Zündfunke (Archivversion) Colorado

Die Farbenwelt des Motorrads ist bunt wie eine Haribo-Tüte.

Ein Rennfahrer aus dem Ennepetal hatte einmal eine äußerst originelle Idee und pinselte anno 1988 seine Seel- und Rotax-Racer penetrant umweltfreundlich an. »Waldmann und grün - das passt doch.« Bedingt, Ralf. Weil der Motorradler Grün nur in schwerromantischen Irrungen und Wirrungen mit Feld, Wald(mann) und Wiese zu assoziieren beliebt. Weswegen Waldi eine farbechte Karriere lediglich auf Kawasaki beschieden wäre.Grün und Kawasaki, das passt nun mal wie der Kolben in den Zylinder, wie Rot zu Ducati oder – neue Zeiten, neue Lacke – Kalaharigelb zum Dachträger BMW C1. Farbe, so oberflächlich sie sein mag, lässt tief blicken: Kawasakis Grün – Gift für alle Schleicher, Ducatis Rot – die Leidenschaft, die Leiden schafft, BMWs Kalaharigelb – auch Deutschland war mal Kolonialmacht.Was hat Farbe an Motorrädern zu suchen? Zunächst mal Blech und Plastik. Um selbiges zu verschönern – und alsdann Bedeutung zu tragen. »Zwei gedämpfte Schwarztöne – betont durch leuchtende silberne Streifen - geben der CBR eine reife Note urbaner Sportlichkeit«, fabulieren Honda-Marketingler über einen 2000er-Anstrich der Fireblade. Selten las sich Nonsens smarter. Sei’s drum. Farbpsychologisch entpuppt sich die Kombination Schwarz-Silber jedenfalls als von eher sinistrer Stimmung. Sie steht für das Abweisende, für Einsamkeit, Gefühllosigkeit, Heimlichkeit, Leere und Unfreundlichkeit. Eigenschaften des Stadtneurotikers. Wie die Soziologin Eva Heller in einem Versuch, bei dem 1888 Frauen und Männer Farben Gefühlszuständen zuordnen sollten, herausgepuzzelt hat. * Für Schwarz-Silber spricht freilich, dass es auch die Aura des Eleganten vermittelt. Der Trend hoppelt, übrigens nicht nur bei Honda, hurtig weg vom prolo-grellen Zacken-Design. Die Racer sind erwachsen geworden, bevorzugen gedeckte Töne. Und trugen Heizer früher nicht sogar standesgemäß Schwarz? Zugegeben: nur auf Lokomotiven. Ob der Kunde solch verkünstelte Farbspekulationen begreift? Schwarz jedenfalls ordnet der Motorradfahrer – das ergab eine MOTORRAD-Umfrage im Internet – eindeutig klassischen Krädern aus den Häusern Harley-Davidson und BMW zu. Rot und Grün – eh klar. Orange – KTM oder, sofern fortgeschrittenen Semesters, Laverda. Dabei, so die Legende, orangierten Laverda ursprünglich, weil in dem Werk, aus dem auch Landmaschinen rollten, immer ein paar Kübel dieser beliebten Mähdrescher- und Häckslergrundierfarbe rumstanden. Der ein billiges Image anhängt und die, der also gewandeten Müllmänner und Straßenkehrer wegen, sogar als anrüchig gilt. Mag’s bei Laverda Zufall gewesen sein, so ist’s bei KTM definitiv Kalkül. Weil Orange auch Energie, Aktivität, Aufregung und Begierde symbolisiert. Zumal das dunkle Grau, mit dem KTM diese Mixtur aus Rot und Gelb kontrastiert, den schrillen Ton wohl temperiert. Außerdem: In der bunten Welt der Enduros war justament diese Farbe noch frei – für eine Nischenmarke als Alleinstellungsmerkmal optimal.Da überrascht, dass Ducati raus geht aus der roten Ecke und jetzt auch bei den Supersportlern - Fokus auf die exklusive 748 – verschärft mit Gelb experimentiert. Obwohl das althergebrachte Rot trefflich konveniert. Der Tradition wegen – in den 30er-Jahren hatten Rennautos aus Italien gefälligst zu erröten, die aus Frankreich zu erblauen, die britischen zu ergrünen, während Deutschlands Boliden verweißten, bis dann das Silber kam. Das übrigens auch die glorreiche Königswellen-Epoche bei Ducati dominierte. Erst Mitte der 80er setzten die Bologneser bedingungslos auf Rot. Und jetzt Gelb. Haut hin. Weil Gelb eben nicht nur Neid, Geiz und Egoismus suggeriert. Mit Rot und Orange – »gehört es«, so Eva Heller, »zu den Farben der Aktivität und der Energie«. Weil Farben, je nach Kontext, mal dies, mal jenes aussagen – Rot koloriert Liebe wie Hass – helfen die Hersteller freundlich nach. Mit interpretationsleitenden Farbbezeichnungen. Wie BMW mit seinem deutschsüdwestig-kolonialen Kalaharigelb oder, auch nicht schlecht, weil schon in Kalahari drin: Lahargrau. Irgendwie alles Laharifari. Den Vogel im Reich des Grauens schießt jedoch Cagiva ab – mit Batman Grey. Nie war es aufregender, eine graue Maus sein. Was nichts daran ändert, dass immer mehr Motorradfahrer schwarz sehen. Obwohl sogar Harley, Dunkelmanns Lieblingsmarke, einst mit Maschinen in allen gebräuchlichen Unterhosenfarben seinen Siegeszug begann. Aber in einem ähnlichen Farbspektrum läuft ja auch so manche Schleckerkarriere ab. Am Anfang war der Gummibär, gen Ende dräut schwarze Herrenschokolade.*Eva Heller, Wie Farben wirken, Reinbek. 1989.

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