Zündfunke (Archivversion) Homo ludens

Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt. Meinte Friedrich Schiller. Schiller würde heute Motorrad fahren. Meint Pfarrer Jochen Wagner.

Sich ins Straßencafé setzen und die Blicke schweifen lassen – auf schöne Menschen, schöne Maschinen. Danach hungert die Seele. Doch mit dem reinen Augenschmaus ist es nicht getan. Schließlich hat der Mensch Ohren, um zu hören. Außerdem: Schönheit war schon immer mit Gesang verbunden. Vor allem die Verlockungen und die Gefahren, die von ihr ausgehen. Mit ihren betörenden Tönen trieben die Sirenen der griechischen Mythologie ganze Schiffsbesatzungen in den Tod. Diese Fabelwesen waren Sinnbild der verführerischen Natur. Und die modernen Sirenen? Sie singen das Hohe Lied auf die Lust zur Technik. Die beliebtesten Interpreten dieses Genres heißen Lafranconi, Conti, Stucci, Termignoni. Nein, das sind keine italienischen Tenöre. Aber messen können sie sich mit Pavarotti und Konsorten allemal. Zumal sie der Belcanto vereint. Solch Schöntönerei steht für Leidenschaft, die großen Gefühle. Sie provoziert im Hörer die Sehnsucht, sich diesen Emotionen ganz hinzugeben. Das gilt übrigens nicht nur für die Freunde der italienischen Oper. Auch Motorräder sind komponiert wie große Kunst. Da wird der Motor inszeniert in wahrlich stilvollem Rahmen, oder er verbirgt sich hinter einem schicken Kleid. Rundungen, Schwünge, Linien, Proportionen, Schnitte. Dieses Objekt weckt die Begierde. Anschauen, berühren, streicheln – und erst nach tausendfachem Entdecken wird der Gebrauch ausgekostet. Über dem Markenlogo prunkt dann der Besitzerstolz. Eine Emotion wider alle Vernunft? Ein unwiderstehlicher Reiz? Ja, würde Friedrich Schiller sagen. »Weil es die Schönheit ist, durch die man zur Freiheit wandelt.« So steht’s in seinen Briefen zur »Ästhetischen Erziehung des Menschen«. Da ist auch vom »Stofftrieb« und »Formtrieb« zu lesen. Wobei ersterer nach wollüstiger Verausgabung giert, während sein Pendant nach souveräner Beruhigung und Stetigkeit strebt. Die daraus resultierende Enthemmung und die sie kontrastierende Konzentration benötigen ein sinnliches Objekt, an dem sie sich ausleben. Das muss keine griechische Statue sein. »Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen«, erkannte Schiller. »Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.«Wo käme diese Maxime besser zu ihrem Recht als beim Motorradfahren, wo Spiel und Schönheit, Aktion und Traum, Tat und Gefühl sich verschwistern. Freilich gibt es keine Schönheit ohne Risiko und keine Lockung ohne Gefahr. Das animal rationale, das vernunftbegabte Tier, das der Mensch ist, will beides: die Sau rauslassen, richtig Gas geben – und dann wieder eine ruhige Kugel schieben, sich der Muse hingeben, durch Landschaften flanieren, das Straßencafé heimsuchen. Nach Schiller beruht des Menschen Würde auf der Unterscheidung von purer Sinnlichkeit und reinem Verstand. Seine Glückseligkeit dagegen auf der geschickten Aufhebung dieses Unterschieds. Wer Motorrad fährt, kennt beides. Da berühren sich die Extreme: Raserei und Besinnung, Zerstreuung und Sammlung, Sinnlichkeit und Vernunft. Daher braucht es Gefühl und Verstand, soll die Fahrt nicht zum Teufel gehen. Wer hirnlos bolzt oder nur kopfgesteuert herumeiert, riskiert einen kalten Arsch. Hirn und Hintern kommen eben nur zusammen im Spiel. Im Spiel mit dem Schönen. Mit den schönen Dingen, die Verstand und Gefühl zusammenhalten.So lässt sich vielleicht manch tödliches Spiel verhindern. Denn in der mittleren Stimmung, dem ästhetischen Gefühl, sind Sinnlichkeit und Verstand zusammen tätig und vereint..

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