nicht doch ein bisschen zu viel? Geht nicht anders, kein Bock auf Regenkombi. Da vorn ein Tunnel. Das reicht noch. Und am anderen Ende – ein Wolkenbruch. Sie hat mich doch überholt! Nein, ich werde mich nicht regenfest machen. Scheiß Baustelle. Die Karre sieht aus wie Sau. Die Stiefel sind eh voll, im Schritt wird’s auch schon feucht. Jetzt brauche ich sowieso keine Gummipelle mehr. Endlich am Hotel angekommen. Der Regen hat aufgehört. Bei jedem Schritt quietscht’s , läuft mir die schmutzige Brühe aus den Stiefeln. Vor mir steigt – schon wieder! – meine leichtbekleidete, langbeinige Traumfrau aus dem Cabrio, öffnet neckisch das Faltdach, lacht mitleidig herüber. Und über mir sehe ich dieses dicke, schwarze Grinsen. Beim Campari spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken, meiner Oma ihr klein Häuschen zu verkaufen. Um mir ein Cabriolet zuzulegen. Bei Grappa dann fällt’s mir wie Schuppen von den Haaren. Und ich hab’ wieder mal was fürs Leben gelernt: 1. Lass deine Finger von cabriotischen Damen. Die haben dich nicht verdient. Nicht mal im Ganzkörperkondom. 2. Lieber auf dem Motorrad nass sein als im Auto furztrocken. 3. Fahr nicht ins entlegene Hotel, sondern in die erstbeste Kneipe, wenn du es wieder siehst: dieses dicke. schwarze Grinsen.

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