Zündfunke (Archivversion) Fetischisten – ans Krad gekettet?

Vom Fetisch zum Markenfetisch - über die Archaik der Postmoderne am Beispiel von Sitting Bull und Guzzi-Willi, Deo-Spray und Harley-Davidson.

Es (werbe-)spottet jeder Beschreibung: Sprüht sich ein Jüngling parfümiertes Zeugs unter die Achsel, verlässt sein Domizil so proper, dass diverse Damen Witterung aufnehmen und, von animalischen Zwängen gesteuert, willenlos hinterherhecheln. Für solch grandios zynischen Stuss treiben Marketingler und Werber mächtig viel Aufwand. Weil sie einem beliebigen Produkt zum Zwecke des Abverkaufs die Aura des Außergewöhnlichen verleihen. Zum simplen Gebrauchswert, in Sachen Deo: Antischweißtinktur, gesellt sich seine besondere Erscheinung: lockt Mädels ein. Das Ding soll Wunder tun, entschwebt in magische Dimensionen. Es gerät zum Fetisch, der, im Extremfall, seinen Besitzer definiert. Ein Zaubertrick, der schon seit Ewigkeiten funktioniert: Da pumpt sich - klassisches Beispiel aus archaischer Gesellschaft - der Buschmann mit allem voll, was antörnt, torkelt hinaus in die Savanne, kasteit sich freudig. Bis ihm irgendein auffälliges Objekt, egal ob Affenknochen oder bunter Stein, ins delirierende Auge sticht und subito vergöttert wird. Dieser Fetisch soll Kraft und Selbstbewusstsein verleihen in einer Welt, die er rational nicht begreift, stets bedrohlich erscheint. Indianer Nordamerikas tauften sich sogar nach solch wundersamen Erscheinungen - Sitting Bull, Crazy Horse, Klein Adlerauge. Ganz schön mutig, denn wenn der Fetisch versagt, der Bison schneller ist, steht Häuptling Lahme Ente ziemlich belämmert in der Prärie rum. Da kann’s, wie in Zentralafrika Brauch, doch sehr von Vorteil sein, den Fetisch jederzeit austauschen zu können. Hilft Krokodil nicht, schafft’s vielleicht Hirsekorn. Heutzutage gelten ähnlich gestrickte Herrschaften als unsichere Kandidaten, nämlich als potentielle Markenwechsler. Motorradfahrer zelebrieren dagegen noch oft die eher sitting-bullsche Variante des Fetischismus. So zeichnen im Forum von MOTORRAD online Diskutanten ihre Beiträge mit »Oskar mit grüner ZXR«, »Ludwig mit Klopper-Harley«, »Harry mit geiler 748«, »Kunigunde mit Boxergrüßen« oder »Guzzi-Willi«. Die Maschinen gehen ein in die Namen, und die sind hier, wo sich alles um Bikes dreht, im wahrsten Sinn der Worte Schall und Rauch. Denn im Unterschied etwa zu Armani-Schröder, Politikinteressierten auch als Kanzler bekannt, der das ihm anglossierte Markenzeichen imagetechnisch schrecklich gern wieder los wäre, legt sich der Biker sein Anhängsel – Guzzi, grüne VTR oder was auch immer - höchstpersönlich zu. Als so eine Art Glaubensbekenntnis, womit er in postmodernen Zeiten den religiösen Ursprung des Fetischs restauriert. Mit allen seinen Riten und Geboten und einen nettten Portion Intoleranz den Ketzern, den Andersfahrenden gegenüber. Dieser recht archaisch geratenen Form des Fetischismus frönen insbesondere die Anhänger der auf Tradition setzenden europäischen und amerikanischen Hersteller, die eisern an ihren Konstruktionsprinzipien festhalten. »Hier Boxer!« »Hier Vau!« Der Gebrauchswert »Motorradfahren« ordnet sich der Marke, der Konfession unter. Weswegen überzeugte Anhänger Verrisse ihrer Maschinen in MOTORRAD geradezu goutieren. Weil sie das alleinseligmachende Bike längst gefunden haben. Nur Novizen motzen leserbrieflich auf. Marketing-Spezialisten reden hier von einem »ästhetischen Monopol«. Ganz anders die Sportlerfraktion: Die heischt nach »ästhetischer Innovation«. Also bringt jeder Modelljahrgang noch mehr PS, noch mehr Speed - stärker, schneller, besser sein als die andern. Läuft alles auf eine Fetischisierung des Leistungsprinzips heraus, das sich im Supersportler auf höchstem Niveau verdinglicht. Woran leichthin zu sehen ist, wie sich der Fetisch im Laufe der Geschichte verändert. Er mutiert vom simplen Objekt zum Funktionszusammenhang. Und in der Motorradszene finden sich mal wieder Anfang und Ende, das A und O.* Alle Namen sind selbstverständlich frei erfunden

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